Die Schafe, Kühe und Pinguine der Falklandinseln

Alles begann mit einem Foto auf Instagram: Schafe und Pinguine auf den weiten Grasflächen einer Falklandinsel. Für die Autorin stand fest: «Da will ich hin!» So führte sie ihre Reise ans Ende der Welt, wo die Landwirtschaft bis heute den Alltag prägt.

Auf Bleaker Island tummeln sich Pinguine neben Kühe.
Auf Bleaker Island tummeln sich Pinguine neben Kühe.

Die Falklands sind ein britisches Überseegebiet, das pro Jahr kaum 3000 Touristen beherbergt. Hinzu kommen Tausende Tagesgäste von Kreuzfahrtschiffen. Die Reise fand im März statt, somit am Saisonende. Wer zu dieser Zeit auf den Inseln unterwegs ist, trifft kaum andere Reisende.

Weiter Weg in den Südatlantik

Es gibt nur eine zivile Verbindung auf die Falklandinseln: mit der Fluggesellschaft Latam ab Punta Arenas im Süden Chiles oder alternativ mit der «Airbridge» (Luftbrücke) des britischen Verteidigungsministeriums ab Brize Norton in England. Beide landen auf dem Militärflughafen Mount Pleasant. Dort wartete Alex Olmedo, um seine Gäste aus der Schweiz zum Flughafen des Falkland Islands Government Air Service (FIGAS) zur Hauptstadt Stanley zu bringen.

Ohne Flugzeug läuft auf den Falklands nichts.
Ohne Flugzeug läuft auf den Falklands nichts.

Das Logistiksystem des Inselflugdienstes folgt einem faszinierenden Prinzip: Es gibt keinen festen Flugplan, dieser wird täglich zusammengestellt, je nachdem, wer wohin möchte. Die genauen Abflugzeiten erfahren die Passagiere am Vorabend über Facebook oder den lokalen Radiosender. Dieser Flugdienst bildet die Lebensader der Falklands und sichert den Transport von Post, Lebensmitteln, Ersatzteilen sowie Passagieren zwischen den Inseln und der Hauptstadt. Aus Sicherheitsgründen werden sowohl die Fluggäste als auch ihr Gepäck vor dem Boarding der kleinen Britten-Norman Islander gewogen, um dem Piloten eine optimale Gewichtsverteilung im zweimotorigen Zubringerflugzeug zu ermöglichen.

Kühe im Pinguin-Paradies

Die Landung auf Bleaker Island erfolgte, wie auf allen Inseln, auf einer Graspiste. Eine kleine Hütte am Rand beherbergt die Feuerwehrausrüstung. Das ist Vorschrift an jedem Flugfeld. Die Bewohner werden regelmässig geschult und haben ausserdem dafür zu sorgen, dass sich keine Tiere auf der Piste befinden. Nick Rendell, Farmer und Manager der Insel, wartete mit seiner Partnerin Paula, als die kleine Maschine zur Landung ansetzte. Auf jeder Insel werden die Besucher von den Gastgebern persönlich abgeholt.

Farmer Nick Rendell und seine Partnerin Paula managen auf Bleaker Island ihre Schafe – und die Besucher. Bild: zVg.
Farmer Nick Rendell und seine Partnerin Paula managen auf Bleaker Island ihre Schafe – und die Besucher. Bild: zVg.

Die ersten Eindrücke während der Fahrt zur Farm waren surreal: Ein Seelöwe lag am Strand, Pinguine watschelten umher, und eine grosse Kolonie Kormorane war zu sehen, während die Piste durch riesige Weiden führte.

Hier grast Nick Rendells ganzer Stolz: eine Mutterkuhherde aus Hereford, Aberdeen Angus und Murray Grey. «Unser Angus-Bulle kam letztes Jahr von der Blue Beach Farm», erklärte er. «Die Tiere sind friedlich. Durch die Herde kann man beruhigt wandern», versicherte Rendell. Diese Gelassenheit prägt die gesamten Inseln.

Auch das Zusammenleben von Nutztieren und Pinguinen verläuft problemlos. Die Kühe zeigen kein Interesse an den Bruthöhlen der Magellan-Pinguine, die in den Hängen fast wie Murmeltierbauten aussehen. Die Pinguine sind zudem wehrhaft: Vor allem Schafe werden energisch verjagt, wenn sie zu nahe kommen.

