Christa Eugster-Rupp, Pionierin in der Landwirtschaft
Christa Eugster-Rupp gehört zu jener Generation von Frauen, die sich als Erste in die Männerdomäne Landwirtschaft vorgewagt haben. Heute führt sie den elterlichen Hof als Betriebsleiterin weiter.

Im Faziloo 223 oberhalb von Schloss Weinstein in Marbach dominiert die Farbe Grün. Wiesen und Weiden, Büsche und Sträucher, Obstbäume und Waldstücke umrahmen das Wohnhaus mit Garten, die Stallungen für Rinder, Pferde und Federvieh sowie die Überdachung mit den Maschinen. Darüber spannt sich ein weiter Himmel mit weissen Wölkchen, die vorüberziehen. Bei klarem Wetter reicht der Blick weit über das Dorf bis zu den Bergketten am Horizont. Dieser Flecken Erde ist das Zuhause von Christa Eugster-Rupp. Hier ist die 45-jährige Landwirtin aufgewachsen, hat sie ihre Kindheit und Jugend verbracht. Heute lebt sie hier mit ihrem Mann Kilian und den beiden Töchtern, der 15-jährigen Lara und der zwölfjährigen Romana. Seit 2008 führt die Bauerntochter den Landwirtschaftsbetrieb, den sie von ihren Eltern übernommen hat.
Zwischen Wald und Bach
Der Faziloo ist ein schöner Ort, um aufzuwachsen. «Natürlich mussten wir auf dem Hof mithelfen. Aber wir hatten viele Freiheiten. Nicht weiter hinunter als bis zum Briefkasten, dafür hinauf in den Wald und zum Bach, das war unser Revier zum Spielen und Austoben», erzählt Christa Eugster-Rupp aus ihrer Kindheit. Am wohlsten fühlte sich das zierliche, wilde Mädchen auf dem Rücken ihres Ponys, am liebsten ohne Sattel. Sie trug gern Kleider oder Röcke und lief barfuss. Oft waren ihre kleinen Füsse schmutzig und die über schulterlangen Haare flatterten ungebändigt im Wind. Eigentlich wollte sie Goldschmiedin oder Bereiterin werden. Doch in Stein gemeisselt waren ihre Berufspläne nicht. «Lern doch Landwirtin», schlug ihre Mutter der Jüngsten von fünf Kindern vor. Ein Wunsch war da wohl mit im Spiel. Denn keine der drei älteren Töchter hatte Ambitionen, den Betrieb zu übernehmen. Der einzige Sohn im Mädchenkleeblatt half lieber im Haushalt als im Stall oder auf dem Feld. Für das Mädchen, welches das Hofleben liebte und im Umgang mit Tieren aufblühte, klang der Vorschlag stimmig. Christa Eugster-Rupp konnte sich gut vorstellen, eines Tages den Hof zu übernehmen. So entschloss sie sich, die Ausbildung zur Landwirtin EFZ zu machen.

Frau in der Männerdomäne
Also wagte sich das junge Mädchen in eine Männerdomäne. Vor rund 25 Jahren gehörte sie zu jener Minderheit von Frauen, die nicht nur mitarbeiten, sondern einen Hof übernehmen und führen wollten. Während in anderen Regionen bereits mehr Frauen diesen Schritt gewagt hatten, blieb die Marbacherin während eines grossen Teils ihrer Ausbildung die einzige Frau. «Zuerst war es schon ungewohnt, als einzige Frau in der Klasse. Aber nach zwei, drei Wochen war das kein Thema mehr», sagt die Betriebsleiterin. Früher seien körperlich anstrengende Arbeiten einer der Hauptgründe gewesen, weshalb Frauen davon abgehalten wurden, den Beruf Landwirtin zu erlernen. Ausserdem galten Traktoren und landwirtschaftliche Maschinen als Männersache. Viele hätten Frauen diesen Teil der Arbeit schlicht nicht zugetraut. Heute sei die Arbeit auf dem Betrieb dank moderner Technik leichter geworden, und Traktorfahren gehöre für Frauen genauso dazu wie für Männer, erklärt Christa Eugster-Rupp.

