Landwirtin Muriel Giger vereint Theorie und Praxis

Muriel Giger führt als Landwirtin mit ihrem Mann einen Milchwirtschaftsbetrieb in Teufen. Zugleich ist die 27-jährige Agronomin als Lehrerin und Beraterin am Landwirtschaftlichen Zentrum in Salez tätig. Auf ihrem beruflichen Weg ergänzen sich Theorie und Praxis vortrefflich.

Im Laufstall erhalten die 31 Kühe noch eine Ration Kraftfutter.
Im Laufstall erhalten die 31 Kühe noch eine Ration Kraftfutter.

Seit vergangenem Herbst lebt Muriel Giger mit ihrem Mann auf dem Hof Unterbach, der weit abgelegen oberhalb von Teufen liegt. Auf die Frage, ob dies nun ihre neue Heimat sei, antwortet sie in reinem Liechtensteiner Dialekt: «Obwohl ich mit Familie und Freunden in Balzers eng verbunden bin, fühle ich mich hier sehr wohl.» Am Landwirtschaftlichen Zentrum in Salez hat sie eine Vollzeitstelle. Zu Hause unterstützt sie als Mitinhaberin des Landwirtschaftsbetriebs ihren Mann, Lorenz Giger. Entlastet wird sie vom Schwiegervater, der bei ihnen angestellt ist. Trotz dem dichten Wochenprogramm bleibe auch Zeit für Hobbys. «Jeden Dienstag besuche ich das Fitnesstraining des Damenturnvereins Teufen», sagt sie und relativiert sogleich: «Für die Jagd hingegen fehlt mir gegenwärtig die Zeit. Als 16-Jährige legte ich die Jagdprüfung ab und war in den folgenden Jahren in Liechtenstein auf der Jagd. In Ausserrhoden muss ich jedoch zuerst 100 Hegestunden leisten, bis ich das Recht auf Patentjagd erlange.»

Eine steile Karriere

Muriel Giger wuchs mit zwei Schwestern in einer Handwerkerfamilie auf. «Meine Freude an der Landwirtschaft wurde geweckt, als ich als Kind mit der Familie auf der Alp war», erinnert sie sich. In Vaduz besuchte sie das Gymnasium und legte dabei den Schwerpunkt auf Latein. Nach der Matura wollte sie erst mal die praktische Seite der Landwirtschaft kennenlernen. Deshalb liess sie sich am Rheinhof in Salez zur Landwirtin EFZ ausbilden. Obwohl sie nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen war, schloss sie die Lehre mit der Bestnote 5,9 ab. Danach begann sie, an der Fachhochschule in Zollikofen Agronomie zu studieren. Sie wählte die Fachrichtung Nutztierwissenschaften und belegte im Nebenfach Unterricht und Beratung.

In den Semesterferien 2020 sprang sie auf einer Alp im Berner Oberland als Zusennin ein. Sie gehörte zu einem Team von drei Frauen, das 100 Kühe betreute und die Milch zu Käse und Butter verarbeitete. Auch im folgenden Jahr suchte sie zum Vollzeitstudium einen Ausgleich im praktischen Berufsleben: «In einem Pensum von 40 Prozent kümmerte ich mich im Rheintal während elf Monaten als Stallmitarbeiterin um Pensionspferde. Während der Coronazeit studierte ich im Homeschooling und anschliessend pendelte ich zwischen Altstätten und Zollikofen.» Bereits zwei Monate vor Abschluss des Studiums stieg sie beim Bauernverband St. Gallen (SGBV) in Flawil als Geschäftsführer-Stellvertreterin ein. «Ich war zuständig für Berufsbildung, bearbeitete verschiedene Projekte und konnte ein Netzwerk aufbauen. Das war eine lehrreiche Zeit», bilanziert sie. Im Januar 2025 übernahm Muriel Giger vorübergehend die Geschäftsleitung des SGBV, damit die operative Führung gewährleistet war.

Der 28-Hektaren-Betrieb von Muriel und Lorenz Giger liegt auf 950 Höhenmetern in der Bergzone II.
Der 28-Hektaren-Betrieb von Muriel und Lorenz Giger liegt auf 950 Höhenmetern in der Bergzone II.

