Zurück im Leben nach Schädel-Hirn-Trauma
Walti Muheim aus Wittenbach stürzte im Oktober 2023 bei der Hofarbeit schwer und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Heute blickt der Landwirt dankbar auf sein Leben und zeigt, dass Lebensfreude und Durchhaltewillen selbst schwere Krisen überwinden können.

«Ich bin kein Perfektionist, aber den Willen zum Positiven hatte ich schon immer», sagt Walti Muheim und blickt dankbar zu seiner Frau Imelda. Auf sie kann er schon seit rund vier Jahrzehnten zählen. Sie ist mit ihm durch Höhen und Tiefen gegangen und stand ihm auch in schweren Stunden zur Seite. An den verhängnisvollen 2. Oktober 2023 erinnert sich Walti Muheim noch gut, und doch weiss er nicht mehr, was genau geschehen ist. An jenem Tag half er seinem Nachbarn beim Transport der Maisballen. Offenbar stand Walti Muheim auf dem Wagen, als er unglücklich stürzte, auf den Boden fiel und bewusstlos liegen blieb. Wie es genau dazu kam, bleibt für ihn jedoch bis heute ein Rätsel. Fremdeinwirkung war es jedenfalls nicht. Er erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.
Handwerkliches Geschick
Seine ersten Lebensjahre verbrachte der heute 62-jährige Walti Muheim in Kirchberg, wo seine Eltern einen Bauernhof mit rund zehn Milchkühen führten. Er ist das jüngste von vier Kindern. 1971 konnten seine Eltern dann den Landwirtschaftsbetrieb im Erlenholz in Wittenbach übernehmen.
Auch Imelda Muheim-Urscheler wuchs auf einem Bauernhof auf, zusammen mit vier Geschwistern in Andwil. «Meine Eltern sind Ende April 1964 mit einem Kind auf diesen Hof gekommen. Ende August 1966 waren wir bereits fünf Kinder. Für meine Mutter war das eine strenge Zeit», erinnert sie sich.
Eigentlich wollte Walti Muheim Zimmermann werden. Doch weil keines seiner Geschwister eine landwirtschaftliche Ausbildung machte und den Hof übernehmen wollte, entschied er sich, seinem Vater zuliebe Landwirt zu werden. Er besuchte die landwirtschaftliche Schule und absolvierte später den Betriebsleiterkurs. Rückblickend sei es der richtige Weg gewesen, sagt er. Imelda Muheim ist gelernte Detailhandelsfachfrau mit Schwerpunkt Papeterie. «Ich hätte mir früher nie vorstellen können, einen Bauern zu heiraten», sagt sie und lacht. Doch es kam anders. 1987 heirateten die beiden, sechs Jahre später übernahmen sie den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb im Erlenholz. Der Betrieb umfasste damals 20 Milchkühe mit Aufzucht, 40 Mutterschweine, elf Hektaren Eigenland, Wald und etwas Pachtland sowie rund 100 Hochstamm-Mostobstbäume. 2003 kauften Muheims eine Scheune samt sieben Hektaren Land und Wald in Bernhardzell dazu. Die Mutterschweine gaben sie später auf und bauten aus dem Schweinestall einen Laufstall für ihre 50 Kühe mit geringer Aufzucht. Walti Muheim verfügte schon immer über handwerkliches Geschick, und der Zimmermann in ihm war immer präsent. Denn sämtliche Umbauarbeiten erledigten er und seine Frau stets selbst, ganz ohne fremde Hilfe.
Kurz vor der Hofübergabe
War es reiner Zufall oder Schicksal? Walti und Imelda Muheim hatten sich schon länger mit der Hofnachfolge beschäftigt, da es keine familiäre Nachfolge gab. Im Herbst 2023, kurz vor dem Unfall, wussten die beiden zwar, wer ihren Landwirtschaftsbetrieb übernehmen würde, der Vertrag war allerdings noch nicht unterzeichnet.
Auf die Frage, wie sie den Unfall ihres Mannes erlebt habe, antwortet Imelda Muheim: «Ich habe einfach funktioniert und musste vieles organisieren.» Obwohl sich Walti Muheim an den genauen Unfallhergang nicht erinnern kann, weiss er, dass er kurz zu sich kam, als ihn die Rettungssanitäter auf der Bahre ins Spitalauto schoben. «Ich habe die Stimme von Imelda wahrgenommen.» Walti Muheim wurde ins Kantonsspital St. Gallen gebracht und am Kopf operiert, um die lebensbedrohlichen Blutergüsse zu entfernen. Die Schädeldecke musste nicht entfernt werden, das Blut wurde stattdessen durch ein in den Schädelknochen gebohrtes Loch abgesaugt. Wie lange die Operation dauerte, weiss er nicht. Er habe auch nicht nachgefragt. Für ihn galt nur eins: nach vorne schauen, weitermachen und gesund werden.
Walti Muheim musste sieben Tage im Spital bleiben, bevor er zur Reha nach Walzenhausen verlegt wurde. Vorgesehen waren dort drei bis vier Wochen. Doch sein unbändiger Wille brachte ihn bereits nach zwei Wochen zurück nach Hause. Anfangs in der Reha war er auf den Rollstuhl angewiesen, wenn er in den Speisesaal ging. Kurz danach konnte er wieder zu Fuss gehen. Schwindelattacken gehörten jedoch zum Alltag. Noch heute sei er beim Treppensteigen vorsichtig, denn manchmal überrolle ihn der Schwindel immer noch. Auf dem rechten Ohr, auf jener Seite, auf der er beim Unfall aufgeschlagen ist, hört er weniger. Zudem leidet er nach wie vor unter anhaltenden Ohrgeräuschen und ermüdet bereits nach kurzer Zeit. Die Müdigkeit zeige sich immer wieder, sei es beim Reden oder bei kleineren Arbeiten. Anfangs war auch sein Geschmackssinn beeinträchtigt. «Ich mochte kein Fleisch mehr, hatte auch keinen Appetit und verlor dadurch schnell an Gewicht», sagt er.

