Simon Häberli und seine Leidenschaft für Tiny Houses

Schon mit zwölf Jahren baute Simon Häberli aus der Lustmühle sein erstes Tiny House. Sechs Jahre später kombiniert er Ausbildung, Kleinunternehmen sowie kreative Projekte und zeigt, dass handwerkliches Talent, Unternehmergeist und Leidenschaft kein Mindestalter kennen.

Simon Häberli hat sich im Elternhaus seine eigene Werkstatt eingerichtet. Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
Simon Häberli hat sich im Elternhaus seine eigene Werkstatt eingerichtet. Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

«Ich bin stolz darauf, dass ich bereits mit zwölf Jahren mein erstes kleines, bewohnbares Haus gebaut habe, ein echtes Tiny House», erzählt Simon Häberli sichtlich erfreut. Das Baumaterial habe er vollständig aus eigener Tasche bezahlt. Dies unter anderem dank eines Sponsorenlaufs sowie mit selbst gesägten Holzsternen, die er von Tür zu Tür gehend verkauft habe. Das Häuschen hat er danach an Feriengäste vermietet. «Insgesamt konnte ich es fünf oder sechs Mal vermieten. Es war schön, zu sehen, dass es auf Interesse stiess und tatsächlich Gäste darin übernachten konnten», erinnert er sich. Heute absolviert der 18-jährige Simon Häberli das zweite Lehrjahr der Ausbildung zum Zimmermann. Gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Schwester Sarah lebt er in der Lustmühle.

Baustoff Holz fasziniert

Simon Häberli sprüht vor Energie und Tatendrang, seine Ideen scheinen grenzenlos. Vom ersten Moment an wird spürbar, wie viel Leidenschaft und Herzblut er in seine Projekte investiert. Für den jungen Mann kommen halbe Sachen nicht infrage. Was er beginnt, bringt er mit Konsequenz und Ausdauer zu Ende. «Ich habe schon viel gelernt und nie aufgegeben», sagt er.

Seit er denken könne, arbeite er gerne mit Holz, erzählt Simon Häberli. Mit acht Jahren erhielt er seine erste Akku-Stichsäge, und wenig später baute er seine allererste Hütte. «Zweistöckig war sie», bemerkt er. Lachend fügt er hinzu: «Kurze Zeit später hatte ich schon bessere Maschinen als mein Vater.» Das Bauen liege in seiner Familie, betont er. «Schon mein Grossvater hat leidenschaftlich gerne Häuser umgebaut. Auch mein Vater baut mit Begeisterung Häuser um. Doch beide haben den Beruf des Zimmermanns nie erlernt.» Für Simon Häberli hingegen stand schon früh fest, dass er Zimmermann werden möchte. Holz sei ein besonders schöner Baustoff, sagt er. «Es gibt nur wenige Berufe, in denen man das Holz wachsen sieht und am Ende ein fertiges Produkt hat.» Für ihn sei es besonders erfüllend, mit den Händen zu arbeiten und am Abend das Resultat seiner Arbeit zu betrachten.

Lockdown-Projekt Tiny House

Während des Lockdowns kam Simon Häberli auf die Idee, sein erstes bewohnbares Häuschen zu bauen. «Ich habe von Frühjahr bis Herbst 2020 daran gearbeitet. Damals war ich in der fünften beziehungsweise sechsten Primarklasse», erzählt er. Aus bereits zu Hause vorhandenen Brettern entstand das kleine Haus. Für den Innenausbau benötigte er Geld, das er selbst aufbrachte. Denn das Tiny House verfügte über eine Küche, einen Esstisch, eine Garderobe und ein Bett. Ein Badezimmer gab es jedoch nicht. Von seinen Klassenkameraden sei er zunächst belächelt worden. Niemand glaubte, dass er mit seinem Tiny House erfolgreich sein würde. Simon Häberli erklärt: «Ein Tiny House ist ein Kleinwohnhaus mit unter 60 m² Wohnfläche. Tiny Houses konzentrieren sich auf das Wesentliche, setzen auf Nachhaltigkeit und minimalen Wohnraum. Für das Wohnen ist eine Baugenehmigung erforderlich.» Ein Tiny House sei zwar klein, aber grosse Fenster liessen es grösser wirken. Nach der Fertigstellung seines ersten Tiny House im Herbst 2020 veranstaltete Simon Häberli eine kleine Eröffnungsfeier. Besonders stolz war er darauf, dass das «St. Galler Tagblatt» und «TV Ostschweiz» auf ihn aufmerksam wurden. Ab dann drehte sich für ihn alles um das Tiny House. Er zeigt auf einen Serviettenständer, den er in der sechsten Primarklasse gefertigt hat, ebenfalls ein Mini-Tiny-House. Während dieser Zeit gründete er seine eigene Firma, «Simons Tiny House». Neben diesem einen Tiny House hat er zwei weitere (Schiffscontainer und Baumulde) gebaut, von denen er eines verkauft hat und das andere vermietet.

Simon Häberli hat ein Tiny House aus einer Baumulde gebaut. Bild: zVg.

