Konflikt mit Migros stellt Raclette Suisse vor Zerreissprobe

Raclette ist ein Schweizer Kulturgut. Doch hinter den Kulissen steht der Verein Raclette Suisse in Konflikt mit der Migros. Das bedroht den Verein in seinen Grundfesten.

Raclette Suisse ist der Verein, der seit drei Jahrzehnten festlegt, was echten Schweizer Raclettekäse ausmacht: Qualitätskriterien, Produktedefinition, Markenrecht. Die Mitglieder, alles Raclettehersteller, zahlten bisher einen Beitrag von zwei Rappen pro Kilo verarbeitete Milch, mit dem insbesondere auch das Marketing für Raclette Suisse finanziert wird.

Das Jahr 2025 zeigte sich für den Verband herausfordernd. Statt des budgetierten Gewinns von über 118 000 Franken resultierte letztes Jahr ein Verlust von 94 000 Franken. Der Grund: Die Produktionsmenge und damit auch die Mitgliederbeiträge sanken, was 263 000 Franken weniger in die Kasse brachte.

Migros zieht den Hebel

Gleichzeitig scheiterte 2025 mit dem Gesuch um Allgemeinverbindlichkeit ein wichtiges Vorhaben. Das hätte bedeutet, dass sich alle Raclettehersteller zwingend mit einem finanziellen Beitrag an den Kommunikationsmassnahmen beteiligen müssten. Also auch jene, die nicht im Verband Mitglied sind. Dies betrifft ungefähr 20 Prozent der Raclettemenge, das meiste davon aus der Migros-Käserei Simmental Switzerland AG. Für diese wäre eine Abgabe von 1,7 Rappen pro Kilo Milch fällig gewesen.

Das Gesuch wurde jedoch nach Prüfung durch das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) vom Bundesrat abgelehnt. Laut Raclette-Suisse-Präsident Jürg Simon lautete die Begründung des Bundesamtes, dass die Milchproduzenten nicht direkt Mitglied bei Raclette Suisse seien und zudem sei eine Allgemeinverbindlichkeit nur für AOP-Produkte möglich.

Die Reaktion der Migros nach dem abschlägigen Entscheid folgte prompt: Der Detailhändler wandte sich an seine Lieferanten und forderte eine Preissenkung von 20 Rappen pro Kilo Raclette. Dies mit der Begründung, man sei nicht mehr länger bereit, den Beitrag an Raclette Suisse mitzutragen. Denn bei den erwähnten 20 Rappen handelt es sich um die Weiterverrechnung der zwei Rappen pro Kilo Milch, hochgerechnet auf ein Kilo Raclettekäse.

Laut Jürg Kriech, Geschäftsführer von Raclette Suisse, hatte der Betrag seit 1999 Bestand und stand zuvor nie zur Diskussion. Die Preissenkung wurde nach Intervention des Verbandes zwar von Anfang 2026 auf Ende 2026 verschoben, doch die Botschaft ist klar: Die Migros erachtet die Marketingmassnahmen von Raclette Suisse fürs eigene Geschäft als nicht nötig.

Raclette Suisse muss künftig einen Grossteil der Marketingmassnahmen streichen. Bild: lid.
Raclette Suisse muss künftig einen Grossteil der Marketingmassnahmen streichen. Bild: lid.

Was auf dem Spiel steht

Vereinspräsident Jürg Simon sieht in Raclette Suisse aber deutlich mehr als ein Marketinginstrument. Der Verband ist seiner Ansicht nach die einzige Institution, der die traditionelle Definition von Schweizer Raclettekäse schützt. Ohne diese Garantiemarke könne sich morgen jeder Halbhartkäse «Raclette» nennen, so Jürg Simon. Dies mit unübersichtlichen Folgen für Konsumenten, für die Qualität und für die Preise.

Lange Zeit drängten tatsächlich grosse Mengen Raclettekäse aus Frankreich auf den Schweizer Markt. Erst die konsequente Arbeit des Vereins habe dieses Problem entschärft, sagt Jürg Kriech. Ohne Markenrecht und eine übergeordnete Qualitätskontrolle, so die Befürchtung, kehrt dieses Szenario rasch zurück.

Beitrag halbiert

Mit der angekündigten Senkung der Einkaufspreise durch die Migros droht dem Verein der Ausstieg seiner Mitglieder und der Kollaps.

Um den Verein durch die Krise zu steuern, haben die Mitglieder an ihrer Vereinsversammlung in Zürich nun Massnahmen beschlossen, die den Verein erhalten, aber dennoch schmerzhaft sind. Der Beitrag der Mitglieder wird ab Produktion Januar 2027 von zwei auf einen Rappen pro Kilo Milch halbiert. Das bedeutet einen massiven Einschnitt ins Budget. Viele Werbemassnahmen können ab dem kommenden Jahr nicht mehr finanziert werden. Stattdessen konzentriert sich Raclette Suisse künftig auf das Hüten der Produktedefinition, das Aufrechterhalten des Qualitätskontrollsystems und das Verteidigen der Garantiemarke. Von einer aktiven Marketingmaschine zu einer Gütesiegelkommunikation, so beschreibt Jürg Simon die neue Ausrichtung. Marketing wird noch auf Sparflamme betrieben.

Gleichzeitig wurde das Kündigungsrecht für Mitglieder angepasst. Statt der bisherigen sechsmonatigen Frist auf Jahresende gilt künftig eine dreimonatige Frist, erstmals per Ende 2026. Das gibt den Mitgliedern mehr Flexibilität und soll verhindern, dass bei anhaltender Unsicherheit die Mitglieder vorsorglich austreten. Gleichzeitig wird die Planungssicherheit für den Verein dadurch erschwert.

Glücklich ist niemand

Auch wenn die Geschäfte einstimmig angenommen wurde, glücklich sind die Vereinsmitglieder mit der Situation nicht. Ein Mitglied kritisierte die Argumentation des BLW. So sei der Verein Raclette Suisse gerade deswegen so effizient organisiert, weil nur die Raclettehersteller Mitglied seien und nicht noch die Milchproduzenten. Auch dass das Bundesamt AOP als Argument bringe, überzeugte das Vereinsmitglied nicht. Denn gerade im Käsebereich sehe man, dass das AOP-Siegel nicht mit Erfolg gleichzusetzen sei. Christian Stricker vom BLW betonte, dass der Entscheid nicht leichtgefallen sei, die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen aber nichts anderes zuliessen.

Ein weiteres Vereinsmitglied sah in der Senkung des Beitrags eine Position der Angst gegenüber der Migros und stellte die Frage, ob es wirklich nötig sei, jetzt so drastisch zu reduzieren.

Die beiden Anträge wurden schliesslich einstimmig angenommen. Die Gespräche mit der Migros sollen weitergeführt werden.

Neues Mitglied

An der Vereinsversammlung wurde mit der Fromagerie du Mont de Travers aus Val-de-Travers im Kanton Neuenburg ein neues Mitglied bei Raclette Suisse aufgenommen. Der Verein hat 43 Mitglieder. Einen Wechsel im Vorstand gab es bei der Vertretung von Cremo: Rainer Cina folgt auf Patrick Th. Onken.

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