Für Landwirtin Gabi Ochsner gibt es keinen schöneren Beruf

Gabi Ochsner wuchs in der Stadt St. Gallen in einer Familie ohne jeglichen Bezug zur Landwirtschaft auf. Ihren Willen, Landwirtin zu werden, setzte sie trotz einiger Hindernisse durch. Noch heute aktiv in diesem Beruf, ist die lebensfrohe Frau stolz darauf, diesen Weg gegangen zu sein.

Pferde sind seit der Kindheit das Lieblingstier der Andwilerin.
Pferde sind seit der Kindheit das Lieblingstier der Andwilerin.

Einen ganzen SBB-Bahnwagen, gefüllt mit 50 Kilo schweren Säcken Thomasmehl, ohne Hilfsmittel auf drei Anhänger umzuladen, ist reine Knochenarbeit. Diese Aufgabe bekam Gabi Ochsner vor 50 Jahren. 16 Jahre alt war sie damals und körperlich nicht geeignet für diese Arbeit. «Willst du Landwirtin werden oder ich?», fragte sie ihr Lehrmeister beim kurzen Vorbeischauen. «Ich liess mich nicht entmutigen, und irgendwann brachte mir ein Bahnangestellter einen Sackkarren», erinnert sich Gabi Ochsner schmunzelnd. In der Nähe von Aubonne im Kanton Waadt auf einem Betrieb mit 100 Hektaren Bewirtschaftungsland absolvierte die zielstrebige Frau ihr erstes Lehrjahr. In der Ostschweiz seien damals nur wenige Lehrstellen vorhanden gewesen. «Dass mich dort kein Lehrmeister ausbilden wollte, lag an deren Ehefrauen», weiss Gabi Ochsner.

Pferde als Wegweiser

Tiere sprachen die St. Gallerin schon als Kind an. In einer Pferdestallung in der Nähe half sie als Schülerin mit, und bald war sie auch als Landdienstlerin im Einsatz. Auf dem ersten Hof waren entgegen ihrem Wunsch keine Pferde anwesend. Voller Elan half sie dafür mit viel Talent im Kuhstall mit. «Kühe melken passte mir besser als mit Kindern spielen», erinnert sich Gabi Ochsner. Beim zweiten Landdiensteinsatz in Freidorf erfüllte sich dann ihr Traum von Pferden und Kühen auf demselben Hof. Dort schenkte man dem Schulmädchen viel Vertrauen und liess dieses bei einem zweitägigen Ausflug gleich die anstehende Stallarbeit verrichten. «Als mir beim Melkaggregat eine Gummidichtung wegfiel, kam ich vorübergehend ins Schwitzen», erzählt Gabi Ochsner. Ihren Berufswunsch Bereiterin schlugen ihr die Eltern kategorisch aus. Landwirtin könne man gerade noch akzeptieren, habe wenigstens der Vater gemeint. Zwar hatte das Mädchen die Eignungsprüfung für die Kantonsschule bestanden, ging aber beharrlich ihren Weg. Die Lehrstelle in Aubonne war auf einem für die damalige Zeit riesigen Anwesen. 80 Kühe, sechs Traktoren und etliche Knechte waren auf dem 100-Hektaren-Betrieb anwesend. Die Angestellten wohnten in einem separaten Haus. Gabi Ochsner erhielt eine abschliessbare Stube als Wohnraum. «Es war natürlich vorteilhaft, mich immer möglichst unauffällig zu bekleiden. Ich musste mich während den Lehrjahren nur ein einziges Mal gegen Aufdringlichkeit wehren.»

