BVAR-Präsident Beat Brunner im Interview: «Nicht stehen bleiben»
In der zu Schwellbrunn gehörenden Beldschwendi führt Beat Brunner mit seiner Familie einen Milchwirtschaftsbetrieb. Seit 2019 präsidiert er den Bauernverband Appenzell Ausserrhoden (BVAR).

Beat Brunner, wie beschreiben Sie das vergangene Jahr als praktizierender Landwirt?
Beat Brunner: Dieses war überdurchschnittlich gut. Die Bedingungen waren auf den Heimbetrieben wie auch auf den Alpen vielerorts ideal. Ertragreiche Ernten von sehr guter Qualität konnten verzeichnet werden. Dies ist, nach dem teils miserablen Wetter der vergangenen Jahre, Balsam für unsere Seele.
Das Einkommen von Schweizer Bauernhöfen liegt durchschnittlich unter 18 Franken Stundenlohn pro Arbeitskraft. Wie ordnen Sie die Lage im Appenzellerland ein?
Brunner: Gemäss einem Bericht des Bundesrats aus dem Jahr 2024 liegt der durchschnittliche Arbeitsverdienst im Berggebiet mit 13 Franken Stundenlohn noch deutlich tiefer. Hier muss es uns gelingen, die Wertschöpfung auf den Betrieben erheblick zu steigern. Dazu braucht es auch Anpassungen der politischen Rahmenbedingungen. Mit der AP 2030 muss die produzierende Landwirtschaft ins Zentrum gestellt werden mit dem Ziel, kostendeckende Produzentenpreise realisieren zu können. Unsere Betriebe, unsere Familien, arbeiten jeden Tag hart. Sie produzieren hochwertige Lebensmittel, pflegen Landschaften, sorgen für Tierwohl und haben somit auch ein vergleichbares Einkommen wie andere Sektoren verdient.
Für wie realistisch halten Sie das Ziel des Schweizer Bauernverbands, in einigen Jahren einen Stundenlohn von 40 Franken zu erreichen?
Brunner: Für realistisch. Einzelne Betriebszweige haben dieses Ziel bereits erreicht. Das Problem liegt darin, dass wir grosse Unterschiede haben. Erhebliche Defizite sind nach wie vor bei der Rindviehhaltung zu verzeichnen. Nur mit einem angemessenen Arbeitsverdienst wird es langfristig möglich sein, die Betriebe weiterzuentwickeln und zum Beispiel in Gebäude zu investieren.
Wie stark betrifft Donald Trumps Zollerhebung die Appenzeller Landwirtschaft?
Brunner: Die «Spielregeln» ändern sich laufend. Verlässlichkeit und Perspektiven sind dabei fehl am Platz. Zu spüren bekommt dies vor allem die Milch- und Käsebranche. Grosse Sorgen machen uns vor allem der zunehmende Importdruck und die dauerhaft tiefen Aktionspreise im Lebensmittelregal. Diese erzeugen ein Umfeld, in dem unsere Produkte zunehmend mit Margen- und Qualitätsdruck konfrontiert sind. Wir fordern in der Zusammenarbeit mit dem Detailhandel mehr Fairness.
Am Urnäscher Bauernmarkt wurde das traditionelle «Öberefahre» von einem überdimensionierten Besucheraufmarsch erheblich behindert. Wie stark sollen die Bauern in Zukunft ihr Brauchtum mit dem Tourismus verbinden?
Brunner: Mittlerweile hat sich dieser Bauernmarkt am Bettag-Samstag etabliert. Die «Sennten» machen dabei Öffentlichkeitsarbeit von immensem Wert und Tausende Zuschauer erfreuen sich daran. In diesem Jahr hat das wunderschöne Herbstwetter zusätzlich viel Durchgangsverkehr Richtung Alpstein gezogen und eine Baustelle im Dorf erschwerte die Durchfahrt. Dies alles hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Wir klären aktuell mit der Polizei ab, wie in den kommenden Jahren ein derartiges Besucheraufkommen besser gelenkt werden kann.

Wie steht es bei den Appenzeller Tierhaltern mit dem Rückbau des Stacheldrahts?
Brunner: In Appenzell Ausserrhoden kennen wir kein gesetzliches Stacheldraht-Verbot. Wir setzen auf Eigenverantwortung. Der Bauernverband und der Patentjägerverein pflegen eine gute Zusammenarbeit. In gemeinsamen Projekten wird laufend Stacheldraht entfernt. Die Bauern werden dabei von den Jägern kostenlos in Form von Hegestunden unterstützt. Insgesamt sind bereits mehrere Dutzend Kilometer entfernt worden.
Wird die ständige Vergrösserung der einzelnen Betriebe im Kanton Appenzell Ausserrhoden die Instandhaltung sauberer Weideflächen nicht behindern?
Brunner: Dies hat aus meiner Sicht in erster Linie nicht mit der Grösse der Betriebe zu tun, sondern ist vielmehr eine Sache des Managements.
Wie stark beschäftigen Sie die Themen Aufschwung der Tierseuchen und PFAS bezüglich Zukunft der Appenzeller Landwirtschaft?
Brunner: Wer Nutztiere hält, ist verschiedenen Herausforderungen ausgesetzt. Dies kann der Wolf sein, bei dem die Tiere trotz Herdenschutz keine 100-prozentige Sicherheit geniessen. Sorgen machen uns auch die hochansteckenden Tierseuchen Vogelgrippe, Afrikanische Schweinepest, Blauzungenkrankheit oder der Ausbruch der gefürchteten Maul- und Klauenseuche in Osteuropa. Die Ewigkeitschemikalien PFAS bringen eine enorme Ungewissheit. Bei betroffenen Betrieben, die keine Schuld trifft, geht es von einem Tag auf den anderen ums nackte Überleben. Wir müssen unbedingt die Ursachen klären, einen pragmatischen Umgang mit dem Thema finden und finanziellen Schutz für die Betriebe sicherstellen.
Welches sind die hauptsächlichen Themen der Zusammenarbeit mit den Verbandsvorständen der Kantone St. Gallen und Appenzell Innerrhoden?
Brunner: Diese ist wichtiger denn je und betrifft zum Beispiel die Interessensvertretung, interne Weiterbildung oder Beratungsaufgaben. Der Betriebshelferdienst und das Versicherungswesen, die wir für beide Appenzell organisiert haben, wurden an den St. Galler Bauernverband ausgelagert. So können Synergien genutzt, Wissen gebündelt und Stellvertretungen besser gelöst werden.
Welcher Ratschlag ist aus Ihrer Sicht unerlässlich, um als Landwirt im Appenzellerland eine gute Zukunft zu haben?
Brunner: Nicht stehen bleiben. Als Unternehmerinnen und Unternehmer müssen wir uns den sich stetig ändernden Rahmenbedingungen anpassen können. Wir balancieren andauernd zwischen Politik, Markt und Wetter; tiefe Produzentenpreise, steigende Kosten und andere Gefahren lauern. Gesund bleiben ist aber wohl die allergrösste Voraussetzung, damit wir in Zukunft diese Herausforderungen mit neuer Kraft, Mut, Freude und Motivation meistern können.
