Familie Kuratli lebt ihren Traum auf kanadischer Erde

Vor über 30 Jahren wagten Anna und Nöldi Kuratli den Sprung über den Atlantik. Mit Mut, Geschäftssinn, harter Arbeit und Zusammenhalt haben sie sich in Kanada einen breit aufgestellten Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut, in dem bereits die nächste Generation Verantwortung übernimmt.

Das starke Team auf der Sonibrand-Farm: drei Generationen, die gemeinsam anpacken.
Das starke Team auf der Sonibrand-Farm: drei Generationen, die gemeinsam anpacken.

Endlose Felder, fruchtbarer Boden und ein Klima der Extreme prägen den Osten Ontarios. Heisse Sommer lassen Mais und Soja gedeihen, eiskalte Winter stellen Mensch und Tier auf die Probe. Genau hier bauten Anna und Nöldi Kuratli ihre Farm auf, die heute zu den erfolgreichsten Betrieben der Region zählt. 1800 Hektaren Ackerland, moderne, weitgehend automatisierte Ställe mit Melk- und Futterrobotern, eine grosse Getreideanlage, der Verkauf von Schwarzerde und verschiedene landwirtschaftliche Dienstleistungen – die Sonibrand-Farm floriert.

Traum von Kanada wagen

Nöldi Kuratli wuchs als zweites von fünf Kindern auf einem Bauernhof in Wattwil auf. Als er 15 Jahre alt war, sagte sein Vater zu ihm: «Du musst fortgehen, denn was du hier nicht gerne machst, geht in der Fremde leichter.» Dieser Anstoss sollte ihn prägen und ihn später auf das Abenteuer Kanada vorbereiten. Anna wuchs als zweitjüngstes von sechs Kindern in Mosnang auf. Beide brachten also die Verbundenheit zur Landwirtschaft von klein auf mit.

«Schon beim Anflug habe ich die Möglichkeiten gesehen, die dieses Land bietet», erinnert sich Arnold Kuratli, wenn er an seinen ersten Besuch in Kanada denkt. Das war 1981 und mitten im Winter. Acht Monate lang arbeitete er damals auf einem Bauernhof. Wieder zurück in der Schweiz, lernte er Anna kennen, die beiden wurden ein Paar, und bald darauf kam Sohn Christian zur Welt. 1988 heirateten sie: Nöldi, wie Arnold meist genannt wird, trug Söhnchen Christian auf dem Rücken, während Anna mit Tochter Sonja schwanger war.

Der Zimmereibetrieb, den die beiden in der Zwischenzeit in der Schweiz aufgebaut hatten, lief gut, doch Nöldi Kuratli liess der Gedanke ans Auswandern nicht los. 1990 reisten Kuratlis nach Ontario und kauften eine Farm, die sie vorerst jedoch nicht selbst bewirtschafteten. In der Schweiz gab es noch einiges abzuschliessen, bevor der grosse Schritt ins ferne Land möglich war. Wenig später kam Tochter Sandra zur Welt, und Kanada rückte näher. Schliesslich verkauften sie den Zimmereibetrieb an ihre Vorarbeiter. 1993 folgte der endgültige Umzug. «Ich freue mich, dass die Zimmerei bis heute weiterbesteht», sagt der 66-Jährige.

Neben Milch und Getreide ist auch der Verkauf von Schwarzerde zu einem wichtigen Standbein der Sonibrand-Farm geworden.
Neben Milch und Getreide ist auch der Verkauf von Schwarzerde zu einem wichtigen Standbein der Sonibrand-Farm geworden.

Harte Arbeit trägt Früchte

Sobald die beiden in Kanada angekommen waren, wuchs der Hof rasch. Nöldi, der keine klassische Berufslehre gemacht hat, brachte sein praktisches Wissen, seine Erfahrung und seinen Geschäftssinn ein und Ehefrau Anna unterstützte ihn bei all seinen Vorhaben. Mit viel Eigenleistung errichteten sie Ställe für 100 Milchkühe, 80 Stück Jungvieh, eine Maschinenhalle sowie ein Wohnhaus. Doch das Ehepaar beliess es nicht dabei: Sie erweiterten kontinuierlich ihren Besitz, vergrösserten die Getreideanlage und erneuerten den Maschinenpark. 2014 nahm ein neuer Stall mit zwei Melkrobotern seinen Betrieb auf.

Die grosse Getreideanlage führten Kuratlis seit 1994 gemeinsam mit dem langjährigen Freund und Geschäftspartner Hans Dittli. Seit dessen Pensionierung liegt die Verantwortung ganz bei Nöldi Kuratli. Heute umfasst die Anlage eine Lagerkapazität von 35 000 Tonnen für Mais, Soja und Weizen.

Neben vielen schönen Erlebnissen und dem wirtschaftlichen Erfolg mussten Kuratlis auch schwere Schicksalsschläge verkraften: Sohn Christian lebt seit Geburt mit einer Behinderung, 1996 verunglückte die jüngste Tochter tödlich, und 2016 zerstörte ein Brand zwei Hallen, das Heulager und das Maschinenlager. «Unser Glaube hat uns durch diese schweren Zeiten getragen», sagt Nöldi nachdenklich.

Ein prüfender Blick zum Himmel, ein Griff ins Stroh: Nöldi Kuratli steht vor einer Entscheidung - einbringen oder zuwarten.
Ein prüfender Blick zum Himmel, ein Griff ins Stroh: Nöldi Kuratli steht vor einer Entscheidung – einbringen oder zuwarten.

