Die Schindelmacher vom Hüsliberg
Seit rund vier Jahren stellen der pensionierte Landwirt Jakob Roth und seine Partnerin Anita Aemisegger Schindeln aus Holz her. Das aufwendige Handwerk fordert das Rentnerpaar vom Hüsliberg nahe Ebnat-Kappel; doch die nachhaltige, sinnvolle Tätigkeit gibt ihnen auch viel zurück.
Nach seiner Pensionierung hat der Landwirt und bekannte Vorjodler Jakob Roth vom Jodelchörli Hüsliberg Ebnat-Kappel vor etwa vier Jahren durch Bekannte eine neue Beschäftigung gefunden: Zusammen mit seiner Lebenspartnerin Anita Aemisegger fertigt er in der Werkstatt seines Wohnhauses in Handarbeit Holzschindeln aus Lärchenholz – und neuestens auch aus Kastanie – an. Vor allem die Arbeit mit dem faszinierenden Werkstoff Holz hat den beiden von Anfang an Freude bereitet.
Resistente, duftende Lärche
Schon beim Eintreten in die Werkstatt wird man vom kräftigen Duft des Lärchenharzes empfangen. Die Lärche ist es denn auch, aus denen das Rentnerpaar die Schindeln hauptsächlich herstellt. Diese wächst vorwiegend im Bündnerland, wo sie dank ihrer dicken Rinde im Schutzwald optimal vor Schäden durch Steinschläge geschützt ist. Die Lärche weist eine hohe Dichte und Härte auf. Sie gehört zu den schwersten und härtesten Nadelhölzern und ist von Natur aus ausgesprochen witterungsbeständig und langlebig. Zudem ist sie weitestgehend resistent gegen Schädlinge und Pilze und eignet sich deshalb besonders für den Einsatz im Freien. Regen, Wind und Frost können dem Lärchenholz nichts anhaben. Entsprechend kann dieses sehr gut für Schindelfassaden und sogar Schindeldächer verwendet werden. Als Zugabe produziert sie ein besonderes Harz, welches in der Naturheilkunde Anwendung findet.

Raue Oberfläche erhalten
Für eine optimale Qualität der Schindeln werden die Lärchenholzstämme bereits im Wald anhand des einwandfreien Wuchses ausgesucht. Um eine entsprechend verbesserte Dauerhaftigkeit zu erreichen, sollten die Stämme in der Nähe des späteren Verwendungsortes geschlagen werden. Die bis zu sechs Meter langen und sehr schweren Stämme mit einem Durchmesser von 40 bis 80 Zentimetern liefert der Untervazer Dachdecker Stäger an Jakob Roth oben am Hüsliberg. Mit der Motorsäge längt dieser darauf den Stamm auf etwas mehr als die gewünschte Schindellänge ab. Im nächsten Verarbeitungsschritt erfolgt das Aufspalten in sogenannte Mösel; je nach Dicke des Stammes in mehr oder weniger davon. Für einen geraden und sauberen Schnitt sägt Roth die Mösel dann mit einem feinen Fräsenblatt auf ihre endgültige Länge zu. In der Werkstatt werden sie je nach Wuchs und Verwendungsmöglichkeit einzeln beurteilt und entsprechend abgespaltet. Für Dachschindeln beträgt die gewünschte Dicke acht bis zehn Millimeter, für Fassaden sind es sechs bis acht Millimeter. Dabei ist die Faserung des Holzes äusserst wichtig, damit bei den Schindeln die gewünschte wellenförmige und leicht aufgeraute Oberfläche erhalten bleibt. So fliesst das Regenwasser besser ab und die Schindeln können schneller wieder abtrocknen. Bei maschinell hergestellten Schindeln mit einer glatten Oberfläche würde dieser Effekt nämlich fehlen.
Beim anschliessenden Putzen entfernt das Rentnerpaar allenfalls vorhandene vorstehende Holzsplitter. Für den gewünschten natürlichen Abtrocknungseffekt muss dabei streng darauf geachtet werden, dass die Schindeln auf dem untersten und dem Wetter ausgesetzten Teil nicht geglättet werden. Fast zum Schluss werden die Werkstücke noch auf beiden Längsseiten im rechten Winkel zur Schnittfläche auf die gewünschte Breite abgelängt. Im letzten Arbeitsschritt bündeln die Schindelmacher das Endprodukt in für den Dachdecker handliche Pakete von etwa 40 Zentimeter Durchmesser und lagern sie unter Dach trocken bis zur Abholung.
Nachhaltige Langlebigkeit
Für einen Quadratmeter Holzfassade werden später bis zu 100 Schindeln benötigt. Dabei werden die Schindeln völlig naturbelassen und ohne zusätzliche Behandlung fertig montiert. Eine bessere ökologische Verwendung des Holzes scheint gar nicht möglich. Solche Holzfassaden halten bei richtiger Montage bis zu 100 Jahre lang. Die beim Abspalten anfallenden Reste dienen als Anzündhilfe.
Zurzeit bearbeiten die umtriebigen Rentner einen ganz speziellen Auftrag für eine Fassadenverkleidung aus Kastanienholz. Dieses Holz ist zum Verarbeiten extrem hart und benötigt einen erheblichen Kraftaufwand. Zum Glück hat Jakob Roth eine robuste Postur und kräftige, grosse Hände.
Das Herstellen von Schindeln ist mit viel Handarbeit verbunden. Doch sieht man den beiden an, dass ihnen die Arbeit viel Freude und Befriedigung bereitet. Sie schätzen es zudem, eine sinnvolle Tätigkeit gefunden zu haben, welche maximale Nachhaltigkeit beinhaltet. Die Arbeit hält das Rentnerpaar fit und beweglich und am Abend können sie zufrieden auf ihr Tagwerk zurückschauen. Und falls ihnen mal nicht nach Arbeit zumute ist: Der Nebenerwerb ohne Zeitdruck erlaubt es Anita Aemisegger und Jakob Roth, an einem schönen Tag einfach einen Ausflug zu unternehmen und die Pensionierung zu geniessen.