Von der Alp ins Schulzimmer

Während ihrer Tätigkeit als stellvertretende Geschäftsführerin erfuhr Muriel Giger, dass ein Lehrer und Berater in Salez bald pensioniert werden würde. Die Stelle passte zu ihrer Ausbildung und zu ihren Interessen, aber ausgeschrieben war sie noch nicht. Muriel Giger kündigte trotzdem. «Ich tat es auf gut Glück und dachte dabei auch an eine weitere Alpsaison», erzählt sie. Dieser mutige Schritt zahlte sich gleich doppelt aus: Sie erhielt die Stelle in Salez und konnte vor Stellenantritt nochmals ihr Alpfieber ausleben: Auf der Alp Dürrwälderen in Urnäsch war sie während vier Monaten verantwortlich für 28 Kühe und 25 Stück Jungvieh. Seit September 2025 ist Muriel Giger nun Lehrerin und Beraterin am Landwirtschaftlichen Zentrum in Salez. Ihre Themen reichen vom Direktzahlungskurs über Rindvieh und Fütterung bis zu Schweinehaltung und Kälbermast. Was sie im Schulzimmer vermittelt, begegnet ihr zu Hause oft im Stall wieder.

Beim Pausenbier besprechen Muriel Giger und ihr Mann Lorenz das Tagesprogramm.
Beim Pausenbier besprechen Muriel Giger und ihr Mann Lorenz das Tagesprogramm.

Im Blickfeld der Gesellschaft

Seit vergangenem Dezember sind Muriel und Lorenz Giger verheiratet. Er ist auf dem Hof Unterbach aufgewachsen und ist nebst der Arbeit auf dem Betrieb als Besamungstechniker tätig. Muriel Giger pflegt wie er gute Kontakte in Teufen und ist Mitglied der Landfrauenvereinigung. Angesprochen auf das UNO-Jahr der Landwirtinnen, betont sie: «Auch ich begrüsse, dass Gleichstellung, soziale Absicherung und gesellschaftliche Anerkennung der Frau in der Landwirtschaft ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Als stellvertretende Geschäftsführerin hatte ich einen guten Draht zum Bäuerinnenverband, der sich zu Recht für einen besseren Versicherungsschutz der Frauen einsetzte.» Dass Frauen in der männerdominierten Agrarbranche gegen Vorurteile kämpfen müssen, entspreche jedoch nicht ihrer Erfahrung. Ihre Vorgesetzten hätten ihr ohne Vorbehalte Vertrauen geschenkt und sie als Mitarbeiterin respektiert. «In der Berufsschule war ich die einzige Frau in der Klasse und fühlte mich von meinen Mitschülern ernst genommen», ergänzt sie und räumt gleichzeitig ein: «Allerdings war ich stets bemüht, meinen Kollegen fachlich zumindest ebenbürtig zu sein.»

Auf die Frage, welche Eigenschaften am besten auf sie zutreffen, antwortet sie nach einigem Überlegen: «Ich bin zielstrebig und fleissig, aber auch gegensätzlich: In Gummistiefeln und Arbeitshosen im Stall fühle ich mich ebenso wohl wie in einem modischen Outfit in der Freizeit.»

Die Landwirtin im Fokus

Die UNO hat 2026 zum internationalen Jahr der Landwirtinnen erklärt. Die Organisation will damit die zentrale Rolle der Frauen in der Landwirtschaft weltweit sichtbar und bekannter machen. In dieser Serie stellt der «St. Galler Bauer» Landwirtinnen in den Mittelpunkt. Auch der Schweizerischer Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) widmet sich diesem Thema. Zu diesen Berichten gelangt man über den Link hier zur Themen-Webseite.

Lesen Sie hier über Landwirtin Gabi Ochsner, die vor 50 Jahren den Beruf gelernt hat.

Christa Eugster-Rupp hat sich ebenfalls in die Männerdomäne Landwirtschaft gewagt. Den Beitrag gibt es hier.

Rita Widmer-Stüssi ergriff ihren Traumberuf «Landwirtin» trotz einigem Gegenwind.  Hier geht’s zum Artikel.

Landwirtin Bianca Gasser-Wiesmann arbeitet auf ihrem Biohof in Oberneunforn nachhaltig und regional. Hier geht’s zum Artikel.

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