Das Recht auf Wind in den Haaren bis ins Alter

Das Leben sollte auch im Alter noch bewegt sein. Das fand Ole Kassow aus Dänemark und bot Altersheimen an, ihre Bewohnenden mit der Rikscha zu chauffieren. Aus der Idee entstand «Radeln ohne Alter». In der Ostschweiz gibt es heute 24 Rikscha-Standorte. Einen davon im Pflegewohnheim Thal-Rheineck.

Auf gehts mit der Rischka des Pflegewohnheims Thal-Rheineck durchs Dorf.
Auf gehts mit der Rischka des Pflegewohnheims Thal-Rheineck durchs Dorf.

Kaum steigen die Temperaturen die Thermometerskala hinauf, entdeckt man sie wieder auf den Strassen oder Wegen rund um den Buechberg: die Rikscha des Pflegewohnheims Thal-Rheineck, die für luftige Ausfahrten der Bewohnerinnen und Bewohner sorgt. Auf der gepolsterten Bank unter dem knallroten Dach sitzen pro Fahrt ein oder zwei Passagiere, die nach Herzenslust staunen, winken und plaudern dürfen. Wer sie beobachtet, fragt sich zu Recht: Sollte so eine Rikscha nicht in jedem Alters- und Pflegeheim Standard sein?

An diesem Freitag strahlt die Sonne mit den Passagieren um die Wette. Zwei ältere Damen und ein Herr kommen in den Genuss einer Frühlings-Rikscha-Fahrt. Die erste Passagierin erzählt bei ihrer Rückkehr glücklich, dass sie am liebsten mit diesem Fahrer fahre. Auf die Frage, warum, lacht sie verschmitzt: «Er isch so en schöne Maa.» Da muss auch er schmunzeln.

Wo es auf der Fahrt hingeht, das machen Fahrer und Fahrgäste normalerweise selbst miteinander aus. Die Frau mit der grauen Haarpracht weiss aber ganz genau, wohin sie möchte. «Ich zeige den Fahrern Wege, die sie noch nie gesehen haben.» In dieser Hinsicht können Fahrerinnen und Fahrer von den Bewohnern viel profitieren. Zudem lernen Fahrer wie auch Fahrgäste neue Leute kennen. Manche von ihnen erinnern sich und erzählen von früher. Genau das war die Idee von Ole Kassow aus Dänemark.

Der alte Mann

Eines Morgens auf seinem täglichen Arbeitsweg bemerkte Ole Kassow einen alten Mann. Er sass an einem sonnigen Plätzchen auf einer Bank. Neben ihm seine Gehhilfe. Er sass da. Jeden Morgen. Zwei Wochen lang. Manchmal las er Zeitung. Angezogen war er immer tadellos. Der Mann hiess Thorkild. Er war 97 Jahre alt und wohnte im Altersheim. Beim Durchstöbern alter Bilder von Kopenhagen aus dem Jahre 1930 realisierte Ole, dass Thorkild sich früher jeden Tag mit dem Fahrrad in der Stadt fortbewegt haben muss und es genauso geliebt hat, wie er es heute selbst tut.

Ole Kassow sah einen Mann, der Tag für Tag auf einer Bank sass. Das brachte ihn auf die Idee, Rikscha-Fahrten anzubieten. Bild: Symbolbild
Ole Kassow sah einen Mann, der Tag für Tag auf einer Bank sass. Das brachte ihn auf die Idee, Rikscha-Fahrten anzubieten. Bild: Symbolbild

Ole hörte viele Geschichten von älteren Menschen, die schweren Herzens das Velofahren aufgeben mussten, weil sie Angst hatten, sich zu verletzen. Es waren Geschichten über die Sehnsucht nach Freude und Freiheit und persönlicher Mobilität.

All diese Gedanken liessen ihn nicht mehr los. Er fragte sich, wie er den alten Thorkild zurück aufs Velo bringen könnte. Im August 2013 stand er deshalb mit einer gemieteten Rikscha vor einem Altersheim in Kopenhagen. Obwohl er seine Idee selbst für verrückt hielt, betrat er das Heim und bot einer Pflegerin Stadtrundfahrten für zwei Bewohner an. Die Pflegerin war begeistert und erschien kurz darauf mit der älteren Gertrud. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg Richtung Langelinie, der bekannten Hafenpromenade Kopenhagens.

