Regenerative Landwirtschaft in zehn Punkten
Für die regenerative Landwirtschaft gibt es (noch) keine Regeln. Es gibt praxisnahe, aber auch visionäre Vertreter dieser neuen landwirtschaftlichen Praxis. In diesem Beitrag wird die regenerative Landwirtschaft in zehn Punkten erklärt. Dabei werden Vergleiche mit IP-Suisse, Bio Suisse und Demeter gezogen.

Die Agrarpolitik in der Schweiz und in EU-Ländern zeigt, was herauskommt, wenn man für alle Bauernbetriebe denselben Massstab anlegt. Das Spektrum der regenerativen Landwirtschaft ist im Unterschied dazu extrem weit. Es reicht von praxisnahen und marktfähigen Ansätzen bis zu radikalen Visionen: Auf der praxisnahen Seite stehen pragmatisch-wissenschaftliche Persönlichkeiten wie Gabe Brown und David Montgomery (beide in den USA), die sich auf messbare Ergebnisse und wirtschaftliche Machbarkeit konzentrieren. Aber auch europäische Landwirte wie Peter Fröhlich und Ueli Rothenbühler (beide CH), Christoph Gutscher und Gerhard Weisshäupl (beide A), Dietmar Näser und Rudolf Axel Vohwinkel (beide D).
Auf der visionären Seite stehen ideologisch-philosophisch-spirituell geprägte Akteure wie Vandana Shiva (Indien) und Masanobu Fukuoka (Japan). Aber auch die Demeter-Bewegung, die auf der esoterischen Anthroposophie von Rudolf Steiner basiert.
In dieser Serie liegt der Fokus auf den praxisnahen und marktfähigen Ansätzen der regenerativen Landwirtschaft. Im ersten Teil der Serie (siehe Ausgabe 20/25 vom 16. Mai 2025) wurde aufgezeigt, wie die regenerative Landwirtschaft entstanden ist und wie stark sie weltweit, in unseren Nachbarländern und in der Schweiz schon verbreitet ist. In diesem Teil wird die regenerative Landwirtschaft in zehn Punkten erklärt:
- Regenerative Landwirtschaft fördert den Bodenaufbau und Humusreichtum durch minimale Bodenbearbeitung sowie durch Kompostieren und Mulchen (Bedecken des Bodens mit unverrotteten organischen Materialien).
- Regenerative Landwirtschaft erhöht die Biodiversität (Artenvielfalt) mit Mischkulturen, Agroforstsystemen und Heckenlandschaften.
- Regenerative Landwirtschaft fördert den Wasserrückhalt durch den Aufbau des Humusgehaltes im Boden. Damit werden die Wasserressourcen in wasserarmen Regionen wie dem Schweizer Mittelland effizienter genutzt.
- Regenerative Landwirtschaft bindet das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid CO2 langfristig durch den Aufbau von Humus im Boden und Agroforstwirtschaft.
- Regenerative Landwirtschaft fördert mit dem Anbau von nährstoffreichen, pflanzenschutzmittelfreien Lebensmitteln die gesunde Lebensmittelproduktion.
- Regenerative Landwirtschaft fördert regionale Wirtschaftskreisläufe durch kurze Lieferketten. Vor allem in Ländern wie der Schweiz und Österreich mit ihrer kleinstrukturierten Landwirtschaft.
- Regenerative Landwirtschaft fördert mit der Integration von Viehwirtschaft in den Pflanzenbau die Kreislaufwirtschaft und minimiert Abfälle.
- Regenerative Landwirtschaft erhöht die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegen Dürre, Starkregen und andere Klimaveränderungen.
- Regenerative Landwirtschaft ersetzt Kunstdünger (Stickstoffdünger) und Pflanzenschutzmittel durch natürliche, organische Alternativen und Präzisionslandwirtschaft, um Ökosysteme zu schützen.
- Regenerative Landwirtschaft fördert den Wissenstransfer und die Zusammenarbeit unter Landwirtinnen und Landwirten, um regenerative Praktiken weiterzuentwickeln und umzusetzen.
Mit diesen zehn Punkten soll die regenerative Landwirtschaft zukunftsfähig, produktiv und umweltfreundlich sein. Gleichzeitig soll die regenerative Landwirtschaft zur Lösung globaler Herausforderungen wie Klimawandel und Ernährungssicherheit beitragen.

