Bereitet Spielgruppe auf den Kindergarten vor?
Viele Eltern fragen sich, ob ihr Kind genug lernt und rechtzeitig bereit ist für den Kindergarten. Wird mein Kind in der Spielgruppe gefördert oder spielt es nur? Spielgruppen folgen keinem Lehrplan, und genau darin liegt ihre Stärke. Denn im freien Spiel erwerben Kinder grundlegende Fähigkeiten fürs Leben.

Die Spielgruppe ist ein freiwilliges Angebot für Kinder zwischen knapp drei und vier Jahren. Sie spielen ohne Eltern ein bis zwei Vormittage pro Woche in einer kleinen Gruppe. Dort sammeln sie soziale Erfahrungen und werden in ihrer Entwicklung begleitet. Am Elternabend der Spielgruppe meldet sich eine Mutter zu Wort: «Nach der Spielgruppe kommen die Kinder regelmässig mit selbst gemachten Bildern aus dem Raum. Unsere Tochter bringt nie etwas Gebasteltes mit nach Hause. Wie soll sie so auf den Kindergarten vorbereitet sein?» Solche Fragen gibt es häufig, und sie zeigen, welche Unsicherheiten bezüglich früher Bildung bestehen.
Eine gute Spielgruppe
Ein verlässlicher Spielgruppenalltag braucht gut ausgebildete, empathische Fachpersonen. Da Spielgruppen keiner staatlichen Qualitätskontrolle unterliegen, tragen Eltern Verantwortung bei der Auswahl. Der Schweizerische Spielgruppen-LeiterInnen-Verband (SSLV) unterstützt mit einer Checkliste zu zentralen Qualitätsmerkmalen (Link zur Qualitäts-Checkliste des SSLV). Entscheidend sind eine fundierte Ausbildung in der Spielgruppenpädagogik, regelmässige Weiterbildungen und eine kindzentrierte Haltung. Idealerweise leiten zwei Personen die Gruppe. Dies ermöglicht mehr Präsenz während der Eingewöhnungszeit und in sensiblen Situationen, beispielsweise wenn ein Kind beisst oder anderweitig Grenzen überschreitet. Während eine Betreuungsperson dem betroffenen Kind Halt gibt, behält die andere die Gruppe im Blick.
Ankommen braucht Zeit
Stefanie hat kürzlich ihren dritten Geburtstag gefeiert. Heute ist ihr erster Spielgruppentag. Es ist die erste Trennung ausserhalb der Familienbetreuung. Die Mutter vertraut der Spielgruppenleitung und strahlt diese Sicherheit auch auf Stefanie aus. Erst hält sie sich am Hosenbein der Mutter fest, doch schon bald findet sie ins freie Spiel und sortiert Holztiere. Die Mutter beobachtet das mit Skepsis. Warum sucht Stefanie keinen Kontakt zu anderen Kindern? Die Spielgruppenleitung erklärt: «Mit drei Jahren reichen kurze Begegnungen, in denen sich Kinder helfen, teilen oder etwas nachahmen. Gemeinsame Rollenspiele entstehen erst später. Entscheidend ist, dass Stefanie sich wohlfühlt. Dann kann sie spielen und ihren Platz in der Gruppe finden.»

Gemeinschaft erleben
Im freien Spiel bestimmen Kinder selbst, womit sie sich beschäftigen und wie lange. Sie erleben Autonomie und Selbstwirksamkeit. Wichtige Grundlagen fürs Lernen. Die Spielgruppenleitung mischt sich nicht ins Spiel ein. Sie beobachtet aufmerksam und greift nur ein, wenn es nötig wird. Konflikte unter den Kindern sind wichtige Lerngelegenheiten. Kinder erhalten die Möglichkeit, den Streit selbst zu lösen. Eingreifen geschieht ruhig und schützend. Die Leitung wendet sich an Jakob, der gerade einen Baustein nach einem anderen Kind wirft: «Stopp, Jakob! Die Bauklötze sind zum Bauen. Ich will, dass wir alle heil bleiben.» Dann folgt die Einordnung der Gefühle: «Bist du wütend, weil Leandra sich den Bauklotz geholt hat?» So lernen Kinder, ihre Gefühle wahrzunehmen, auszudrücken und Frust zu regulieren. Indem sie eigene Lösungen finden, stärken sie das Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Wenn die Kinder spielen, gemeinsam Znüni essen oder singen, erleben sie Zugehörigkeit. Margrit Stamm, Schweizer Erziehungswissenschaftlerin, beschreibt in ihrem Dossier zum Kindergartenübertritt neben Gruppenfähigkeit auch Selbstständigkeit, Loslösung von der Familie, Regelverständnis, Durchhaltevermögen und motorische Grundfertigkeiten als wichtige Fähigkeiten für den Kindergartenübergang.

Spielgruppe ist keine Schule
Spielgruppen folgen keinem Lehrplan. Spielen bedeutet lernen und passiert, ohne dass Erwachsenen aktiv beitragen müssen. Kinder lernen, indem sie beobachten, handeln und ausprobieren. In der Spielgruppe gibt es vielfältige Gelegenheiten zum Erkunden. Die Kinder entscheiden selbst, ob und wann sie diese Gelegenheiten nutzen. Ein Werktisch mit Scheren, Papier und Farben steht bereit. Er lädt ein, mehr nicht. Zurück zum Elternabend und der Frage der Mutter bezüglich Bastelarbeit ihrer Tochter: «Alle Kinder dürfen werken, kein Kind muss.» Wenn ein Kind kein Papier schneiden möchte, dann schneidet es vielleicht ein anderes Mal Knete oder Gräser im Garten. Vielleicht hatte es heute keine Zeit, zu schneiden, weil es beschäftigt war mit Verhandeln oder es hat sich etwas zugetraut, was gestern noch nicht möglich war. Spielgruppen sind keine Vorbereitungskurse für den Kindergarten. Sie sind ein sicher begleiteter Spiel- und Erfahrungsraum. Hier entdecken Kinder ihre Interessen, knüpfen Beziehungen und lernen, in sich selbst zu vertrauen.
*Die Autorin ist zertifizierte Spielgruppenleiterin und Ausbilderin für das Bildungszentrum Frühe Kindheit.