Gemeinsam im Hier und Jetzt
Wieder zu Hause, leitete er während dreieinhalb Monaten den Landwirtschaftsbetrieb. «Imelda hat die Arbeiten ausgeführt», ergänzt er. Während dieser Zeit konnte auch der Vertrag mit dem Hofnachfolger unterzeichnet werden. «Die Familie Flammer aus Mörschwil ist für uns wie ein Sechser im Lotto. Eine bessere Hofnachfolge gibt es gar nicht. Wir können über alles miteinander sprechen und sind auf dem Betrieb noch immer jederzeit herzlich willkommen», sind sich die beiden einig. Nur zehn Tage vor dem Unfall besichtigten Muheims ihr jetziges Zuhause, ein 45-jähriges Einfamilienhaus in Wittenbach. «Gerne hätte ich das Dach selbst saniert, doch das geht nun nicht mehr», erzählt er. Selbstmitleid kommt für ihn aber keinesfalls infrage. «Ich hatte wirklich Glück im Unglück. Es hätte noch schlimmer kommen können.» Walti und Imelda Muheim haben schon immer bewusst gelebt. Der Schicksalsschlag hat sie aber gelehrt, noch bewusster im Hier und Jetzt zu sein. Dass er so offen kommunizieren könne, sei ein Vorteil. «Wenn ich nicht immer wieder über das Erlebte gesprochen hätte, wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.» Psychologische Unterstützung habe er nie gebraucht. «Mein gutes Umfeld und vor allem meine Frau geben mir Halt und sind meine Stütze», betont er.

Das Miteinander stand für Muheims ohnehin schon immer im Mittelpunkt. «Ich habe keine Kuh und keine Maschine gekauft, ohne es vorher mit Imelda zu besprechen. Ich war die treibende Kraft, doch wir haben alles gemeinsam diskutiert. Respekt in einer Beziehung ist wichtig», sagt er. Ihre enge Zusammenarbeit im Alltag und auf dem Hof haben beide geschätzt. Um das Miteinander zu geniessen, haben sich Walti und Imelda Muheim schon immer auch während der Arbeit Auszeiten gegönnt. Sie unternahmen Ausflüge, machten ab und zu eine Reise oder waren mit dem E-Bike unterwegs. Aktivitäten, die sie noch heute pflegen. Sie sind im gemischten Chor der Trachtengruppe Rorschacherberg aktiv, wo Walti Muheim früher auch im Theater mitwirkte. Ausserdem spielt er Schwyzerörgeli und tritt regelmässig an Stubeten in der Umgebung auf. Zudem engagiert er sich als Vorstandsmitglied im Feuerwehrverein sowie im christlichen Bauernbund und arbeitet in der Landwirtschaftskommission der Gemeinde Wittenbach mit.
Ein weiterer Freizeitbereich ist das Schwingen. Bis zum Alter von 16 Jahren war er selbst aktiv, bevor er als Leichtgewicht aufhören musste. Er besucht gerne die Eidgenössischen Schwingfeste, die alle drei Jahre stattfinden, und war 2023 im OK des St. Galler Kantonalschwingfestes in Wittenbach.
Obwohl Walti Muheim in seinem Leben bereits mehrere Schicksalsschläge verkraften musste und noch mit den Spätfolgen seines Schädel-Hirn-Traumas kämpft, hat er seine Lebensfreude nicht verloren. Das Lachen ist ihm geblieben und mit ihm der Mensch, der er immer war – Walti, herzlich, mitfühlend und stets mit einem offenen Ohr für seine Mitmenschen. «Ich möchte nach wie vor 90 Jahre alt werden», sagt er und seine Frau ergänzt: «Wir sind glücklich mit dem, was wir haben, auch wenn nicht mehr alles so ist, wie es einmal war.»