Selbst ist die Frau

Auf dem Betrieb in Aubonne waren in der Schweiz damals die ersten Holstein-Tiere präsent. Die erste Kuh dieser Rasse habe ihr Chef in einem Strohfuder versteckt aus Frankreich nach Aubonne geschmuggelt. Die Kühe hielt man dort in einem Laufstall. Gemolken wurde in einem Melkstand mit zwei Mal vier Aggregaten. Auf diesem Bauernhof war es fabrikähnlich. Aber sie habe trotzdem viel gelernt. «Du nimmst dir einen Traktor und lernst das Chauffieren selbst», habe es geheissen. Nach 100 Stunden Pflügen sei dann am Zugfahrzeug ein Ölwechsel vorzunehmen. 50 Meter rückwärtsfahren mit Traktor und Ladewagen in der Tenne müsse rassig und ohne Unterbruch geschehen. Die kleinen Strohballen von 60 Hektaren Getreideanbau solle sie genau stapeln. «Kippt ein Strohballenfuder um, kannst du es allein wieder richten», hiess es. Rücksicht, dass sie ein Mädchen war, wurde keine genommen. Gabi Ochsner wusste sich aber zu behaupten. Bald war sie überall einsetzbar, und ihr riesiges Interesse an Tieren und Pflanzen zeigte Früchte. In der Berufsschule im Kanton Waadt war sie die einzige weibliche Person. Unterrichtet wurde dort in deutscher Sprache. «Es funktionierte problemlos. Dank meinem Wissenstand und meinem Talent für schriftliche Arbeiten wurde ich bestens in die Klasse integriert.» Das tägliche Aufschütten von 30 Kleinstrohballen im Laufstall sei eine ihrer wenigen ungeliebten Arbeiten gewesen. Der Rest habe ihr einfach gefallen und die Freude am Beruf habe nie nachgelassen.

Das Gras für die Fütterung der Pferde kann mit einfachen Mitteln in die Tenne gebracht werden.
Das Gras für die Fütterung der Pferde kann mit einfachen Mitteln in die Tenne gebracht werden.

Zweitbester Abschluss

Gabi Ochsner absolvierte während 20 Wochen die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr. Das zweite Lehrjahr als Landwirtin verbrachte sie anschliessend in Ersigen. 15 Lehrlinge seien in dieser Gemeinde als Landwirt in Ausbildung gewesen. Inzwischen hatte sich Gabi Ochsner ein eigenes Pferd angeschafft. Die Arbeit mit diesen Tieren ist bis heute eine grosse Leidenschaft von ihr. Die St. Gallerin bereitete sich gut auf die Berufsprüfung vor. Mit der Note 5,7 erzielte sie das zweithöchste Resultat im Kanton Bern. Dass sie in ihren Lehrstellen verschiedene Betriebszweige vorfand, machte die junge Frau zur kompletten Landwirtin. Nun folgten Einsätze als Betriebshelferin in der Ostschweiz. Spannend sei dies gewesen. Für ihr Pferd fand sie eine Stallung bei Ochsners auf dem Flurhof, einem Milchwirtschaftsbetrieb in Andwil. Dessen Besitzer wurden «Gotthelfpuure» genannt. «Ja, dort war die Zeit stehengeblieben. Sich moderner einzurichten wurde kategorisch ausgeschlagen», erinnert sich Gabi Ochsner. Trotzdem fasste sie dort Fuss, heiratete den zehn Jahre älteren Hofnachfolger und gründete mit ihm eine Familie. Die unternehmerische Frau konnte da und dort Neuerungen auf dem Betrieb realisieren und achtete während all der Jahre auf ein erfolgreiches Ergebnis in der Buchhaltung. Inzwischen ist ihr Ehemann verstorben und mit Röbi Schmid ein neuer Lebenspartner eingezogen. Einige Pferde werden noch gehalten, und die Arbeiten auf dem Hof sind nach wie vor Gabi Ochsners Leidenschaft. «Ja, mein Körper spürt die Anstrengungen all der vergangenen Jahre als Landwirtin. Aber ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben, und ich wünsche den heutigen jungen Bauern ein gesundes Mass an Arbeit.»

Die Landwirtin im Fokus

Die UNO hat 2026 zum internationalen Jahr der Landwirtinnen erklärt. Die Organisation will damit die zentrale Rolle der Frauen in der Landwirtschaft weltweit sichtbar und bekannter machen. In dieser Serie stellt der «St. Galler Bauer» Landwirtinnen in den Mittelpunkt.

Das könnte Sie auch interessieren

stgallerbauer.ch Newsletter
Seien Sie die Ersten, um neueste Updates und exklusive Inhalte direkt in Ihren E-Mail-Posteingang zu erhalten.
Anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link