Werner Schlegel zielt am ESAF auf den Königstitel
Werner Schlegel aus Hemberg wird schweizweit als vielseitiger, starker Schwinger geschätzt. Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Mollis hat er das Ziel, den Königstitel zu gewinnen.

Mit zwei älteren Brüdern ist Werner Schlegel auf dem Bauernhof Rohr in Hemberg aufgewachsen. Tradition und Brauchtum sind dort seit Generationen präsent. Geschwungen hat schon Werners Vater Ruedi Schlegel und diesen Sport seinen Buben schmackhaft gemacht. «Wir hatten von Anfang an Freude dran und der Erfolg stellte sich bald ein», erzählt der 22-Jährige. Sie seien aber körperlich auch schon weiter entwickelt gewesen als die Gleichaltrigen. Ein Vorteil, der beim Schwingen mit den Aktiven dann aber abrupt endete.
Königliche Vorbilder
Das Toggenburg war um die Jahrtausendwende und darüber hinaus vier Mal hintereinander Heimat der Schwingerkönige. Jörg Abderhalden und Nöldi Forrer wurden so zu den Vorbildern der Schlegel-Buben und ihrer Kameraden vom Schwingklub Wattwil. «Zwischen 30 und 40 Buben waren jeweils im Training anwesend und unser Technischer Leiter, Ueli Roth, führte uns während Jahren mit der richtigen Mischung aus Lob und Fordern», erinnert sich Werner Schlegel. Buebeschwinget seien immer gemütlich abgelaufen. Man habe zwar die sechs Gänge möglichst erfolgreich absolviert. Diese hätten aber meist nicht lange gedauert, und so habe man auch sonst allerhand gespielt.

Ziele erreichen
Werner Schlegel ist auf einem Braunviehzuchtbetrieb gross geworden. Die Kühe alpte man bis vor einigen Jahren über die Sommermonate auf der Toggenburger Säntisalp Wäldli. Jetzt sind nur noch Galtkühe und trächtige Rinder dort z’Alp. Heu und Silage werden mit dem Traktor geerntet. Das Mithelfen war für die drei Buben selbstverständlich und man machte dies auch meistens gerne. Keinem von ihnen bereitete die Schule Mühe und man fand Zeit zum Spielen. «Dass ich der Jüngste war, hat mich nie gestört. Hauptsache, es gab etwas Interessantes zu tun.» Darunter verstand Werner Schlegel vor allem das «Chlöttere». Egal, welches Projekt gerade anstand; Werner werkte daran, bis es geschafft war. «Ja, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, musste dies auch realisiert werden.» Dieser Wille ist bei Werner Schlegel nach wie vor ein massgebender Faktor für den Erfolg im Schwingsport.

Zwei Berufe
Eigentlich wäre der junge Hemberger gerne Landmaschinenmechaniker geworden. Doch die gewünschte Lehrstelle war bereits vergeben. Eine erlebnisreiche Schnupperwoche in einer Zimmerei war dann Auslöser für die Ausbildung zum Zimmermann. Dieser Beruf gefällt Werner Schlegel: «Meine Arbeit ist ausgesprochen vielfältig. Elementbau und oft auch verschiedenste Innenausbauarbeiten stehen auf dem Programm.» Es spreche ihn an, die Baustelle selbst zu betreuen, sich gründlich zu überlegen, wie mit Effizienz und Genauigkeit anzupacken ist. Werner Schlegel möchte aber auf jeden Fall eine Zusatzlehre als Landwirt anhängen. «Ich habe mich noch nicht definitiv entschieden, wie diese ablaufen soll. Aber das ‚Puure‘ spricht mich schon sehr an.»
Anker, die erden
Der Schwingsport hat in den letzten Jahren stark an Medienpräsenz gewonnen. Auf den Schwingplätzen wird man akribisch beobachtet. Erfolgreiche Schwinger werden oft für mehrere Interviews pro Woche angefragt. Sponsoren angeln sich ihre Wunschkandidaten mit guten Verträgen, verlangen dafür aber auch Gegenleistungen ausserhalb des Sägemehls. «Da ist eine Betreuungsperson unerlässlich. Die Webseite laufend aktualisieren, Termine koordinieren, mit Sponsoren verhandeln und mehr.» Werner Schlegel hat mit dem ehemaligen Aktivschwinger Erwin Büsser eine zuverlässige Unterstützungsperson zur Hand. Um nicht ständig an das Schwingen denken zu müssen. Um Zeit zu haben für die Familie und die Freundin. «Meine Eltern sind wichtige Bezugspersonen. Am meisten erdet mich aber meine Freundin», sagt Werner Schlegel mit einem Lachen. Sie halte ihn zurück, wenn er aus lauter Ungeduld trotz Verletzung schon wieder trainieren wolle. Sie verleihe ihm auch dann Geborgenheit, wenn ein Schwingfest nicht wie gewünscht verlaufen sei. Lea Egli und Werner Schlegel sind seit dreieinhalb Jahren ein Paar und wohnen im Dorf Hemberg. Die Bauerntochter aus Krummenau hat ihre Ausbildung als Primarlehrerin hinter sich. Sie wird diesen Sommer ihre Ausbildung zur Oberstufenlehrerin (Master)starten. Die aufgestellte Frau ist ebenfalls an der Landwirtschaft interessiert und hat die Bäuerinnenschule bald abgeschlossen.

