Bunte Perlen schenken krebskranken Kindern Mut
Seit 2013 ist der Verein Mutperlen Schweiz aktiv. Krebskranke Kinder bekommen für jede Untersuchung, Therapie, Blutentnahme oder andere Massnahme je eine Perle. Rund 100 Frauen und Männer wickeln die Perlen freiwillig. Susanne Mohn aus Oberuzwil ist eine davon.

Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, verändert dies das Leben einer ganzen Familie und ihres Umfelds. Dem Kind müssen Untersuchungen, Behandlungen und Schmerzen zugemutet werden, um die Krankheit, wenn immer möglich, zu überwinden. Eltern und Geschwister müssen diesen Prozess mit aushalten. In dieser Situation kann die Mutperlenkette ein positiver Begleiter sein, der hilft, die eigene Krankheitsgeschichte zu verarbeiten und sich später zu erinnern. Daran, was alles dazugehört hat und was alles überwunden und gemeistert wurde. Alles beginnt mit dem aufgefädelten Namen des Kindes und einem Anker. Die Kette ist tatsächlich für viele Kinder ein Anker und eine kleine Freude auf dem schwierigen und vielfach langen Heilungsweg. Manchmal müssen Eltern ihr Kind gehen lassen, und die Kette mit einem Schmetterling als letzte Perle bleibt zurück.
Orange Bären, rote Pudel
Susanne Mohn arbeitet seit mehr als 25 Jahren mit Glas. Begonnen hatte es mit einem Fusing-Kurs. Fusing ist das Verschmelzen von Glas verschiedener Farben und Formen in einem speziellen Brennofen. Dabei wird das Glas so weit erweicht, dass sich einzelne Teile dauerhaft verbinden. Susanne Mohn besuchte weitere Kurse, lernte bei namhaften Glaskünstlern verschiedene Techniken, blieb bei den Perlen hängen und schuf daraus Schmuck. «Zwei Künstler haben mich geprägt, weil sie physikalische Gesetze erklärten und damit wertvolle Erkenntnisse vermittelten. Etwa, dass Glas dorthin fliesst, wo Wärme ist. Das hat meine Arbeit erleichtert und ich habe damit ‚ge pröbelt‘ und bin weitergekommen», nennt Susanne Mohn einen ihrer Entwicklungsschritte.

Auf dem Tisch hat sie lange Ketten mit verschiedenen Mutperlen ausgelegt. Eine besteht aus vielen bunten Tieren, die andere aus Esswaren aller Art. Eine dritte ist ein Beispiel einer Kette eines krebskranken Kindes, welche die verschiedenen Behandlungs- und Eingriffsmassnahmen sichtbar macht, die ein Kind durchlaufen muss. Der Glückskäfer steht für eine Operation, die grüne Maus oder der blaue Delfin für Port anstechen, weisse Perlen für Verbandswechsel, Smileys für einen Supertag, runde Perlen mit farbigen Punkten für die Knochenmarkpunktion, Monster für einen schlechten Tag. Glatzköpfe symbolisieren Haarverlust, eine Regenbogenlinse die Intensivstation, der Froschkönig die Notaufnahme, die Glace nüchtern bleiben und den Abschluss der Behandlung markiert ein Schutzengel. Insgesamt gibt es 52 verschiedene Perlenarten und innerhalb einer Art viele Farben. Der Esel kann blau sein, der Bär orange, der Pudel rot. Die Kinder dürfen wählen.

Perlen wickeln
Susanne Mohn setzt sich an ihren Arbeitsplatz, zieht ihre Schutzbrille mit violetten Gläsern an, mit der sie besser durch die Flamme sehen kann und die gleichzeitig ihre Augen schützt. Vor ihr steht ein Gasbrenner. Die Mutperle wird auf einem Dorn aus Metall gewickelt. Das Glasmaterial gibt es als Glasstangen in den gewünschten Farben und unterschiedlich dick. Für den Körper eines Tieres oder für die Grundform einer Perle braucht es dickere Stangen als für Punkte, Augen oder Muster. Ein Trennmittel, eine weisse Paste, verhindert, dass das Glas am Metall kleben bleibt. Der Dorn wird vorgewärmt und der vordere Teil einer Glasstange erhitzt, bis das Material flüssig ist. Jetzt ist Geschicklichkeit gefragt. Susanne Mohn dreht den Dorn ständig und wickelt das flüssige Glas darum herum. Gleichzeitig formt sie mit einem Metallstift den Körper, setzt mit weiterem flüssigem Glas die Flossen an.