Strampeln und schwatzen

Während der Rikscha-Fahrt erzählte Gertrud Ole von ihrer Zeit in Grönland und davon, wie sie früher mit ihren Kindern zum Hafen von Kopenhagen gegangen war, um die Schiffe zu beobachten. Die Fahrt wurde für beide zu einer emotionalen Reise in die Vergangenheit. Schon am nächsten Tag meldete sich das Altersheim bei Ole, weil plötzlich auch andere Bewohner eine Ausfahrt machen wollten. So begann er, regelmässig Senioren mit der Rikscha durch die Stadt zu fahren, wobei besondere Freundschaften entstanden, und Ole erkannte, wie viel ihm die älteren Menschen noch über das Leben beibringen konnten. Weil ihn diese Erlebnisse tief bewegten, wandte er sich an die Stadt Kopenhagen. Wenig später standen bereits fünf Rikschas für Altersheime bereit, und daraus entstand die Bewegung «Radeln ohne Alter».

Ob allein oder zu zweit: Die Seniorinnen und Senioren geniessen die luftige Fahrt.
Ob allein oder zu zweit: Die Seniorinnen und Senioren geniessen die luftige Fahrt.

Eine Rikscha für Thal-Rheineck

Daniel Tobler, der Heimleiter des Pflegewohnheims Thal-Rheineck, las auf Facebook von einer Gruppe von Heimen in der Region, die Rikscha-Fahrten für Bewohnende anboten. Er war Feuer und Flamme für diese Idee, stellte sie dem Verwaltungsrat vor. Dieser unterstützte seinen Wunsch, regte aber an, er solle nach Sponsoren Ausschau halten. Ziemlich rasch konnte Daniel Tobler die Ortsgemeinden Thal, Rheineck und Altenrhein ins Boot holen, welche die vollständige Anschaffung übernahmen.

Die öffentliche Ausschreibung nach Fahrerinnen und Fahrern war auch erfolgreich. «Innerhalb kürzester Zeit fanden wir etwa zehn interessierte Personen», erzählt Daniel Tobler und lacht. Nach einer Schulung und diversen Testfahren waren sie bereit für die erste Fahrt, die im Frühling 2024 stattfand.

Mit einer theoretischen Schulung und einigen Probefahrten mit und ohne Passagiere werden die Fahrer vorbereitet.
Mit einer theoretischen Schulung und einigen Probefahrten mit und ohne Passagiere werden die Fahrer vorbereitet.

Aus Skepsis wurde Freude

«Am Anfang konnten sich die Senioren noch nicht richtig vorstellen, wie sich so eine Fahrt anfühlt», erklärt Tobler. Sie waren jedoch interessiert. «Die ersten Passagiere mussten wir fast ein wenig überreden.» Ihre Bedenken waren das Einsteigen oder ob die Kraft des Fahrers ausreicht, um ihr Gewicht zu bewegen. «Nach der ersten Fahrt steckte die Euphorie an und die meisten im Heim wollten das neue Gefährt testen.» Sogar solche, die nicht mehr gut auf den Beinen waren, hob man mit einem Lift auf den Passagiersitz.

Was Rikscha-Fahrten auslösen, ist auch an diesem Nachmittag gut zu spüren. Eine Bewohnerin, die erst seit Kurzem im Heim ist, schickt sogar ihren Physiotherapeuten wieder nach Hause. «Ich fahre lieber eine Runde mit der Rikscha.» Dieser nimmt es mit Humor und kommt halt am nächsten Tag vorbei. Die ältere Dame liebt die Freiluftfahrten: «Chunsch e chli nöcher ad Lüt als mit em Auto.» Für sie steht fest: «Ich sage, wohin wir fahren.» Heute erlebt sie ihre dritte Fahrt. Sie fand alle Fahrer freundlich und nett, diskutierte mit ihnen, wer wo wohnt und wer wo hingezogen ist. «Wenn mich Bekannte auf der Rikscha sehen, lachen und winken sie. Manchmal halten wir an für einen Schwatz», erzählt sie, die viele Leute im Dorf kennt.

Sollte das Wetter einmal garstig oder kalt sein, klappt man einfach das Dach hoch und kuschelt sich unter eine Decke.
Sollte das Wetter einmal garstig oder kalt sein, klappt man einfach das Dach hoch und kuschelt sich unter eine Decke.

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