Landwirtin Bianca Gasser führt Biohof mit Herz und Verstand
Landwirtin Bianca Gasser-Wiesmann führt gemeinsam mit ihrem Bruder Diego den elterlichen Hof. Der Biohof verbindet Tierhaltung, Ackerbau und die Vermarktung der Produkte über regionale Abnehmer.

Mit dem Hubstapler fährt Bianca Gasser-Wiesmann eine Palette aussortierter Kartoffeln zu den Kühen. Die Knollen sind für die Tiere ein willkommener Leckerbissen und zugleich eine wertvolle Energiequelle. «Sie wurden mithilfe einer Kamera aussortiert. Gemüse, das wegen kleiner Schadstellen oder der Wuchsform nicht in den Grosshandel gelangt, verfüttern wir unseren Kühen», erklärt die Landwirtin, während sie Tochter Nuria auf ihrem Arm hält. Die 34-Jährige ist gelernte Landwirtin EFZ und hat die Betriebsleiterschule abgeschlossen. Gemeinsam mit ihrem Bruder Diego Wiesmann führt sie die Geschwistergemeinschaft (GG) Wiesmann Stockenhof im thurgauischen Oberneunforn. Verheiratet ist sie mit Dominik Gasser, der in Hallau einen Ackerbau- und Rebbaubetrieb führt.
Einblick in die Landwirtschaft
Die Liebe zur Landwirtschaft wurde Bianca Gasser in die Wiege gelegt. Auf dem elterlichen Hof in Oberneunforn wuchs sie mit ihren Brüdern Diego und Florian auf. Bis 2023 führten ihre Eltern, Geri und Claudia Wiesmann, den Landwirtschaftsbetrieb, bevor Bianca und Diego die Leitung übernahmen. «Als Kind wollte ich eigentlich Kindergärtnerin werden. Letztlich habe ich mich aber doch für die Landwirtschaft entschieden», erzählt Bianca Gasser. Ausschlaggebend seien ihre Tierliebe und die Verbundenheit zur Natur gewesen. «Es ist eine sinnvolle Arbeit, Lebensmittel für die Menschen zu produzieren.» Heute ist Bianca Gasser selbst Mutter einer Tochter. Ihre Freude am Umgang mit den Kindern zeigt sich auch auf dem Hof. Regelmässig empfängt die GG Wiesmann Stockenhof Schulklassen sowie andere Kindergruppen und gewährt ihnen Einblicke in den landwirtschaftlichen Alltag. Die Geschwistergemeinschaft bewirtschaftet eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 52 Hektaren. Zum Betrieb gehören 70 Milchkühe der Rassen Red Holstein, Holstein, Schweizer Fleckvieh und deren Aufzucht sowie 2000 Legehennen. Ergänzt wird der Hof durch Acker-, Gemüse-, Obst- und Waldbau. Der Betrieb wird biologisch geführt. Bianca Gasser bringt ihre Stärken in Tierhaltung und Zahlen ein, während ihr Bruder den Schwerpunkt im Ackerbau und in der Technik hat. Diego Wiesmann ist gelernter Landwirt und absolvierte ebenfalls die Betriebsleiterschule. Die Geschwistergemeinschaft wird von den Eltern sowie von einem Lehrling unterstützt. Auch Bruder Florian, der von Beruf Zimmermann ist, hilft bei Bedarf bei baulichen Arbeiten mit.

