Faszination Feuerwehr – mehr als ein Hobby

Seit 25 Jahren leistet Martina Cantieni Feuerwehrdienst in Wil. Sie leitet eine Kompanie und bildet als Instruktorin neue Kameradinnen und Kameraden in der ganzen Schweiz aus. Ein Engagement, das für sie mehr als ein Hobby ist.

Nach dem Einsatz schaut Martina Cantieni, dass die Ausrüstung am richtigen Platz verstaut ist.
Nach dem Einsatz schaut Martina Cantieni, dass die Ausrüstung am richtigen Platz verstaut ist.

Die Feuerwehrautos stehen wieder in Reih‘ und Glied im Depot. Der Einsatz war kurz – ein Fehlalarm. Trotzdem rückten mehrere Fahrzeuge und Einsatzkräfte aus. Jetzt sind die Feuerwehrmänner und -frauen zurück, haben alles Material retabliert und hängen ihre Ausrüstung wieder in die Garderobe. Martina Cantieni checkt noch letzte Details am Tanklöschfahrzeug, dann ist auch für die Kompaniekommandantin eine Pause angesagt.

Wenige Kaderfrauen

Martina Cantieni, Rang Hauptmann, ist eine der wenigen Kaderfrauen beim Sicherheitsverbund Region Wil. Dabei hatte sie ursprünglich keine Ambitionen auf Weiterbildungen und Beförderungen. Vor 25 Jahren kam die heute 51-Jährige zur Feuerwehr Wil, weil ihr damaliger Mann sie zu einem Informationsabend angemeldet hatte, wie sie mit einem Schmunzeln erzählt. Damals war sie Mutter eines einjährigen Sohnes, als Flugbegleiterin tätig und erst vor Kurzem von Winterthur nach Wil gezogen. «Ich hatte Spass an den Rettungs- und Brandübungen, die ich jeweils beruflich absolvieren musste. Mir gefiel die Action», sagt sie. «Der Infoabend der Feuerwehr überzeugte mich und ich unterschrieb sofort.»

Die Kompaniekommandantin packt beim Retablieren ebenfalls mit an.
Die Kompaniekommandantin packt beim Retablieren ebenfalls mit an.

Füreinander da

Mit zwei weiteren Frauen absolvierte Martina (in der Feuerwehr sind alle per Du) das Übungsjahr und war von Beginn weg begeistert. Die zahlreichen Übungen gefielen ihr genauso wie das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team. «Bei der Feuerwehr kommen Manager, Handwerker, Informatiker und so weiter zusammen und alle sind gleich. Berufe und Status spielen keine Rolle, alle arbeiten zusammen mit dem gleichen Ziel», sagt die Feuerwehrlerin. Während die meisten der damals noch wenigen Frauen sich für den Sanitätszug entschieden, wusste Martina Cantieni gleich, dass sie «alles» machen wollte. «Mich faszinierte das Kerngeschäft der Feuerwehr; ich wollte in die Löschkompanie.» Das dafür notwendige Atemschutztraining bestand sie problemlos. «Mir machte alles Spass – und das wusste ich ja zuerst nicht. Bei den Übungen, beim Atemschutz oder auf der hohen Leiter, da merken viele erst, dass sie Platzangst oder Mühe in der Höhe haben. Das erleben Frauen und Männer genau gleich.» Auch in solchen Fällen spielt der Grundgedanke der Feuerwehr: Alle sind ein Team, man unterstützt sich, man hilft sich und man ist auch in Extremsituationen füreinander da.

«An meinen ersten Unfalleinsatz erinnere ich mich gut. Als wir aus dem Depot fuhren, war es aussergewöhnlich still im Fahrzeug. Die anderen, die ahnten, was sie erwartete, wappneten sich.» Am Unfallort fanden sie ein stark beschädigtes Auto vor. Der Fahrer, ein junger Mann, hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. «Ich konnte ruhig bleiben und Befehle ausführen. Danach, und das ist bis heute so geblieben, gelang es mir gut, das Erlebte so zu kategorisieren, dass es mich nicht belastete», erzählt Martina Cantieni. Wird ein Ereignis aber doch zu einer psychischen Belastung, steht dem Team eine psychologische Unterstützung zur Verfügung. Meistens helfe aber das Gespräch nach dem Einsatz, um das Erlebte zu verarbeiten.

Per Funk übermittelt Martina Cantieni Informationen und Aufträge auf dem Weg zum Einsatzort.
Per Funk übermittelt Martina Cantieni Informationen und Aufträge auf dem Weg zum Einsatzort.

