Holzen in steilem Gelände

Auch im Toggenburg gibt es zum Teil aussergewöhnlich steile Waldpartien. Früher kaum genutzt, können diese Wälder heute mittels Seilkran bewirtschaftet werden. Der Forstbetrieb der Ortsgemeinde Lichtensteig macht dies erfolgreich im Wattwiler Steintal. Ein Besuch.

Genügend Distanz zur ankommenden Ladung vermindert die Unfallgefahr.
Genügend Distanz zur ankommenden Ladung vermindert die Unfallgefahr.

Die gekieste, kurvenreiche Waldstrasse zum Restaurant Chrüzegg führt durch eine wilde Natur. Das von Nagelfluh-Felsen gesäumte Gelände zeigt dem Wanderer einen Graben nach dem anderen. Sehr steil sind diese und laden nicht zum Holzen ein. Ein Warnschild weist die Ausflügler aber darauf hin, dass hier trotzdem geholzt wird. Der Forstbetrieb der Ortsgemeinde Lichtensteig – unter der Leitung des Försters Roman Kessler – ist am Werk. Der Kanton St. Gallen besitzt hier Waldungen, welche die Lichtensteiger betreuen. Ein hoher, lauter Ton durchbricht plötzlich die Waldesruhe. Ein Zugseil aus Stahl, elf Millimeter dick, löst diesen Lärm aus. Mit raschem Tempo lässt es einen Laufwagen mit einer Fuhre Holz zu Tal sausen.

Routinierte Teamarbeit

Es ist momentan kein Durchkommen möglich bei der Chrüzeggstrasse. Die Forst-Seilbahn von August Schnyder aus dem Wägital benötigt hier den schmalen Strassenabschnitt, um die Holzladungen in Empfang zu nehmen. Ein Fuder ist jetzt angekommen. Florian Schnyder, der Neffe des Unternehmers, löst den Buchenträmel und den Fichtengipfel vom Zugseil. Mit dem Funkgerät gibt der junge Mann dem 500 Meter weit entfernten Maschinisten an der Seilwinde Anweisungen. Es geht genau zu und her. «Halt. Klemme fest. Langsam lösen. Noch mehr lösen. Gut.» Die kurzen Befehle sind wichtig für einen möglichst reibungslosen Ablauf. Ebenso die sichere Entfernung zum landenden Holz. Die Seilstruppen sind nun gelöst. Florian Schnyder gibt Freigabe für das Hinaufziehen des Zugseils. Mit einer Geschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde fährt der Laufwagen auf dem Tragseil wieder hinauf. 28 Millimeter dick ist dieses. Jetzt sind Maurus Gübeli und Silvan Feurer an der Reihe. Die beiden ausgebildeten Forstwarte, Angestellte beim Forstbetrieb der Ortsgemeinde Lichtensteig, wechseln sich ab. Einer lenkt den «Timberjack», so wird der grosse Stammschlepper genannt, zum angekommenen Holz. Rasch schnappt er sich mit der Kranzange die Ladung und zieht sie aus dem Durchgangsbereich der wartenden Wanderer oder Velofahrer. Der andere hantiert dort mit der Motorsäge. Ablängen des Stamms und Äste absägen sind seine Aufgaben. Das Arbeitstempo ist beeindruckend routiniert. Lange dauern diese Vorgänge nicht. Florian Schnyder hat die übrigen Äste beiseitegeräumt und gibt die Strasse wieder frei. Bald folgt die nächste Ladung, und das Spiel beginnt von vorne. Zuerst folgt jetzt aber der verdiente Znüni für die Arbeitenden.

Freude an der Arbeit

Das Wetter ist heute guter Laune. Ebenso die Forstwarte. «Die Arbeit gefällt uns beiden gut und bringt Zufriedenheit. Einerseits der ständige Aufenthalt in der Natur, andererseits die gute Kameradschaft untereinander», sind sich Silvan Feurer und Maurus Gübeli einig. Vier Festangestellte und drei Lehrlinge sind bei den Lichtensteigern beschäftigt. Gemeinsam haben sie vor ein paar Wochen die rund 750 Kubikmeter Holz für die geplante Seilbahn gefällt. Die Arbeit sei spannend gewesen und mit grosser Vorsicht behaftet. Wegen der Steilheit musste der fällende Arbeiter zur Sicherheit manchmal angeseilt werden, wie die beiden berichten. Die gefällten Bäume seien fast durchwegs ohne Entastung am Boden liegen gelassen worden. Eine Massnahme, die deren Hinunterrutschen zum tief unten durchfliessenden Bach womöglich verhindert habe. Trotzdem seien doch einige Stämme unaufhaltsam zu Tal gedonnert.

Im Gegensatz zu diesem 15 Meter hohen Seilmast hat die Höhe auch schon 30 Meter betragen.
Im Gegensatz zu diesem 15 Meter hohen Seilmast hat die Höhe auch schon 30 Meter betragen.

