Mentale Stärke wird für Bauern immer wichtiger

Wetter, Markt und Vorschriften fordern Landwirte täglich heraus. Wer seine Gedanken bewusst lenkt, kann besser mit Belastungen umgehen und bleibt auch in schwierigen Situationen handlungsfähig.

Düngung und Pflanzenschutz stehen immer wieder in der öffentlichen Kritik. Für viele Landwirte eine zusätzliche Belastung im ohnehin anspruchsvollen Alltag. Sie sind auf diese Massnahmen angewiesen und halten gleichzeitig strenge Vorschriften ein. Dazu kommen Wetterrisiken, steigende Kosten, administrative Auflagen und eine schwankende Marktlage. Unter diesen Voraussetzungen fällt es nicht immer leicht, positiv zu bleiben. Umso wichtiger ist es, die eigene innere Einstellung bewusst zu steuern und sie nicht von den Problemen bestimmen zu lassen.

Enttäuschungen verarbeiten

Mentale Belastungen schaden der positiven Einstellung. Jetzt kommt es darauf an, die innere Einstellung aktiv zu steuern, um nicht den Folgen des negativen Denkens ausgeliefert zu sein. Man kann sich genauso gut entscheiden, sich über ein Missgeschick nicht zu ärgern. Zwischen dem freien Ausleben negativer Gefühle und dem Herunterschlucken und Verdrängen gibt es eine Alternative: Man nimmt eine Enttäuschung wahr und reguliert sie durch das «Chairperson-Prinzip». Der Landwirt ist danach Hauptperson (Chairperson) und lässt nicht zu, dass Probleme ihn beherrschen. Er kann sich entscheiden, «Hürden-Seher» zu sein, der über Probleme lange nachdenkt. Oder aber «Chancen-Nutzer», der schnell nach Lösungen und Alternative sucht.

Positive Gedanken produzieren im Hirn Endorphine, die Wohlgefühle auslösen. Dagegen setzen negative Gedanken Stresshormone frei. Sie sind destruktiv und beeinflussen unser Auftreten.

Man kann sich genauso gut entscheiden, sich über ein Missgeschick nicht zu ärgern.

Wer sich selbst immer wieder sagt, dass die Zeiten schlecht sind, verstärkt diese Wahrnehmung. Eine negative Einstellung hilft in der Regel nicht weiter – hilfreicher ist es, bewusst eine konstruktive Sichtweise einzunehmen. Probleme lassen sich auch als Herausforderungen betrachten, ohne sie zu dramatisieren. Wer gedanklich ständig in die Zukunft blickt und sich mit möglichen Schwierigkeiten beschäftigt, verliert leicht die Zuversicht. Oft stehen dabei vor allem die negativen Szenarien im Vordergrund.

Positiv denken bedeutet nicht, Probleme schönzureden oder die Realität auszublenden. Es heisst vielmehr, Situationen einzuordnen und die Kirche im Dorf zu lassen. Eine bewusste, konstruktive innere Sprache kann helfen, den Fokus zu verschieben. Das gelingt allerdings nur, wenn man sich aktiv damit auseinandersetzt und negative Gedanken nicht einfach laufen lässt.

Gerade in der Landwirtschaft zeigt sich, dass vieles funktioniert: Der Hofladen läuft, das Wetter bleibt stabil, die Ernte ist oft besser als befürchtet, die Tiere sind gesund, ein Kalb kommt gut zur Welt. Wer sich diese positiven Aspekte bewusst macht, schafft ein Gegengewicht zu den Belastungen im Alltag.

Eine Wegverzweigung als Symbol für den Entscheidungsweg: Soll man sich ärgern oder positiv bleiben? Leserbild: Nicole Rutz, Nesslau
Eine Wegverzweigung als Symbol für den Entscheidungsweg: Soll man sich ärgern oder positiv bleiben? Leserbild: Nicole Rutz, Nesslau

Treffen Befürchtungen ein?

Vieles hängt mit der eigenen Erwartungshaltung zusammen. Werden Erwartungen nicht erfüllt, gerät positives Denken schnell ins Wanken. Was nicht passt, wird oft besonders genau betrachtet und stärker gewichtet. Umso wichtiger ist es, kleine Pannen nicht zu dramatisieren, sondern sie ins Verhältnis zu den vielen Situationen zu setzen, in denen etwas gelingt.

Nur ein Teil unserer Befürchtungen tritt tatsächlich ein. Eine optimistische Haltung bedeutet nicht, die Realität zu verzerren, sondern sie möglichst realistisch einzuordnen – und dabei auch das Gelungene bewusst wahrzunehmen. Denn Negatives prägt sich oft stärker ein als Positives.

