Pilgernd zu sich selbst unterwegs
Gegen eine halbe Million Menschen machen sich jährlich auf den Jakobsweg. Ines Schaberger war ein Jahr lang Pilgerseelsorgerin in St. Gallen und ist unterdessen weitergezogen. Sie und Menschen, die sich monatlich am Pilgerstamm treffen, erzählen von ihren Pilgererfahrungen.

Sie hat es getan und dabei erfahren, dass das Leben in einen Rucksack passt. Ines Schaberger – bekannt auch als ehemalige «Wort zum Sonntag»-Sprecherin – war zwei Monate lang mit ihrem Mann auf dem österreichischen Jakobsweg und anderen Pilgerwegen bis nach Assisi unterwegs. Ein Jahr lang war sie in St. Gallen Pilgerseelsorgerin als Teil der Cityseelsorge von katholisch St. Gallen. Unterdessen ist sie Mutter geworden. Im Frühling konnte der «St. Galler Bauer» mit ihr sprechen und mit ihr den Pilgerstamm in St. Gallen besuchen. Inzwischen hat ihr Nachfolger Bruno Fluder seine Arbeit aufgenommen.
Einen Weg gehen
Die Pilgerseelsorgerin, oder nun der Pilgerseelsorger, arbeitet im Vorstand des Vereins Pilgerherberge St. Gallen mit, nimmt am monatlichen Pilgerstamm teil, versendet die «Pilgerpost» per Mail, macht Öffentlichkeitsarbeit, gestaltet einen Gottesdienst zum Start und zum Schluss der Pilgersaison und vernetzt sich in der Pilgerszene. Sie oder er kann auch eigene Akzente setzen und Projekte lancieren.

Was versteht man eigentlich unter Pilgern? «Man ist zu Fuss, per Velo oder mit dem Pferd unterwegs zu einem besonderen Ort. Das kann ein spiritueller Ort, ein Wallfahrtsort oder sonst ein definierter Ort sein. Man geht einen äusseren und gleichzeitig einen inneren Weg und achtet darauf, was der Weg mit einem macht. Man geht in Einfachheit. Leistung spielt dabei keine Rolle», umschreibt es Ines Schaberger. Man müsse sich genau überlegen, was man mitnehmen wolle, denn der Ballast könne zur Last werden. Viele Menschen würden sich beim Übergang in einen neuen Lebensabschnitt auf einen Pilgerweg machen; nach der Pensionierung, nach einer Scheidung oder dem Tod des Partners, nach einer Krankheit, vor einem Berufswechsel, nach dem Studium. «Fragen werden mitgetragen, Erlebnisse verarbeitet, damit sie zu Erfahrungen werden können, Belastungen losgelassen. Da schwingt die alte Frage nach dem Woher und Wohin mit», weiss Ines Schaberger. Pilgern verlangsame auch und man beginne, das Kleine am Wegrand zu sehen und die Sinne zu schärfen. Man komme mit der Natur in Verbindung, durch kleine Dörfer, die man sonst nie besuchen würde, und mit Menschen in Kontakt.
«Pilger der Hoffnung»
Auf einen Pilgerweg gehen Menschen unterschiedlich. Alleine, was die grössere Herausforderung sei, oder in Gruppen. Auch da gebe es Momente des bewussten Schweigens. Zurzeit läuft das Heilige Jahr, das der Papst nur alle 25 Jahre ausruft. 45 Millionen Pilger werden in Rom erwartet. Das Motto ist «Pilger der Hoffnung». Hoffnung bedeute nicht, abzuwarten, dass es besser werde, sondern sei etwas Aktives gegen die Verzweiflung. Als pilgernde Kirche unterwegs zu sein bedeute, dass man als Kirche noch nicht am Ziel und noch nicht perfekt sei. «Das ist ein Paradigmenwechsel in der katholischen Kirche. Weg vom ‚Es war schon immer so‘. Wir als Menschen können unterwegs sein, erfüllt von Hoffnung, und das dazu beitragen, was machbar ist», erklärt Ines Schaberger. Wer unterwegs sei, im Leben oder auf dem Pilgerweg, sei auf Freundlichkeit angewiesen. «Gastfreundschaft ist mir sehr wichtig geworden, weil ich sie unterwegs erfahren habe», verrät sie.
Ursprünglich pilgerten Menschen aus Dank, für ein bestimmtes Anliegen, aus Busse oder aus Angst vor der Hölle oder dem Fegefeuer. Anstatt selbst zu pilgern, konnten Reiche auch andere Menschen auf den Pilgerweg schicken und sie dafür bezahlen. Im Motto «Pilger der Hoffnung» hingegen stecke ein positives Menschenbild. «Menschen gehen aus einer inneren Sehnsucht auf den Weg.» Obwohl viele zu einem Wallfahrtsort pilgerten, müsse das Pilgern nicht religiös motiviert sein, aber man könne sich auf dem Weg durchaus mit den entsprechenden Heiligen auseinandersetzen.
Sich neu erfahren
Gehend reflektieren und nachdenken. Was ist da anders, als wenn man während der Garten- oder einer Hausarbeit nachdenkt? «Im Gehen passiert viel, man geht einen Schritt weiter, verlässt einen sicheren Ort, ist auf sich selber gestellt und schliesst bewusst mit etwas ab. Eine neue Sichtweise kann sich einstellen und manchmal kommt es zu existenziellen Erfahrungen», hat Ines Schaberger selber erlebt. Die Sprache unterwegs könne eine Herausforderung sein, man esse anders, müsse sich auf Unbekanntes einstellen, erfahre sich selber anders oder neu. Bewegung schaffe Beweglichkeit; im Gehen könne sich etwas lösen.
In jeder Religion kenne man das Pilgern und jeder Typ Mensch breche zu Pilgerreisen auf. Längere Zeit zu pilgern könne auch anstrengend werden. Jeden Morgen aufbrechen und jeden Abend an einem neuen Ort ankommen; Essen und Herbergen suchen. «Wir brauchten ab und zu eine Pause», gesteht die Seelsorgerin. «Und man schätzt es, ein Zuhause zu haben, wenn man zurückkommt.»