Learning by doing

Simon Häberli baute aus einem Schiffscontainer, den er mit Unterstützung seines Vaters im Internet gekauft hatte, ein zweites Tiny House. Der Container wurde per Tieflader geliefert. Zuerst musste der Jungunternehmer 3,5 Tonnen Beton aus dem Fussboden spitzen, bevor er den Container innen und aussen mit Holz verkleiden konnte. Die Planung des Tiny House erfolgte mithilfe einer App, mit der sich dreidimensionale Pläne erstellen und der Materialbedarf berechnen lassen. Mit E-Bike und Anhänger fuhr er zum Baumarkt nach Abtwil, um das Baumaterial zu transportieren. «Das Velo hat zünftig gelitten», bemerkt der Tiny-House-Bauer lachend. Das fertige Container-Tiny-House hat er inzwischen verkauft. Doch wo hat Simon Häberli all dieses Wissen her? «Learning by doing», sagt er. Vieles habe er sich im Internet angeschaut und anschliessend selbst ausprobiert. Vor Beginn seiner Ausbildung habe er insgesamt sechs Wochen als Zimmermann geschnuppert und dabei wertvolle Erfahrungen gesammelt. Simon Häberli absolviert seine Ausbildung bei Frehner Holzbau AG in Gais. «Ich lerne dort viel, und das Gelernte aus der Berufsschule kann ich direkt beim Bauen in meiner Freizeit anwenden. Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit, und die Schule ist für mich fast wie Weiterbildung.» Inzwischen hat er auch schon Möbel und Holzterrassen gebaut und sein handwerkliches Können kontinuierlich erweitert. Eine Baumulde hat er in seiner Freizeit ebenfalls in ein Tiny House verwandelt. Dieses vermietet er seit einem Jahr: Im Sommer sind es etwa 20 Übernachtungen, im Winter weniger. Auf die Frage, ob er schon einmal selbst in einem seiner Tiny Houses gelebt habe, antwortet er: «Ja, eine Woche lang. Vieles merkt man erst, wenn man tatsächlich darin wohnt.» Fehler habe er keine festgestellt, aber Verbesserungsmöglichkeiten.

Ein Tiny House aus einem Schiffscontainer. Bild: zVg.
Ein Tiny House aus einem Schiffscontainer. Bild: zVg.

Kreativ finanziert

Für einige Arbeiten musste der Lehrling erfahrene Handwerker aus dem Dorf beiziehen, die ehrenamtlich mitarbeiteten. Mithilfe kleiner Präsentationen seines Vorhabens bei verschiedenen Firmen konnte er zudem Sponsoren gewinnen. Zusammen mit drei Kollegen kaufte Simon Häberli Shirts und Hoodies (Kapuzen-Sweatshirts), die er mit seinem Firmenlogo bedrucken liess. Der Verkauf dieser Kleidungsstücke verschaffte ihm zusätzliche finanzielle Mittel für seine Projekte. Vor zwei Jahren wollte Simon Häberli eigentlich mit dem Bau von Tiny Houses aufhören. «Ich wollte Vollgas an meinem Arbeitsplatz geben.» Doch dann ergab sich die Möglichkeit, eine Piaggio-Ape zu kaufen und an verschiedenen Veranstaltungen Appenzeller Bier auszuschenken. Für eine Piaggio-Ape wird in der Schweiz ab 16 Jahren der Führerausweis A1 benötigt. Dieses Alter gilt zugleich für den Ausschank und den Konsum von Bier. Die Piaggio-Ape erweise sich ausserdem als ideales Transportmittel für das Baumaterial, das er regelmässig besorgt.

Die Piaggio Ape dient zum Bierausschank und zum Transport von Baumaterial. Bild: zVg.
Die Piaggio Ape dient zum Bierausschank und zum Transport von Baumaterial. Bild: zVg.

Unternehmen in drei Bereichen

Mittlerweile habe er sein Kleinunternehmen in drei Bereiche gegliedert: den Bau von Tiny Houses, die Vermietung und die mobile Bierzapfanlage, sagt er. Dem Jungunternehmer ist keine Arbeit zu viel. So putzt er auch das Tiny House, das er vermietet, selbst. «Meine Eltern stehen voll hinter mir und unterstützen mich moralisch, übernehmen aber keine handwerklichen Arbeiten oder Büroaufgaben. Auch die Finanzierung muss ich eigenständig stemmen. Ausserdem ist es wichtig, dass ich das Vertrauen meiner Kunden gewinne. Als 18-jähriger Unternehmer glaubwürdig zu sein ist keineswegs selbstverständlich.» Nach Arbeitsschluss in seinem Lehrbetrieb ist für Simon Häberli noch lange nicht Feierabend. Dann erledigt er anfallende Büroarbeiten, schreibt Briefe an potenzielle Sponsoren und sucht nach neuen Projekten. Die Ideen gehen ihm nicht aus. Für den kommenden Sommer sei ein grösseres Projekt geplant, sofern alles klappe. Doch mehr dazu könne er noch nicht verraten, sagt er. Wo sieht sich Simon Häberli in zehn Jahren? «Sicher werde ich als Zimmermann arbeiten. Da ich bereits vor sechs Jahren ein kleines Unternehmen gegründet habe, kann ich mir gut vorstellen, dass ich dann mein eigener Chef bin und weiterhin mit Leidenschaft an spannenden Projekten arbeite.»

Der zwölfjährige Simon Häberli feierte den Bau seines ersten Tiny Houses mit seinem Vater. Bild: zVg.
Der zwölfjährige Simon Häberli feierte den Bau seines ersten Tiny Houses mit seinem Vater. Bild: zVg.

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