Das mit der Seilbahn ankommende Holz wird von den beiden Forstwarten selektioniert. Brennholz, Hackholz, Bauholz und solches, das eventuell den Ansprüchen der Bürstenfabrik Ebnat-Kappel genüge, sind die Sortimente. Das «Bürstenholz» werde von einem Fachmann jeweils am Ort der Lagerung definitiv ausgewählt. Das übrige Sägeholz werde meistens von einheimischen Sägereien oder grösseren Holzverarbeitern in der erweiterten Region eingekauft. Die Lichtensteiger Forstwarte begrüssen den Einsatz von Seilbahnen. Sie schätzen deren Effizienz und die erheblich bessere Sicherheit am Arbeitsplatz bezüglich Unfall sowie Schonung des Waldbodens. «Es ist auch wirtschaftlich gesehen nicht mehr abzuwenden, dass eine Holzernte mit Seilbahnen ideal ist, vorab in solch schwierigem Gelände.»

Über 40 Jahre Seilbahnholzerei

Über Funk kommt die Nachricht, dass man jetzt wieder mit der Arbeit fortfahren wolle. Gesandt hat sie der Maschinist August Schnyder. Der 66-jährige Schwyzer befindet sich am oberen Ende des Tragseils, bedient die Winde und ist mit seinem Unternehmen bereits zum sechsten Mal für die Lichtensteiger im Einsatz. Jedes Mal in unwegsamem Gelände. «Eine Kippmast-Seilbahn kann nicht überall ideal eingesetzt werden. Wenn das Gelände derart steil ist, kann mit einer konventionellen Seilbahn das Tragseil höher montiert werden. So ist der Ablad von langem Holz wesentlich einfacher zu bewerkstelligen.»

Die Seilwinde muss für eine optimale Seilaufrollung in genauem Winkel platziert werden.
Die Seilwinde muss für eine optimale Seilaufrollung in genauem Winkel platziert werden.

Der von Wind und Wetter gezeichnete Mann sitzt auf einem einfachen Holzbrett an der Seilwinde. Normalerweise würden sie jeweils ein Zelt aufbauen, damit der Arbeitsplatz gedeckt sei. Aber 500 Kubikmeter seien zu wenig für diesen recht aufwendigen Bau. So müsse er halt jedes Wetter in Kauf nehmen, sagt der rüstige Unternehmer lachend. Das Kommunizieren mit der heutigen Funktechnik beschreibt er als angenehm. Früher habe man einander mit Trichtern die Anweisungen zugerufen. Später seien Telefonleitungen ausgelegt worden. Habe auch nicht immer funktioniert. «Jetzt läuft die Sache viel flüssiger und vor allem sicherer.»

Vier Seilmasten

2600 Betriebsstunden lang hat die Wyssen-Seilwinde schon ihren Dienst getan. Ein Dieselmotor der Marke MWM mit 55 PS Leistung treibt sie an. Fünf Tonnen beträgt ihre Zugkraft, was hier völlig ausreichend sei. Die Seilwinde wiegt ohne Seil rund 1500 Kilo. Sie ist auf einem Schlitten befestigt und sei früher oft den Berg hinaufgezogen worden. «Der Transport mit einem Helikopter ist aber günstiger und verursacht keine möglichen Schäden am Gerät.» Um eine Seilbahn von rund 500 Metern Länge einzurichten, sei durchschnittlich mit anderthalb Arbeitstagen zu rechnen; den Abbruch schaffe man in einem Tag. Es komme natürlich drauf an, wie lange die Bahn sei und wie viele Masten zu platzieren seien. Im Steintal hat ein Seiltragmast gereicht. «In Innerthal mussten erst grad letzthin vier Masten gestellt werden, um einen sicheren Transport durchzuführen.» Die Masten werden aus stehenden Tannen angefertigt. Diese werden auf 50 Zentimeter Höhe ab Boden mit der Motorsäge vierseitig von oben nach unten keilförmig abgesägt. So sind diese Bäume zwar lose, können aber trotzdem nicht entweichen. Mit vier Seilen, zwischen 20 und 50 Meter Spannweite, wird ein solcher Seilmast an stehenden Bäumen befestigt.

Dem Seil Sorge tragen

Sechs Seilwinden mit Motoren besitzt August Schnyder. Zwei Seilbahnen sind jeweils verfügbar für einen Einsatz. Das Bedienen der Seilwinde erfordert viel Aufmerksamkeit bezüglich genauen Ausführens der ankommenden Befehle. «Mein Neffe Adrian, Bruder des beim Lagerplatz arbeitenden Florian Schnyder, hängt in diesem steilen Gelände die Lasten an. Da muss immer gut hingehört und befolgt werden.» Es müsse aber auch auf eine einwandfreie Rolltechnik des Seils geachtet werden. Es werde immer nur so viel Seil auf eine Winde gerollt, dass es für die im Einsatz stehende Bahn genüge; mehr nicht. «Sonst müsste das Seil zu viel Belastung aushalten in seiner innersten Lage. Da gibt es dann bald einmal Risse und Verschleiss», erzählt August Schnyder. Er macht seine Arbeit gerne, ist aber froh, dass sein Neffe die abwechslungsreiche Arbeit des Holz-Seilbahn-Transports bald als Nachfolger übernehmen wolle.

Maurus Gübeli, Silvan Feurer und Florian Schnyder arbeiten gerne im Wald.
Maurus Gübeli, Silvan Feurer und Florian Schnyder arbeiten gerne im Wald.

Das könnte Sie auch interessieren

stgallerbauer.ch Newsletter
Seien Sie die Ersten, um neueste Updates und exklusive Inhalte direkt in Ihren E-Mail-Posteingang zu erhalten.
Anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link