Ausbildung und Ausland
Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte Bianca Gasser die dreijährige Ausbildung zur Landwirtin EFZ. «Im ersten Lehrjahr war ich in Colombier-sur-Morges auf einem Landwirtschaftsbetrieb, im zweiten in Aesch bei Neftenbach. Das dritte absolvierte ich als Jahresschule am Strickhof», erzählt sie. Die Betriebsleiterschule besuchte sie später am Arenenberg. Nur zwei Tage nach ihrer Lehrabschlussprüfung reiste sie für sieben Monate nach Neuseeland und arbeitete dort auf einem Milchviehbetrieb mit rund 860 Kiwi-Cross-Kühen. Gemolken wurde in einem 70er-Karussell, wobei die Milch anschliessend zu Milchpulver verarbeitet und vor allem nach Asien exportiert wurde. Landschaftlich erinnere sie Neuseeland an die Schweiz, mit dem Unterschied, dass das Meer nie weit entfernt war. In der Folge kehrte sie im Zweijahresrhythmus jeweils während der Abkalbesaison für drei Monate zur selben Familie zurück, um mitzuarbeiten. Dazwischen hat sie bei einem Lohnunternehmen als Allrounderin gearbeitet. Während ihrer anschliessenden fünfjährigen Tätigkeit auf einem Landwirtschaftsbetrieb hat sie sich dann an der Bäuerinnenschule am Arenenberg in mehreren Modulen weitergebildet, um ihre Kenntnisse in Hauswirtschaft und Landwirtschaft zu spezialisieren.
Geschwister ergänzen sich
2021 kehrte sie auf den elterlichen Hof zurück und stieg in den Betrieb ein. Zunächst führte die Familie den Hof während rund zwei Jahren in einer Generationengemeinschaft. «So erhielten wir einen Einblick, wie unsere Zusammenarbeit funktioniert; und es hat sich bewährt», sagt die Landwirtin. «Mein Bruder Diego und ich ergänzen uns gut. Er ist die ausführende Person, ich das Organisationstalent. Streit hatten wir noch nie, auch schon als Kinder nur selten.» Seit der Übernahme durch die Geschwistergemeinschaft hat sich auf dem Hof einiges verändert. Neben dem Neubau eines Hühnerstalls wurde ein Swing-over-Melkstand installiert, bei dem zwei gegenüberliegende Melkplätze mit einem Melkzeug bedient werden. Zudem wuchs der Kuhbestand von 40 auf 70 Tiere, und das Güllesilo wurde erweitert. Insgesamt habe sich seit 1976 viel entwickelt, sagt Bianca Gasser. Damals liessen ihre Grosseltern Stall und Wohnhaus erstellen und siedelten vom Dorf auf den Stockenhof über. Bianca Gasser erzählt, dass die Milch an die Züger Frischkäse AG geht und die Eier zu Lüchinger + Schmid für die Migros. Beim Gemüse arbeitet der Betrieb mit Rathgeb Bio zusammen, der die Grossverteiler Migros und Coop beliefert. Das Getreide geht an Albert-Lehmann-Bioprodukte in die Biomühle Gossau. Das Obst wird für den Eigenbedarf gemostet.

Arbeitsteilung auf dem Hof
«Wir sind offen für Neues», sagt sie. Diese Haltung habe ihre Mutter der Familie vorgelebt. Neben der Arbeit auf dem Hof ist sie seit vielen Jahren in einem Teilzeitpensum als medizinische Praxisassistentin tätig. So habe sie gezeigt, dass sich die Landwirtschaft, ausserlandwirtschaftliche Tätigkeit und Auszeiten gut verbinden lassen. «Man muss loslassen können und zwischendurch einmal in die Ferien verreisen. Auch wenn wir hier fast wie im Paradies leben, braucht es manchmal Abstand.» Diese Offenheit prägt die Familie bis heute. Während Diego Wiesmann auf dem Familienbetrieb tätig ist, arbeitet seine Frau als Sekundarlehrerin in Stammheim. «Ich übernehme jedes zweite Wochenende den Stalldienst, am anderen ist mein Bruder im Einsatz. Diese Flexibilität erlaubt es uns auch zu verreisen», sagt Bianca Gasser. Dass heute viele Arbeiten maschinell erledigt werden können, erleichtere den Berufsalltag. «Je länger, je mehr sind Frauen in der Lage, einen Betrieb zu führen», ist sie überzeugt. Gleichzeitig müsse man als Landwirtin auch Hilfe annehmen können.
Privileg so aufzuwachsen
Bianca Gasser betrachtet es als Geschenk, zusammen mit ihrem Bruder den Betrieb weiterzuführen. «Es ist ein Privileg, so aufzuwachsen», sagt sie. Besonders eindrücklich sei für sie zu sehen, wie beispielsweise aus einem gesäten Maiskorn innerhalb weniger Tage ein Keimling entsteht. Doch oft fehle heute die Achtsamkeit gegenüber der Natur. Auch der Umgang mit Lebensmitteln beschäftigt sie. Weil Konsumenten und Grossverteiler nur einwandfreie Ware wollten, werde viel aussortiert. Viele Produkte wären jedoch geniessbar, eine krumme Karotte ebenso wie eine Kartoffel, bei der eine kleine Stelle entfernt werden müsste. «Statt wegzuwerfen, verfüttern wir es unseren Tieren», sagt sie. «Ich erinnere mich noch gut an die Worte meiner Grossmutter: Wenn es keine eigenen Kartoffeln mehr hat, dann gibt es halt keine mehr.» Ihr ist dabei wichtig, saisonal und regional zu denken. So zieht sich der respektvolle Umgang mit Natur und Lebensmitteln konsequent durch ihren Alltag.

Die Landwirtin im Fokus
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Christa Eugster-Rupp hat sich ebenfalls in die Männerdomäne Landwirtschaft gewagt. Den Beitrag gibt es hier.
Rita Widmer-Stüssi ergriff ihren Traumberuf «Landwirtin» trotz einigem Gegenwind. Hier geht’s zum Artikel.
