Mit Hand für Fuss: Holzzoggeli «made in Toggenburg»
In der vor zwei Jahren neu bezogenen Schuhmacherei von Bernhard und Tanja Schnyder kümmert sich ein Dreierteam um die Herstellung von Holzschuhen mit flexiblen Sohlen. Was zuerst nur eine Idee war, hat Gestalt angenommen und steht für Freunde dieser speziellen Fussbekleidung bereit.

Es ist ein regnerischer Nachmittag in der hellen Werkstatt ausserhalb des Dorfs Stein im Toggenburg. In der hellen Schuhmacherwerkstatt wird fleissig gearbeitet. Nebst dem Betriebsinhaber Bernhard Schnyder sind Laurin Salzgeber, der ausgebildete Orthopädiemeister, und Remo Bischof dort tätig. Im Büro kümmern sich Tanja Schnyder und Erika Bollhalder um die anstehenden Aufgaben und insbesondere die Vermarktung des neuen Produkts. Insgesamt teilen sich sieben Personen 500 Stellenprozente, denn auch für das Finish und den Postversand werden helfende Hände benötigt. Für diese Arbeit ist Margrith Schnyder zuständig.
Beschäftigung fürs ganze Jahr
Weil es Zeiten gibt, in denen die Schuhmacherwerkstatt nicht so stark ausgelastet ist, entstand die Idee von Holzschuhen aus Pappelholz. Diese haben flexible Sohlen, einheimisches Fell oder Glattleder. «Vom frühen Frühjahr bis Spätherbst sind sowohl Wandernde als auch Älpler unsere Kunden. Während der Wintermonate gehen die Aufträge, die aus der ganzen Schweiz bei uns eintreffen, etwas zurück. Ich will aber unsere Mitarbeitenden ganzjährig beschäftigen, deshalb der Entscheid für ein neues, handwerklich hergestelltes Produkt», erklärt Bernhard Schnyder.
Vorgeschlagen wurde die Holzschuhproduktion von Laurin Salzgeber. Als Vorarlberger ist er mit der Tradition der Bregenzerwälder «Chnospen» vertraut. Er konnte die dazu nötigen handwerklichen Schritte auch vor Ort erlernen. Nachdem in Stein feststand, dass ein Versuch mit der Produktion gemacht wird, wurden die nötigen Maschinen und das Werkzeug angeschafft. «Wir durften die einzelnen Schritte von Laurin Salzgeber lernen und inzwischen läuft die Produktion gut», informiert Bernhard Schnyder bei einem Gang durch die Werkstatt.

Jeder Handgriff sitzt
Auf einem fahrbaren Gestell sind die Holzsohlen aus Pappelholz in verschiedenen Grössen bereit. Remo Bischof stanzt das Leder mit der entsprechenden Maschine aus. Laurin Salzgeber näht die Teile für die Weiterverarbeitung und Bernhard Schnyder bringt Lederteil und Sohle zusammen. Dies, nachdem er den verstellbaren Bändel mit einer Schnalle versehen hat. «Leder ist in verschiedenen Farben verfügbar und wir können auch ganz nach Wunsch Prägungen anbringen. Sei dies ein Firmenlogo oder für einen Lastwagenfahrer das von ihm gewünschte Automarkenzeichen. Beliebt sind auch unsere sieben Churfirsten, sozusagen die Hausberge des Toggenburgs», gibt Bernhard Schnyder Einblick in die Wahlmöglichkeiten.

Felle verschiedener Rassen
Faszinierend auch der Blick auf die bereits daliegenden Felle. Da gibt es das flauschige Angus in Schwarz oder von der gleichen Rasse den weissen Gurt. Auch Felle des Rätischen Grauviehs oder in der Schweiz lebenden Limousins sind verfügbar. Dann das grossse Staunen: Das gefleckte Fell aus den USA ist im Vergleich zur Schweizer Qualität Papierdünn. «Damit ist schnell erklärt, weshalb wir auf inländische Qualität setzen», so Bernhard Schnyder. Allerdings sei die Beschaffung nicht ganz einfach. «Es gibt immer weniger Gerbereien, und somit kommt auch kaum noch gegerbtes Fell auf den Markt.» Doch sein Ziel ist es, die Wertschöpfung für die Region aus inländischem Material konsequent umzusetzen, auch wenn einige Hürden bewältig werden müssen. Noch stammen die flexiblen Pappelholzsohlen aus einer kleinen Manufaktur im Tirol. «Unsere Vorstellung ist aber, dereinst einheimisches Holz zu verwenden, das auch vor Ort verarbeitet wird. Denn nur wenn wir in der Region branchenübergreifend zusammenarbeiten, haben wir Erfolg», ist der innovative Schuhmacher überzeugt. Dabei habe er nicht die grossen Stückzahlen im Auge, «es geht mir um die Wirkung nach aussen und die Tatsache, dass wir in unserem Tal nicht stehen bleiben».
Vom Landwirt zum Schuhmacher
Ursprünglich hat Bernhard Schnyder Landwirt gelernt und auch den elterlichen Betrieb geführt. Durch «einen glücklichen Zufall», wie er dies aus heutiger Warte bezeichnet, lernte er die kurz vor der Pensionierung stehenden Grabser Schuhmacher Robert Schafferer und Werner Schoch kennen. Während zwei Jahren durfte er im Werdenberg ein neues Handwerk erlernen und empfand dies als ideale Kombination zur Arbeit auf dem Bauernhof.
Dann wurde spürbar, dass das ständige Pendeln zwischen dem Toggenburg und Grabs zu viel Zeit in Anspruch nahm. So war der nächste Schritt im Jahr 2012 das Einrichten der Schuhmacherei in den gemieteten Räumen der ehemaligen Post in Stein. Bald lief die Schuhmacherei so gut, dass sich Bernhard Schnyder Gedanken machen musste, ob Bauernhof oder Schuhmacherei. Er entschied sich für Letzteres. Vor zwei Jahren folgte mit dem Umbau der Scheune neben dem Elternhaus die Vergrösserung des Betriebs und die Anstellung von Mitarbeitenden. Weil für ihn und sein Team Stillstand Rückschritt bedeutet, hat er nun den nächsten Schritt gewagt und stellt die in der Schweiz noch wenig bekannten Holzschuhe mit Fell- oder Lederabdeckung her.
Spannende Einblicke
In der Serie «Blick in die Fabrik» besucht der «St. Galler Bauer» in loser Folge Fabriken, die mit der Landwirtschaft und dem landwirtschaftlichen Umfeld zu tun haben, und zeigt, was hinter der Fassade geschieht.
