Ende einer Ära: Käserei Engi schliesst nach 156 Jahren
In der Käserei Engi in Bernhardzell, einer der ältesten noch bestehenden Käsereigenossenschaften der Schweiz, wurde an Silvester die letzte Charge Appenzeller Käse produziert. Für Käser Martin Zimmermann, der 25 Jahre lang hier arbeitete, endete damit nicht nur ein Arbeitstag, sondern eine 156-jährige Tradition.

Bernhardzell, 6.30 Uhr. Das Dorf erwacht langsam aus dem Schlaf, doch in der Käserei herrscht bereits Hochbetrieb. Ruhig und routiniert hebt Martin Zimmermann die schweren Käselaibe ins Salzbad. «Der Aufzug ist defekt. Die Reparatur hätte sich nicht mehr gelohnt», bemerkt er. Der 31. Dezember bedeutet nicht nur das Ende des Jahres, sondern auch das Ende einer langen Tradition. An diesem Tag stellt Käser Martin Zimmermann in der Käserei Engi in Bernhardzell zum letzten Mal Appenzeller Käse her. Mit der Stilllegung der Käserei geht eine 156-jährige Ära zu Ende.
Strukturwandel zeigt Spuren
Wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit wird die Käserei Engi geschlossen. Die sechs verbleibenden Milchlieferanten liefern ihre Milch nun an die Tannenbergkäserei in Andwil, wo sie verkäst wird. Martin Zimmermann, der mit seiner Familie weiterhin in der Wohnung über der Käserei in Bernhardzell lebt, wird als Käser in Andwil arbeiten und zusätzlich im Bau tätig sein – so wie er es bereits bisher war. Früher zählte die politische Gemeinde Waldkirch, zu der auch Bernhardzell gehört, elf Käsereibetriebe. Der Strukturwandel innerhalb der Land- und Milchwirtschaft hat jedoch deutliche Spuren hinterlassen. «Verblieben ist nur noch die Emmentaler Käserei in Laubbach», erzählt Martin Zimmermann. Er selbst hat 25 Jahre in der Käserei Engi gearbeitet. «Nie hätte ich gedacht, dass ich so lange an derselben Arbeitsstelle bleiben würde», sagt er und lacht. Mit seiner Familie sei er sesshaft geworden. Das gute Arbeitsverhältnis habe ebenfalls dazu beigetragen, dass er hierblieb. Martin Zimmermann, der aus dem Emmental in die Ostschweiz zog, war für die komplette Appenzeller-Käse-Produktion verantwortlich. Seine Frau Felicitas kümmerte sich bis vor einiger Zeit um den Verkauf der Produkte. «Zweimal wöchentlich wurden die Bestellungen an die Kundschaft ausgeliefert», erzählt der Käser.

Von Tilsiter zu Appenzeller
Die Käserei Engi wurde 1869 gegründet, in einer Zeit, die vom regelrechten Schweizer «Käsefieber» geprägt war. In der Erinnerungsschrift zum 115-jährigen Jubiläum werden die Gründer als «mutige, weitsichtige und gemeinnützige Männer» beschrieben, die von einer tiefen Überzeugung getragen handelten. Zunächst wurde mit der Produktion von Tilsiter begonnen. Anfang 1964 empfahl der Milchverband, ab März Appenzeller Käse zu produzieren. Die Hauptversammlung stimmte der Umstellung aus wirtschaftlichen Gründen zu. Ein Umbau der Käseküche war erforderlich. Bis zum Schluss stellte die Käsereigenossenschaft Engi dann Appenzeller Käse her, jährlich etwa 55 Tonnen. «Als älteste Käserei in Bernhardzell und Umgebung – vielleicht sogar der ganzen Schweiz – galt sie im Dorf, neben den beiden inzwischen ebenfalls geschlossenen Käsereien Dorf und Schöntal, stets als die kleinste.» Viele Dorfkäsereien sind genossenschaftlich organisiert. Die milchliefernden Landwirtschaftsbetriebe halten Genossenschaftsanteile an der Käserei und sind damit zugleich deren Eigentümer.
Inzwischen beginnt es langsam zu dämmern. Ein Lastwagen fährt vor; Chauffeur Othmar Geisser bringt die eingesammelte Milch der sechs Milchlieferanten. «Othmar liefert jeden Tag rund 2000 Liter Rohmilch», erklärt Martin Zimmermann und ergänzt, dass die Landwirte bis vor etwa zwei Jahren ihre Milch noch zweimal täglich selbst brachten. Dieser direkte Kontakt fehle ihm, daran habe er sich erst gewöhnen müssen, sagt er. Denn letztlich sei die Käserei ein wichtiger Treffpunkt gewesen, ein Ort des Austauschs zwischen Bauern und Käser. Veränderte Strukturen seien Gewöhnungssache. Ebenso werde er sich daran gewöhnen, in Andwil nicht mehr als Betriebsleiter tätig zu sein.
Einst hatte jeder Bauer ein festgelegtes Milchkontingent, das bestimmte, wie viel Milch er pro Jahr liefern durfte. Im Frühling 2009 wurde die Kontingentierung aufgehoben. Die Sortenorganisation Appenzeller Käse GmbH reguliert nun die Käsemengen über ein Monatskontingent. Die Produzentenorganisationen sorgen unter anderem dafür, dass Produktion und Angebot an die Marktbedürfnisse angepasst werden. In der Käserei Engi erfolgte die Produktion zuletzt an 15 Tagen pro Monat. Entsprechend wurde die Wirtschaftlichkeit hinterfragt. Die Käsereianlage soll nach der Schliessung möglichst schnell verkauft werden.

Veränderungen im Dorf
Martin Zimmermann bedauert es, dass immer mehr Geschäfte in Bernhardzell schliessen. «Früher gab es eine Post, einen Dorfladen, eine Metzgerei und die Landi. Heute gibt es nur noch die Landi», gibt er zu bedenken. Besonders für ältere Menschen sei diese Veränderung schwierig, da sie nun auswärts einkaufen müssten. Auch immer mehr Käsereien verschwinden in der ganzen Schweiz. «Ich bin aber davon überzeugt, dass Kleinkäsereien, von denen es noch einige gibt, mit guter Käsequalität überleben können.» Dennoch sei die Tendenz eindeutig: Grosse Käsereien würden sich durchsetzen, weil sie rentabler seien.
Auf die Frage, ob er sich wieder für den Käserberuf entscheiden würde, antwortet er: «Ja, ich habe es keinen einzigen Tag bereut. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Die Selbstständigkeit, die ich hier erlebt habe, hat mir sehr gefallen.» Martin Zimmermann ist in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Schon als kleiner Knabe konnte er in einer Milchhandlung im Dorf mithelfen. «Deshalb wollte ich nur diesen Beruf erlernen», sagt er.
An Silvester hat Martin Zimmermann in der Käserei Engi zum letzten Mal gekäst, den Lichtschalter ein letztes Mal gedrückt und die Türe ein letztes Mal abgeschlossen. «Ein Stück Dorfgeschichte geht damit zu Ende», sagt er. Was bleibt, sind die Erinnerungen – für ihn 25 Jahre voller Erlebnisse in der Käserei Engi in Bernhardzell. Nun steht ein Neuanfang in der Tannenbergkäserei in Andwil bevor – ein Neuanfang mit neuen Herausforderungen, vertrauten Aufgaben und der Chance, seine langjährige Erfahrung einzubringen.