Zwischen Weide und Wetter

Früher dominierten Schafe auf Bleaker Island, heute gibt es nur noch 110 Mutterschafe. «Wegen der Wollpreise setzen wir verstärkt auf Rinder, Naturschutz und Tourismus», erklärte Rendell. Das Weidemanagement ist pragmatisch: Die Schafe folgen den Rindern in der Rotation. In harten Wintern dient nahrhaftes Tussock-Gras (Küstengras) als Reserve, doch in den letzten Jahren wurde es kaum gebraucht. «Die Tiere sind fast das ganze Jahr über zu fett», sagte er lachend.

In harten Wintern dient nahrhaftes Tussock-Gras als Futter für Schafe und Kühe.
In harten Wintern dient nahrhaftes Tussock-Gras als Futter für Schafe und Kühe.

Am zweiten Tag wurde der Tierarzt aus Stanley erwartet. Die Herde war bereits im Pferch zusammengetrieben, alles war bereit. Doch dichter Nebel machte den Start der FIGAS-Maschine in Stanley unmöglich. Was in der Schweiz wohl zu hektischen Telefonaten und Terminstress geführt hätte, brachte Nick und Paula nicht aus der Ruhe. Die Natur bestimmt hier den Rhythmus. Kurzerhand wurden die Tore wieder geöffnet und die Rinder trabten zurück auf die Weide. Inselalltag eben.

Für die Gäste bedeutete das einen weiteren Tag auf der Insel und einen Ausflug zu den Rockhopper-Pinguinen. Immer dabei: die Caracaras, eine freche Falkenart, die sehr neugierig ist und alles mitnimmt, was nicht gesichert ist.

Herde überwintert allein

Auf Carcass Island werden die Gäste von Jane Chater empfangen. Die ehemalige Helikopterpilotin führt die Farm, die seit Generationen im Besitz ihrer Familie ist, mit spürbarem Herzblut. Im Herbst reist sie jedoch zu ihrer Familie nach England, ebenso verlässt ihr Team bis zum Frühling die Insel. Dann bleibt die Mutterkuhherde autark zurück. Sie kennt die Wasserquellen und findet in der weiten Landschaft ausreichend Futter und Schutz. «Diese Form der Tierhaltung praktizieren wir seit mindestens 70 Jahren», erklärte Jane Chater.

Die Kühe auf Carcass Island.
Die Kühe auf Carcass Island.

Heute wird auf Carcass ein gemischtes System betrieben. Ein Murray-Grey-Bulle soll die Milchleistung der Aberdeen-Angus-Linien verbessern, um robuste Kühe mit cremiger Milch zu erhalten. Einige Kühe werden in Hausnähe für den Eigenbedarf gemolken. Tiere, die nicht zur Nachzucht benötigt werden, kommen zur Fleischproduktion nach Stanley oder stärken als Zuchttiere andere Herden.

Weidezäune dienen der Rotation und halten das Vieh vom wertvollen Tussock-Gras fern. «Früher war es Winterfutter, heute dient es uns primär als Schutz vor Erosion», war von Jane Chater zu erfahren, und weiter sagte sie: «Die Besucher können sich überall frei bewegen, auch über Zäune oder durch das Tussock-Gras. Der Bulle und die Kühe sind freundlich.»

Grundsätzlich gibt es auf den Falklands keine Bäume, beziehungsweise nur dort, wo sie früher angepflanzt wurden. Rund um Janes Farm wachsen verschiedene Büsche und Bäume, vereinzelt sogar Palmen.

Jane Chaters Farm auf Carcass Island.
Jane Chaters Farm auf Carcass Island.

Der «Flying Teacher»

Wer Pebble Island besucht, wird im ehemaligen Farmhaus untergebracht, das heute als Gästelodge dient und von Riki Evans und seiner Frau geführt wird. Dort versammelten sich einige Gäste, darunter Jim Woodward, zum Nachmittagstee. Jahrelang war der Engländer als «Flying Teacher» (fliegender Lehrer) unterwegs: Mit dem Flugzeug besuchte er abgelegene Farmen, unterrichtete die Kinder vor Ort und wohnte dann jeweils zwei Wochen bei den Familien. Im Alter von zehn Jahren wechseln alle Kinder nach Stanley ins Internat und kommen nur in den Ferien zurück.