Hilfreich kann es sein, Erfolge sichtbar zu machen, etwa mit einer Pinwand, Notizen oder Post-its, auf denen festgehalten wird, was gut läuft. Gerade in schwierigen Phasen kann das helfen, den Blick wieder zu weiten. Manchmal zeichnet sich eine schwierige Situation bereits ab, etwa schlechtes Wetter zur Erntezeit oder ein technischer Defekt an einer Maschine. Gerade dann ist es hilfreich, möglichst ruhig zu bleiben und nicht vorschnell vom schlimmsten Fall auszugehen. Oft kommt es weniger schlimm als zunächst befürchtet.

Selbst wenn es nicht optimal läuft, wird die Situation nicht besser, wenn man sich in sie hineinsteigert. Entscheidend ist, wie man die eigene Lage einordnet. Die Frage lautet: Wie interpretiere ich als Landwirt meine aktuelle Situation?

Hilfreich kann es sein, Erfolge sichtbar zu machen, etwa auf Post-its oder Notizen.

Eigenverantwortlich bleiben

Bei negativen Gedanken ist es entscheidend, sie früh wahrzunehmen. In einem frühen Stadium lassen sich Gefühle noch eher beeinflussen – ähnlich wie beim Autofahren, wo man bei geringem Tempo schneller zum Stillstand kommt.

Probleme und Enttäuschungen sind nicht grundsätzlich negativ, sondern oft ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Statt sich von aufkommendem Ärger mitreissen zu lassen, ist es hilfreicher, bewusst nach Lösungen, Alternativen oder einem gangbaren Kompromiss zu suchen.

Gedanken verstärken sich

Negative Gedanken ziehen oft weitere nach sich. Gerade die ersten Reaktionen auf eine Enttäuschung sind deshalb entscheidend. Sie können eine Art Kettenreaktion auslösen. Wie bei einer Spirale verstärken sich Gedanken in die eine oder andere Richtung.

Eine konstruktive Haltung kann helfen, besser mit schwierigen Situationen umzugehen. Positiv denken bedeutet dabei nicht, Probleme zu verdrängen oder zu beschönigen, sondern ihnen bewusst zu begegnen. Solche Gedanken können Halt geben und helfen, sich nach Rückschlägen wieder aufzurichten.

Herausforderungen gehören zum Alltag. Wer es schafft, auch in schwierigen Momenten die eigene Haltung bewusst auszurichten, schafft eine wichtige Grundlage, um handlungsfähig zu bleiben.

Positive Selbstgespräche

Viele sind der Meinung, dass die innere Einstellung im Arbeitsalltag keine grosse Rolle spielt, schliesslich muss die Arbeit erledigt werden, unabhängig von der eigenen Stimmung. Doch die Haltung beeinflusst die Leistungsfähigkeit: Wer konstruktiv eingestellt ist, kann mit Schwierigkeiten besser umgehen und bleibt eher gelassen.

Haben sich negative Gedanken einmal verfestigt, lassen sie sich nur noch schwer korrigieren. Umso wichtiger ist es, früh gegenzusteuern – ähnlich wie ein Kapitän, der einen aufziehenden Sturm rechtzeitig erkennt und reagiert.

Hilfreich ist es, sich bewusst an das zu erinnern, was gut läuft – an gelungene Arbeiten, stabile Phasen oder kleine Erfolge im Alltag.

Umgang mit negativen Gedanken

Im Umgang mit negativen Gedanken zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen einem hilfreichen und einem weniger hilfreichen Umgang. Im besten Fall bemerkt man negative Gedanken bereits früh. Dadurch bleibt genügend Spielraum, um die eigene Reaktion bewusst zu beeinflussen und zu steuern. Viele erleben es zudem als entlastend, Gefühle anzusprechen, statt sie für sich zu behalten. Nach einem Ärger gelingt es dann eher, wieder in die emotionale Balance zurückzufinden.

Anders sieht es aus, wenn negative Gedanken erst wahrgenommen werden, wenn sie bereits stark ausgeprägt sind. In solchen Situationen fühlt man sich den eigenen Emotionen oft ausgeliefert. Ärger wird heruntergeschluckt, ohne verarbeitet zu werden, und wirkt dadurch länger nach. Entsprechend fällt es schwerer, wieder Abstand zu gewinnen und Negatives loszulassen.

*Der Autor ist diplomierter Betriebswirt

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