Erfolge und Emotionen
Der Jungschwinger Werner Schlegel fiel seinen Betreuern bald auf durch Siegeswillen und sein Talent, verschiedene Techniken rasch zu beherrschen. Kaum war er bei den Aktiven, gewann er als 15-jähriger in Tübach schon seinen ersten Kantonalkranz. «In den Anfängen bei den Aktiven agierte ich oft als Konterschwinger. Da wurden aber meine Konkurrenten mit der Zeit vorsichtiger, und so wurde ich zum eigentlichen Angriffsschwinger», beschreibt Werner Schlegel seinen Werdegang. Seine Schwingart begeistert rundum. Unberechenbarkeit, Vielseitigkeit und eine starke Kondition zeichnen den Toggenburger aus. Neun Siege und 36 Kranzgewinne hat der attraktive Hemberger bisher eingeheimst. «Am meisten Emotionen weckte der eidgenössische Kranz vor drei Jahren in Pratteln.» Am kommenden Grossanlass Ende August in Mollis will Werner Schlegel seinen vierten Rang mindestens wiederholen. Nein, eigentlich habe er das Ziel, König zu werden. Keine Verletzungen, Glück und eine sich gut unterstützende Nordostschweizer Mannschaft seien hierfür aber unerlässlich.

Wettkampf und Kameradschaft
Werner Schlegel liebt beim Schwingen sowohl den Wettkampf als auch die gute Kameradschaft unter Schwingerkollegen. Am meisten verbindet ihn eine Freundschaft mit Damian Ott aus Dreien. Schon früh hätten sie gemerkt, dass sie gleich ticken. Während der Pandemie seien oft gemeinsame Trainings bezüglich Kraft und Ausdauer auf dem Programm gestanden. Die beiden Toggenburger weisen eine ähnliche Erfolgsliste auf und unterstützen einander stark bei gemeinsamen Teilnahmen an Schwingfesten. Einige Jahre lang trainierten die beiden fast ausschliesslich gemeinsam. Im letzten Jahr hat sich Werner Schlegel aber einer anderen Trainingsgruppe angeschlossen. «Dies habe ich mir gut überlegt. Ich wollte eine Änderung, neue Motivation und bin froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe.» Der Toggenburger freut sich an der grossen Unterstützung aus seiner Region. Mit Stolz trägt er bei einem Kranzgewinn seine komplette Toggenburger Tracht. Das müsse dann schon auch stimmen, sagt Werner Schlegel schmunzelnd. Er sei zwar grundsätzlich volkstümlich, höre aber gerne ganz verschiedene Musikstile. Wenn er dann aber nach einem Sieg zu Hause im Dorf von Jodelklängen empfangen werde, sei dies schon emotional. Bodenständig, echt und nahe.