Nächste Generation

«Heute macht es Freude, zu sehen, wie die nächste Generation Verantwortung übernimmt», sagt Nöldi Kuratli mit Blick auf Tochter Sonja und ihren Mann René. Die beiden lernten sich 2003 kennen, als René als Praktikant auf einem Nachbarhof arbeitete. Seit 2024 führen die beiden anteilsmässig die Sonibrand-Farm mit Schwerpunkt Milchwirtschaft und Ackerbau. Auch wenn die Zusammenarbeit mehrerer Generationen manchmal herausfordernd ist, geben Vertrauen und familiärer Rückhalt den Kuratlis die nötige Stärke, dies zu meistern.

Anna Kuratli ist auf dem Hof weitgehend für die Administration zuständig, ein Bereich, der auch in Kanada stetig wächst. Durch den vermehrten Einbezug der jungen Generation bleibt ihr künftig etwas mehr Zeit für kreative Arbeiten. Besonders freut sie sich darüber, mehr Zeit mit den Grosskindern zu verbringen: Der 14-jährige Joshua und der neunjährige Jayden teilen die Begeisterung ihrer Eltern und Grosseltern für die Landwirtschaft. Beide sind oft im Stall anzutreffen, versorgen gemeinsam mit Anna Kuratli die Kleintiere, und Joshua darf seit diesem Sommer sogar den Mähdrescher steuern, was er natürlich «mega cool» findet. Auch Sohn Christian ist fest in den Alltag auf der Farm eingebunden. Er übernimmt passende Aufgaben, hilft mit, wo er kann, und ist ein geschätzter Teil des Hoflebens – so wie es in dieser Familie selbstverständlich ist.

Die imposanten Silos sind Teil der grossen Getreideanlage. Hier lagern bis zu 35'000 Tonnen Mais, Soja und Weizen.
Die imposanten Silos sind Teil der grossen Getreideanlage. Hier lagern bis zu 35’000 Tonnen Mais, Soja und Weizen.

Hand in Hand arbeiten

Die Farm ist riesig. Wohnhaus, Ställe, Hallen und zahlreiche grosse Getreidesilos prägen das Bild. Zwei Melkroboter übernehmen im Kuhstall das zeitintensive Melken, ein Futterroboter sorgt für die richtige Portion Futter. Die Kälber füttert Anna Kuratli nach wie vor selbst. Rund 16 Mitarbeitende sind auf dem Hof beschäftigt – darunter sechs Fahrer, die mit den grossen Lastenzügen das Getreide transportieren. Sie alle tragen ebenso zum Erfolg der Farm bei wie die über 50 Praktikanten, die im Laufe der Jahre aus der Schweiz anreisten. «Mit vielen von ihnen stehen wir auch Jahre nach dem Praktikum noch in Verbindung», erzählt Anna Kuratli. Einer von ihnen, Jonny Brunner, ist sogar geblieben. Seit 2017 kümmert er sich als Werkstattchef um den Fahrzeugpark und die Maschinen.

Gesunde, zufriedene Holstein-Kühe sind der Stolz der Familie Kuratli. Dank moderner Technik zeigen sie beste Milchleistungen.
Gesunde, zufriedene Holstein-Kühe sind der Stolz der Familie Kuratli. Dank moderner Technik zeigen sie beste Milchleistungen.

Schweizer Traditionen wichtig

In der Freizeit pflegen die Kuratlis gerne Schweizer Bräuche. So haben sie etwa einen Trychlerverein gegründet. Zudem lieben die beiden die Volksmusik, ein Stück Heimat, das sie mitgenommen haben und dem sie treu bleiben.

Doch auch kanadische Traditionen sind ihnen wichtig. Darum besuchen sie mit der ganzen Familie regelmässig die Fair, eine Art Landwirtschaftsschau mit Wettbewerben und Austausch. Nicht selten zählen sie dort zu den Landwirten mit dem schönsten Mais und den kräftigsten Sojabohnen. «Unsere Felder sind allesamt drainiert, was das Wachstum von Soja und Mais optimal unterstützt», verrät der engagierte Landwirt mit einem Schmunzeln. Auch in diesem Jahr gewann die Sonibrand-Farm wieder mehrere Preise an der Fair.

Die goldgelben Maiskolben der Sonibrand-Farm überzeugen an der Fair Jahr für Jahr mit Bestnoten.
Die goldgelben Maiskolben der Sonibrand-Farm überzeugen an der Fair Jahr für Jahr mit Bestnoten.

Im Winter in die Karibik

Heute geniessen Anna und Nöldi Kuratli die Früchte ihrer Arbeit – im Alltag auf der Farm ebenso wie in der Karibik, wo sie der Kälte Ontarios entfliehen. Dort betreiben sie ein Bed & Breakfast, organisieren Agrarreisen, sind Gastgeber und erfreuen sich an Begegnungen und Gesprächen. Für die beiden ist es ein Ort der Erholung und zugleich ein weiterer Beweis, dass alles, was sie in die Hand nehmen, gelingt.

Das könnte Sie auch interessieren

stgallerbauer.ch Newsletter
Seien Sie die Ersten, um neueste Updates und exklusive Inhalte direkt in Ihren E-Mail-Posteingang zu erhalten.
Anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link