Wer nicht wochenlang unterwegs sein könne, könne auch tageweise und auf inoffiziellen Pilgerwegen starten, auf seinem eigenen Pilgerweg. «Wenn nichts mehr geht, dann geh», sagt Elisabeth Koller später am Pilgerstamm. Sie ist mit Josef Schönauer verheiratet, den sie auf dem Jakobsweg kennengelernt hat. Gemeinsam begleiten sie Gruppen auf dem Jakobsweg. Josef Schönauer ist Präsident des Vereins Pilgerherberge St. Gallen, betreibt seit bald 25 Jahren die Seite pilgern.ch und ist Autor des Buches «Pilgern erdet und himmelt». Sein Buch zu lesen ist wie ein Pilgerweg im Geist.
In Einfachheit gehen
Jeden letzten Dienstag im Monat findet der Pilgerstamm im Restaurant Brauwerk in St. Gallen statt. Das Treffen ist offen für erfahrene und künftige Pilgerinnen und Pilger auf dem Jakobsweg. Einige der Teilnehmenden teilen ihre Erfahrungen im bilateralen Gespräch. «Man nimmt Ängste und Ärger mit auf den Weg und merkt, dass man sie loslassen kann. Das Vertrauen wächst und nur der Mensch ist wichtig. Der Status oder der Beruf spielen keine Rolle. Die einzige Aufgabe ist es, den Weg zu machen, den Rucksack zu tragen und abends ein Bett zu finden», sagt eine Frau.

Einer älteren Frau ist es ein Anliegen, zu erzählen, dass sie auf den Weg gegangen sei, um Kraft für die Trennung von ihrem Partner zu finden. Und, ist es gelungen? Sie lacht. «Er hatte Sehnsucht nach mir und ich auch nach ihm und so sind wir zusammengeblieben.» Auf sich und den Körper hören, Grenzen und das, was ist, annehmen und schätzen, was man hat, das habe sie im Gehen gelernt. Mit allen Sinnen aufnehmen, im Augenblick sein, Glücksgefühle spüren, sich selber als Teil der Natur wahrnehmen, all das werde unterwegs möglich. «Mit mir macht es etwas, wenn ich pilgere. Es muss nicht einmal weit sei. Es kann zu einer Wallfahrtskirche oder einem Kloster sein. Ich gebe unterwegs ab, fühle mich aufgehoben und werde dankbar. Der Weg ist gegeben und den inneren Weg muss ich selber gehen», sagt eine andere Frau. Sie wird diesen Sommer auf den Jakobsweg gehen. Auf den Pilgerweg gehe man nicht mit Erwartungen, sondern lasse geschehen. «Grundsätzlich braucht der Mensch nicht viel. Im Gehen findet man am besten zu sich selbst und zur Ruhe. Es erdet», fügt sie mit glänzenden Augen hinzu.