Unter den geübten Händen der Künstlerin entsteht ein blauer Delfin. Sie schafft ein freundliches, aufmunterndes Gesicht. «Selbst ein Hai bekommt bei mir ein freundliches Aussehen», sagt sie. Ist die Perle fertig, wird sie in ein Granulat gesteckt, damit sie langsam abkühlen kann und nicht zerspringt. Weil sie noch unter einer grossen Spannung steht, muss sie für eine gewisse Zeit in einen Ofen, dessen Temperatur nach und nach heruntergedreht wird. «Je nach Perle brauche ich für das Wickeln fünf bis zehn Minuten. Pro Jahr investiere ich rund 700 Stunden in die Arbeit. Bisher habe ich um die 20 000 Mutperlen hergestellt. Die Arbeit macht mir nach wie vor grosse Freude, weil ich weiss, dass sich die Kinder darüber freuen und sie sie aufmuntern», beschreibt Susanne Mohn ihre Motivation. Sie stellt sich nie kranke Kinder vor, sondern Kinder, die ihre Kette allen zeigen, die sie besuchen.
49 000 Perlen versandt
Zu den Mutperlen ist sie vor zwölf Jahren gekommen, als sie einen Impuls für ihre bereits hergestellten Perlen brauchte. «Irgendwann war der Schmuck nicht mehr gefragt und ich brauchte Ideen dafür. Ich stiess bei der Recherche im Netz auf den Verein Mutperlen Schweiz und wusste, dass ich meinen Beitrag leisten wollte. Etwas für die Gemeinschaft zu machen war mir schon immer ein Anliegen. Früher im Frauenverein oder als Turnleiterin. Ich meldete mich sofort an», erzählt die 68-Jährige. Die vielen ehrenamtlichen Perlenherstellenden sind nötig. Mehrere Spitäler in der Schweiz bestellen die Mutperlen bei der Gründerin des Vereins, Iris Hörler, in Rheineck. Sie verwaltet das Lager und startet einen Aufruf, wenn etwas auszugehen droht. «Letztes Jahr wurden 49 000 Perlen an Spitäler versandt», weiss Susanne Mohn. Die Materialkosten bekommen die Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker vergütet. Damit auch unter ihnen eine Gemeinschaft entsteht, gibt es monatliche Ateliertage in Au und alternierend jedes Jahr ein Lager oder intensive Ateliertage. «Diese Tage sind wertvoll, denn man sieht, was die anderen machen, bekommt Ideen und Abschauen ist erlaubt. Man kommt sich auch näher», freut sich Susanne Mohn. Sie selbst ist «Gotte» der Marienkäfer. Sie ist dafür verantwortlich, dass es immer genug davon hat.

Breite Unterstützung
Die Mutperlen bekommen die Spitäler umsonst. Der Verein Mutperlen Schweiz übernimmt alle Kosten für die Herstellung und den Versand der Perlen. Er finanziert sich durch Gönnerbeiträge, gemeinnützige Zuwendungen und Spendengelder und den Verkauf von selbst gefertigten Glasperlenschlüsselanhängern. Auch dafür wird gemeinschaftlich im Atelier in Au gearbeitet. Verkauft werden sie im Onlineshop oder an Märkten. Susanne Mohn bekommt nur indirekt Rückmeldungen, wie die kranken Kinder auf die Mutperlen und ihre «aufgefädelte Krankheitsgeschichte», wie sie der Verein nennt, reagieren. «Es gibt Kinder, die sie täglich anschauen und froh sind, dass sie die Behandlungen und Eingriffe geschafft haben, oder sie werden dadurch ermutigt, weiterzumachen. Wir wissen von einem Kind, das reklamiert hatte, dass es für die Physiotherapie keine Perle gab. Es müsse etwas machen, das ihm stinke und das schmerze, und dann gebe es nicht einmal eine Perle dafür. Also wurde eine erfunden», erzählt die Perlenwicklerin. Auch Eltern seien dankbar für dieses positive und unterstützende Zeichen. Und: «Die Kinder fragen nach Kühen. Vor allem Kinder im Kinderspital St. Gallen wollen Kühe. Also machen wir auch Köpfe von Kühen. Freundliche Kühe.»