Mehr als Brände löschen

In besonderer Erinnerung geblieben sind ihr auch verschiedene Einsätze auf Bauernhöfen. Das werde zwar auch geübt, aber: «Landwirtschaftliche Maschinen und speziell natürlich die Tiere sind immer eine besondere Herausforderung, denn kaum jemand in der Mannschaft hat Erfahrung damit.» Ganz generell ist Martina Cantieni immer wieder erstaunt, wie vielfältig die Einsätze der Feuerwehr sind. Vom Grossbrand über Tierrettungen und Unfalleinsätze bis zum Ersetzen einer eingeschlagenen Schaufensterscheibe mitten in der Nacht – auf alles muss das Team vorbereitet sein.

Auch Einsätze bei Verkehrsunfällen gehören zu den Aufgaben der Feuerwehr. Bild: zVg.
Auch Einsätze bei Verkehrsunfällen gehören zu den Aufgaben der Feuerwehr. Bild: zVg.

Spass am Führen

Die ruhige und besonnene Art von Martina Cantieni fiel auf. Nachdem sie etwa sieben Jahre als «gewöhnliche Soldatin» in der Feuerwehr war, schlug das Kommando vor, dass sie den Unteroffizierskurs absolvieren sollte. «Ich war perplex, aber erfreut», erinnert sie sich. So wurde sie Gruppenführerin und merkte: «Das kann ich.» Eine wichtige Erkenntnis, denn, so sagt sie: «Hätte ich Widerstand in der Mannschaft bemerkt, hätte ich die Aufgabe nicht gewollt.» Danach folgten weitere Kurse und Aufgaben: Nach dem Offizierskurs wurde sie Einsatzleiterin; das sei ein grosser Schritt für eine junge Feuerwehrfrau gewesen. «Frauenförderung ist Kommandosache, und da erlebe ich, dass im Kanton St. Gallen Frauen gute Aussichten auf Kaderpositionen haben.» Stationen als Zugführerstellvertreter und Zugführer folgten, mittlerweile im Rang eines Oberleutnants. Seit 2014 ist Martina Cantieni zudem Schweizerischer Feuerwehrinstruktor und bildet Kameradinnen und Kameraden im ganzen Land aus.

Martina Cantieni vor einigen Jahren bei einer Rettungsübung. Bild: zVg.
Martina Cantieni vor einigen Jahren bei einer Rettungsübung. Bild: zVg.

Seit 2013 ist die Feuerwehr nicht mehr lediglich ein Hobby, sondern auch Martina Cantienis Job: Sie bekam eine Anstellung bei der Geschäftsstelle des Sicherheitsverbunds und ist heute Leiterin Administration für Feuerwehr und Zivilschutz sowie Lehrlingsverantwortliche. Nächstes Jahr gibt sie ihre Kompanie ab und wird Ausbildungschefin und zweiter Vizekommandant. Auf die neue Herausforderung freut sie sich. «Ich will unter anderem Frauen einen ‚gesunden‘ Umgang in der Feuerwehr vermitteln. Es ist nach wie vor eine Männerdomäne. Wer hier anfängt, sollte zuerst einmal einfach mitmachen und merken, wie alles läuft. Man muss nicht das Gefühl haben, auf Biegen und Brechen etwas beweisen zu müssen», sagt Martina Cantieni und spricht dabei aus Erfahrung. «Als Frau wird man auch bei der Feuerwehr genauer beobachtet als männliche Kollegen. Kritik folgt nach einem Fehler schneller. Aber das störte mich nie, denn im Vordergrund steht bei uns immer der Teamgeist.» Das sei unter anderem wichtig gewesen, als sie in den Anfangsjahren, damals bereits zweifache Mutter, nicht zu jedem Einsatz einrücken konnte.

Besondere Freundschaften

Kameradschaft werde in der Feuerwehr hochgehalten. Nach Einsätzen und Übungen sitzen alle zusammen, trinken etwas, unterhalten sich. Dabei lerne man sich gut kennen. «In der Feuerwehr entstehen besondere Freundschaften», sagt Martina Cantieni. Vor 25 Jahren hätte sie nie gedacht, dass eine solche Laufbahn für sie möglich sein könnte. «Ich wurde immer gefördert und ermutigt, mich neuen Herausforderungen zu stellen. Mein Einsatz bei der Feuerwehr ist etwas sehr Wertvolles, und das nicht nur für mich selber, sondern auch für die Allgemeinheit», sagt die Feuerwehrfrau und betont: «Es ist mehr als ein Hobby, es ist ein sinnvolles Engagement.»

 

Feuerwehr in Zahlen

2024 leisteten im Kanton St. Gallen 4144 Personen Feuerwehrdienst, davon 416 Frauen. Bei den Offizieren waren es 682 Männer und 21 Frauen, bei den Instruktoren 110 Männer und 3 Frauen. Wer sich für eine Aufgabe bei der Feuerwehr interessiert, erhält mehr Informationen bei der örtlichen Feuerwehr in Wil unter www.svrw.ch.

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