Auf unbefestigten Pisten sowie querfeldein kann Pebble Island mit einem Guide erkundet werden. Der Geländewagen muss hier alles geben, nicht überall gibt es sichtbare Wege. Rund 6000 Schafe, deren hochwertige Merinowolle weltweit exportiert wird, leben auf Pebble Island. Es gibt einige Pinguinkolonien und in den Wellen spielen oft Dutzende Delfine. Ein friedlicher Anblick, der so gar nicht zu den weit verstreut umherliegenden Wrackteilen argentinischer Militärflugzeuge aus dem Falklandkrieg von 1982 passen will. Gedenkstätten erinnern an die Gefallenen, während Argentinien bis heute offiziell Anspruch auf die Inseln erhebt.

Die Farm auf Pebble Island.
Die Farm auf Pebble Island.

Technik und See-Elefanten

Sea Lion Island war die einzige reine Naturschutzinsel, die auf dieser Reise besucht wurde. Sie ist staatlich verwaltet und befindet sich nicht in Privatbesitz; lediglich eine Lodge wird während der Hauptsaison betrieben und von Micky Reeves verwaltet. Farmer Kenton Goodwin aus Stanley und ein Kollege hielt die Infrastruktur am Laufen. Kenton ist auf den Falklands als «Mr. Mechanic» bekannt. Es heisst: Wenn Kenton etwas nicht reparieren kann, ist es wirklich kaputt. Mit Begeisterung erzählte er von seiner Sammlung an alten Traktoren und Geräten und offerierte sogar eine Traktorfahrt entlang einer Pinguinkolonie.

Die eigentlichen Stars der Insel sind die See-Elefanten, die im weissen Sand lümmeln. Lautstark machten sich die Jungbullen bemerkbar und übten sich in Kämpfen. Im Frühling, wenn die Jungtiere das Schwimmen lernen, zieht es zahlreiche Orcas an die Küste von Sea Lion Island. Der Küstenabschnitt ist als Orca Pool bekannt, denn einige der Killerwale kommen zum Jagen fast bis an den Strand.

Caracaras sind immer und überall dabei. Selbst das WC auf Carcass Island wird von ihnen gut bewacht.
Caracaras sind immer und überall dabei. Selbst das WC auf Carcass Island wird von ihnen gut bewacht.

Unberührte Natur

Zuletzt stand «The Neck» auf Saunders Island auf dem Programm, ein abgelegener Ort und Traumziel für Naturfotografen weltweit. Besucher wohnen entweder direkt auf der Farm der Familie Pole-Evans oder werden auf einer einstündigen, holprigen Fahrt zu «The Neck» gebracht. Die einfache Wellblechhütte dort ist in der Hauptsaison oft Jahre im Voraus ausgebucht, im März jedoch war in dieser Region kein Mensch mehr unterwegs.

Wer den Weg hierher findet, trifft auf unberührte Wildnis. Von beiden Seiten rauscht der Ozean an den Strand, an dem sich fast die gesamte Tierwelt der Falklandinseln wiederfindet – darunter Königspinguine und eine grosse Albatroskolonie.

«The Neck» ist definitiv kein Tierpark: Naturbeobachtung bedeutet hier, auch zu sehen, wie Raubvögel geschwächte Pinguine oder Jungtiere erbeuten; Tierkadaver gehören auf jeder Wanderung dazu. Wer bereit ist, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, wird mit unvergesslichen Eindrücken belohnt. Zumal das Wetter seine ganze Härte zeigt: Der Sturm degradierte jeden Föhn im Appenzellerland zur leichten Brise und wechselte sich mit extremen Regenschauern ab. Nicht ohne Grund ist die Hütte mit dicken Stahlseilen im Boden verankert.

 

Das sind die Falklandinseln

Die Falklandinseln im Südatlantik gehören als britisches Überseegebiet zum Vereinigten Königreich. Sie befinden sich rund 500 Kilometer östlich von Südamerika. Die Hauptstadt ist Stanley, Amtssprache ist Englisch. Zu den Falklandinseln zählen etwa 700 Inseln, wovon rund ein Dutzend dauerhaft bewohnt sind. Alle Inseln zusammen haben eine Fläche von 12 170 Quadratkilometern. 3500 Einwohner leben auf den Inseln (0,3 Einwohner/km²). Sie leben von Fischerei, Schafzucht und Ökotourismus (Arbeitslosigkeit unter 1%). Auf den Inseln leben rund 500 000 Schafe und 3000 Rinder.

Kein Spontantrip

Die Falklandinseln sind ein Mekka für Naturforscher und Fotografen. Die Inseln bereist man nicht spontan. Wer die Ausseninseln besucht, lebt oft bei Farmerfamilien. Flüge, Wetter, Verpflegung und Distanzen verlangen präzise Planung. Alex Olmedo von Falkland Islands Travel organisiert Reisen individuell.

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