Abschied von der Alp Ober Hüttenbüel nach 60 Jahren
Seit mehr als 75 Jahren ist die Alp Ober Hüttenbüel in der Pacht der Familie Kolp. Was mit Eduard Kolp begann, endet nun auf Ende der Alpsaison. Nach 60 Jahren auf der Alp wurde der Pachtvertrag von Hans Kolp gekündigt.

1950, also vor mehr als 75 Jahren, war die Alp Ober Hüttenbüel hoch über Ebnat-Kappel zur Pacht ausgeschrieben. Eduard Kolp, der Grossvater vom heutigen Pächter Hans Kolp, liess sich aber erst nach einigem Drängen seines Sohnes Jakob von einer Bewerbung überzeugen. Schliesslich konnten mit der damaligen Besitzerin, der Ortsgemeinde Ebnat-Kappel, langjährige Pachtverträge abgeschlossen werden.
Sennischer Fussmarsch
Seither blieb die Familie Kolp ununterbrochen mit dem Ober Hüttenbüel eng verbunden. Jeden Frühsommer wurde mit den Tieren vom heimatlichen Hof im Esch-Hüsliberg, der etwa auf der gegenüberliegenden Talseite liegt, zu Fuss und mit sennischem Geleit zu der auf etwa 1240 Meter über Meer gelegenen Alp hochgefahren. Dieser Fussmarsch dauerte jeweils fast drei Stunden. Aber die älteren Tiere freuten sich so sehr auf ihren bereits bekannten «Ferienort» auf der Alp, dass sie jeweils mächtig auszogen und ihre Begleiter gehörig zum Schwitzen brachten. Anfänglich gab es kaum einen richtigen Weg und die Alpaufzüge führten über die «Scheftenau» bis zum «Fladehüsli» und dann bergwärts. Die wunderschön gelegene Alp erstreckt sich über gut 20 Hektaren und liegt etwas unterhalb des bekannten Aussichtspunktes Regelstein. Wenig oberhalb der Alpgebäude befand sich in den früheren noch schneereichen Wintern die Bergstation des Girlen-Skilifts, wo sogar Weltcup-Skirennen stattfanden. Vielleicht etwas aussergewöhnlich ist der Umstand, dass es für die Alpgebäude im Ober Hüttenbüel auch heute noch eine Sommer- und eine Winterpacht gibt. So wird die Alp von der Familie Kolp nur von Mitte Mai bis zum Bettag bewirtschaftet und geht dann über die Winterzeit in andere Hände über.

Von Butter zu Käse
Bis heute wird die Alp im Sommer mit Milchkühen bestossen. In den Anfängen gab es noch keine Melkmaschine. Die Kühe mussten von Hand gemolken werden. Die Milch wurde aber nicht verkäst, sondern an Ort und Stelle zu Butter verarbeitet. Die Fugenmilch wurde an die Schweine verfüttert. Erst als ein Bauer weiter unten seine Milch mit einem Anhänger ins Tal brachte, wurde die Milch vom Ober Hüttenbüel mit einem Hornschlitten von der zufahrtlosen Alp über die abschüssige Weide bis zur Girlenstrasse hinuntergezogen und dort auf den Anhänger verladen. Der Hornschlitten konnte dabei wenigstens mit einem Pferd wieder auf die Alp hochgezogen werden. Mit eigenen Mitteln konnte später im Bernbiet eine alte Seilbahn erworben werden. Diese konnte für einen einfacheren Milchtransport zur Girlenstrasse hinunter in Betrieb genommen werden. Aber auch diese Zeit ging wieder vorbei. In Eigenregie wurden mit einer am Mistkran befestigten Baggerschaufel zwei Fahrspuren gezogen, die mit einem Traktor befahren werden konnten. Heute führt im obersten Teil eine Schotterstrasse zu den Alpgebäuden. Diese kann mit einem robusten Fahrzeug gut gemeistert werden. So kann die wertvolle Alpenmilch zwischen den beiden Melkzeiten elektrisch gekühlt werden und muss nur einmal täglich ins Tal gefahren werden. Im Jahre 2018 wurde von der Besitzergemeinde Ebnat-Kappel ein neuer, heller und grosszügiger Stall erstellt, in dem sich die Alptiere sofort wohlfühlten.
Frühzeitige Alpabfahrt
Der Vater des jetzigen Pächters, Jakob Kolp, konnte im Jahre 2004 seinen 53. Alpsommer feiern. Wie einem damaligen Artikel in der «Toggenburger Zeitung» entnommen werden kann, sei dieser Sommer auf dem Ober Hüttenbüel «noch selten so schön, aber trocken» gewesen. Es sei kaum noch etwas gewachsen und das Wasser sei knapp geworden. So sei das frühzeitige sennische «Öberefahre» schon im August zum heimatlichen Hof allein mit den Milchkühen entsprechend kleiner als üblich ausgefallen. Im heurigen ebenfalls heissen und trockenen Jahr mussten die Milchkühe sogar schon Ende Juli auf den heimischen Hof zurückgebracht werden.

Auch der jetzige Pächter, Hans Kolp, kann auf eine aussergewöhnlich lange Alpzeit auf dem Ober Hüttenbüel zurückblicken. Schon ab dem Alter von fünf Jahren, also seit 60 Jahren, verbringt er jeden Sommer auf der Alp. Anfänglich und in der Schulferienzeit war das noch bei seinem Grossvater und später bei seinem Vater. Mit der Heirat mit seiner Frau Anita im Jahre 1996 wurde er selbst Pächter auf dem Oberen Hüttenbüel. Heute können die beiden auf die in den vergangenen 60 respektive 30 Jahren erlebte meistens schöne, aber auch strenge und arbeitsintensive Zeit zurückblicken. Die Arbeiten auf der hoch gelegenen Alp und das tägliche Pendeln zwischen dem fast gleich stotzigen heimatlichen Betrieb haben bei beiden ihren gesundheitlichen Tribut gefordert. Vielleicht hat das auch dazu geführt, dass ihr Sohn auf eine Übernahme von Hof und Alp verzichten wollte? So wurde der Pachtvertrag für die Alp Ober Hüttenbüel mit dem Erreichen des Pensionsalters von Hans Kolp auf das Ende dieser Saison gekündigt. Der heimatliche Betrieb im Esch-Hüsliberg wurde zwischenzeitlich an die Tochter und den Schwiegersohn verkauft. Ein Abschied vom Ober Hüttenbüel nach einer so langen Zeit kann einem treuen Älpler nur sehr, sehr schwerfallen. Das konnte man im Gespräch mit Hans und Anita Kolp gut herausspüren und nachvollziehen. Zum Glück haben die beiden trotz der gesundheitlichen Einschränkungen und dem Abschiedsschmerz ein sonniges Gemüt behalten.