Sieben Monate in Neuseeland
Ihre Ausbildung machte sie auf dem Storchenhof in Kriessern, wo neben Milchwirtschaft und Ackerbau auch Pferde eine wichtige Rolle spielten. «Das war Bedingung für den Ausbildungsplatz. Doch ich hatte Heimweh. Statt nur jedes zweite Wochenende zu Hause zu sein, ritt ich manchmal am Sonntag für einen kurzen Besuch mit dem Pferd nach Hause», erzählt sie. Im zweiten Lehrjahr legte sich das Heimweh, und sie wagte den Schritt ins thurgauische Hohentannen auf einen Betrieb mit Milchwirtschaft, Schweinezucht und natürlich wieder mit Pferden. Nach der Ausbildung zog es die gelernte Landwirtin noch viel weiter weg. Auf einem Gutsbetrieb in Neuseeland arbeitete sie sieben Monate und lernte Landwirtschaft in einer ganz anderen Dimension kennen. Danach half sie im Sommer auf dem elterlichen Hof mit und verbrachte zwei Wintersaisons in Skigebieten.

Umstellung auf Rinderzucht
Im Jahr 2006 lernte die angehende Betriebsleiterin ihren späteren Mann Kilian kennen. Der Maschinenmechaniker konnte sich ein Familienleben im Faziloo gut vorstellen. Bald war er mit der landwirtschaftlichen Arbeit vertraut und bereit, seine Frau zu unterstützen. Als es den Eltern gesundheitlich nicht mehr so gut ging, übernahm die jüngste Tochter 2008 den zwölf Hektaren grossen Landwirtschaftsbetrieb mit 13 Milchkühen, Aufzuchtrindern und rund 180 Hochstammobstbäumen. Heute gehören statt der Milchkühe 19 bis 27 Aufzuchtrinder, drei Pferde, ein fünfköpfiges Hühnervolk, drei Seidenhühner, zwei Katzen und Hofhund Jimmy zu den tierischen Mitbewohnern der Familie Eugster-Rupp. Nachdem sie ihren Hof 2020 von Milchwirtschaft auf Rinderaufzucht umgestellt hat, ist die Familie deutlich flexibler geworden. «Die Umstellung hat uns Luft verschafft. Früher mussten wir morgens und abends etwa zur gleichen Zeit melken, ein ziemlicher Aufwand bei nur 13 Kühen. «Mit dem Aufzuchtvieh sind wir zeitlich nicht mehr so stark gebunden und können den Alltag viel besser planen», sagt Christa Eugster-Rupp. Über Mangel an helfenden Händen kann sich die Betriebsleiterin nicht beklagen. Die ganze Familie, inklusive der Seniorbäuerin, packt mit an, wenn es auf dem vielseitigen Hof etwas zu tun gibt. «Jede und jeder hilft mit, das entlastet mich sehr.» So bleibt für die Mutter, Ehefrau und Landwirtin noch Zeit für Hobbys wie Reiten, die Teilnahme an Reitturnieren, Biken, Velofahren oder einen Ausflug mit ihrer Familie. Im Faziloo, zwischen Obstbäumen, Aufzuchtvieh, Pferden und Familie, findet Christa Eugster-Rupp nicht nur Arbeit, sondern das Leben, das sie sich gewünscht hat.

Die Landwirtin im Fokus
Die Uno hat 2026 zum internationalen Jahr der Landwirtinnen erklärt. Die Organisation will damit die zentrale Rolle der Frauen in der Landwirtschaft weltweit sichtbar und bekannter machen. In dieser Serie stellt der «St. Galler Bauer» Landwirtinnen in den Mittelpunkt.