Kritiker bemängeln fünf Punkte
Wo viel Sonne ist, da gibt es einen Schatten. Auch bei der regenerativen Landwirtschaft. Kritiker bemängeln vor allem diese fünf Punkte:
- Die regenerative Landwirtschaft erfordert Investitionen in neue Technologien, Schulungen und Umstellungszeiten. Das können sich kleinere Betriebe oft nicht leisten.
- Die regenerative Landwirtschaft benötigt mit ihren Mischkulturen, Agroforstsystemen und der extensiven Viehwirtschaft oft mehr Fläche als die intensive Landwirtschaft.
- Die regenerative Landwirtschaft erfordert oft mehr manuelle Arbeit und spezialisierte Fachkenntnisse.
- Die regenerative Landwirtschaft kann geringere Erträge liefern als die intensive Landwirtschaft, insbesondere in der Umstellungsphase.
- Die positiven Effekte der regenerativen Landwirtschaft auf Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität sind oft erst nach mehreren Jahren sichtbar.
Die Kritik dieser fünf Punkte ist sicher teilweise berechtigt. Im Laufe der Serie wird der Frage nachgegangen, ob die Protagonisten der regenerativen Landwirtschaft darauf eine Antwort haben – oder ob man diese Nachteile mit Blick auf das Ganze akzeptieren muss.
Im Vergleich mit Labels
Welche Gemeinsamkeiten hat die regenerative Landwirtschaft mit den bekannten landwirtschaftlichen Praktiken? Welche Unterschiede trennen die regenerative Landwirtschaft von IP-Suisse, Bio Suisse und Demeter?
Gemeinsamkeiten:
- Alle vier Praktiken streben eine nachhaltige Landwirtschaft an. Nachhaltig in dem Sinne, dass sie Umwelt, Böden und Ökosysteme schützt und regeneriert.
- Alle vier Praktiken vermeiden weitgehend bis vollständig den Einsatz von synthetischen Düngern und Pflanzenschutzmitteln.
- Alle vier Praktiken setzen häufig Methoden wie Kompostierung, Fruchtfolge und Mulchen zum Schutz und zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit ein.
- Alle vier Praktiken legen Wert auf die Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt bei Nutzpflanzen und Wildtieren.
- Alle vier Praktiken betrachten die Landwirtschaft nicht nur als Nahrungsmittelproduktion, sondern als Teil eines umfassenden Ökosystems.
- Alle vier Praktiken halten Nutztiere in artgerechter Weise, wobei die Richtlinien von IP-Suisse, Bio und Demeter strenge Standards für Tierhaltung haben.
- Für alle vier Praktiken sind regionale Kreisläufe und kurze Lieferketten zentrale Elemente, um ökologische und soziale Nachhaltigkeit zu gewährleisten.
Unterschiede:
- Die regenerative Landwirtschaft ist praxisnah und ergebnisorientiert, ohne eine einheitliche Philosophie oder Ideologie. Sie hat kein festes Regelwerk und keine einheitliche Zertifizierung. Die Methoden können flexibel angepasst werden und variieren stark zwischen den Betrieben. Die regenerative Landwirtschaft fokussiert auf Bodenaufbau und Klimaschutz durch Humusbildung.
- IP-Suisse ist ein nachhaltiger Ansatz, der ökologische und ökonomische Ziele miteinander verbindet. Er basiert auf klar definierten Richtlinien. Im Unterschied zu Bio-Suisse- oder Demeter-Standards erlaubt IP-Suisse gezielte Eingriffe, um wirtschaftliche Rentabilität und Nachhaltigkeit gleichermassen sicherzustellen.
- Bio Suisse basiert auf rechtsverbindlichen vereinseigenen Regeln. Der Fokus liegt auf nachhaltigen, umweltfreundlichen Standards für die Produktion und Verarbeitung.
- Demeter hat noch strengere Vorgaben als Bio, zum Beispiel die Pflicht zur biodynamischen Präparatverwendung und einen geschlossenen Hofkreislauf. Demeter ist tief in der anthroposophischen Philosophie von Rudolf Steiner verwurzelt. Demeter integriert spirituelle und kosmische Elemente wie den Einsatz von biodynamischen Präparaten.

* Autor von www.countryside.info
