Damian Ott sieht Schwingen als Lebensschule

Nach dem Thurgauer Kantonalen Schwingfest traf der «St. Galler Bauer» den Sennenschwinger Damian Ott an seinem Wohnort Dreien. Der Bauernsohn und gelernte Zimmermann spricht über seine Ziele, verrät, welche Rolle Ehrgeiz und Disziplin spielen und wie wertvoll ein gutes Umfeld ist.

Kampf im Sägemehl. Der Schwingergriff Münger-Murks ist eine Spezialität von Damian Ott. Bild: zVg.
Kampf im Sägemehl. Der Schwingergriff Münger-Murks ist eine Spezialität von Damian Ott. Bild: zVg.

Im Zusammenhang mit dem Kantonalen Schwingfest in Thundorf war zu lesen, dass sich der Gewinner Samuel Giger im Training mit Partner Damian Ott Zahnstücke abgebrochen hatte. Er schwang am Wettkampf mit Zahnschiene, um die «geflickten» Zähne zu schonen. Als sich der «St. Galler Bauer» mit Damian Ott trifft, ist er verletzt. «Das ist im ersten Gang in Thundorf passiert. Ich habe mich am Knie verletzt und schone mich jetzt», informiert er. Trotzdem kämpfte er sich danach noch durch fünf Gänge und wurde Dritter. Das zeigt etwas von seinen Stärken: Er setzt sich ein Ziel und will es erreichen. Das mit Gigers Zähnen sei im Januar während eines Wettkampftrainings passiert. So etwas kommt vor. Wie das mit dem Knie. Schwingen ist kein Sport für Weicheier.

Arbeit und Training

Die Schwinger sind hart im Nehmen und packen selbst hart an. Trotzdem redet Damian Ott mehrmals von «spüren». Nach einem Schwingfest muss er selbst spüren, was es an Training braucht. Auf jeden Fall hat er am Tag nach dem Unfall sein normales Krafttraining durchgezogen. «Ansonsten gibt es jeweils ein regeneratives Training. Bewegung ist immer gut. Ich entscheide aufgrund meiner Befindlichkeit, was gerade möglich oder förderlich ist», sagt er. Er ist auch wieder zur Arbeit gegangen. In Wil, wo er seine Lehre als Zimmermann absolviert hat, ist er jetzt in reduziertem Pensum als Projektleiter Holzbau tätig. «Da kann ich flexibel arbeiten oder sogar von zu Hause aus», sagt er. Zum Leben reiche es. «Ich habe ja fast keine Gelegenheit, Geld auszugeben», ergänzt er und weist auf die Tatsache hin, dass ausser Arbeit, sieben Trainingseinheiten pro Woche und Wettkämpfen kaum Zeit für etwas anderes bleibt – mindestens während der Wettkampfsaison. «Im Herbst und im Winter gehe ich gerne mit Kollegen aus; mir reicht es schon, zu viert an einem Tisch zu sitzen, zu reden und Spass zu haben. Ich bin grundsätzlich gesellig und fahre gerne Ski», erzählt er.

In Mollis dabei

Der Sennenschwinger Damian Ott, der dem Schwingclub Wil angehört, ist für das Eidgenössische von Ende August in Mollis aufgrund seiner letzten Erfolge bereits gesetzt. «Insgesamt werden 274 Schwinger starten. Der Nordostschweizerische Schwingerverband (NOSV) hat 67 Plätze zur Verfügung und diese werden mit den besten Schwingern gefüllt», informiert er. Er selbst gehört dazu, darf sich als Eidgenosse bezeichnen, nachdem er am Eidgenössischen Schwingfest 2022 einen Kranz gewonnen hat. In die Saison gestartet ist er Ende April mit dem Toggenburger Verbandschwingfest in Bazenheid, das er gewann. Dann folgte das Thurgauer Kantonalschwingfest. «Der Start in die neue Saison ist für mich wichtig, weil er mir zeigt, wo ich stehe und woran ich noch arbeiten muss. Dieses Jahr habe ich mich gut gefühlt. Vieles war gut und an ein paar Sachen muss ich noch schrauben», ist sein Fazit. Auch wenn das Eidgenössische in diesem Jahr stattfindet, trainiere er nicht grundsätzlich anders, sagt der im Jahr 2000 Geborene, 1,97 Meter grosse und 110 Kilo schwere athletische Schwinger.

Vom Bruder gefordert

Irgendwann fängt es in jedem Schwingerleben mit dem ersten Schritt in den Schwingkeller an. Bei Damian Ott kam der erste Schritt eher aus dem Schwingkeller heraus. Sein Bruder Raphael, der sechs Jahr älter ist als er, trainierte beim Schwingclub Wil und brauchte zu Hause einen Schwingpartner. Und das war er. «Ich musste da einfach durch, ohne Chancen, denn ich war erst etwa vier Jahre alt», sagt Damian Ott lachend. «Als ich sechs Jahre alt war, fand mein Bruder, ich könnte ins Training mitkommen. Ich ging mit, trainierte mit den anderen und hatte in erster Linie Spass, obwohl ich durchaus auch ehrgeizig war, aber noch keine Ambitionen hatte. Irgendwann hat es mich gepackt und als ich mit 17 Jahren am St. Galler Kantonalschwingfest den ersten Kranz gewann, merkte ich, dass es nach vorne reichen könnte, wenn ich mehr investieren würde. Das war eine Art Weckruf.» Beim Schwingen sei es nicht so, dass man entdeckt werde. «Das muss man selber wollen und selber spüren. Auf jeden Fall braucht es im Sport den Ehrgeiz. Ohne geht nichts.»

Damian Ott vor der Glockenwand in seinem Zuhause. Bild: Cecilia Hess-Lombriser
Damian Ott vor der Glockenwand in seinem Zuhause. Bild: Cecilia Hess-Lombriser

Sich aneinander messen

Damian Ott ist als jüngstes von acht Kindern in Dreien auf dem Bauernhof aufgewachsen, den nun sein Bruder Raphael führt. Dieser schwingt zwar nicht mehr, hat aber bereits zwei Söhne, die dem Onkel nacheifern. Das Leben in der grossen Familie hat der «Eidgenosse» in guter Erinnerung. «Es war lebendig, wir halfen mit, lernten uns durchzusetzen, lebten die Gemeinschaft, waren bescheiden. Wir brauchten nicht viel. Es war immer etwas los. Auch heute sind wir noch viel zusammen. Die Familie ist durch Partnerinnen und Partner und durch Kinder grösser geworden, und das ist schön», stellt er fest. Zu Hause hat er einen guten Boden mitbekommen und mit dem Schwingsport hat er ein paar Eigenschaften geschärft und entwickelt, die ihm auch sonst im Leben zugutekommen. «In unserem Sport braucht es viel Eigeninitiative. Wir haben kein Kader. Der Trainingsplan ist gegeben und es bleibt jedem offen, was er machen will. Wenn ich erkenne, dass ich unterfordert bin, muss ich mehr tun. Optimal ist es, wenn man gleich starke Partner hat. In meinem Fall sind das Marcel Räbsamen vom gleichen Club und Werner Schlegel vom Schwingclub Wattwil. Wir können einander anspornen, miteinander wachsen», sagt Damian Ott. Und: «Im Wettkampf messen wir uns aneinander.»

Einige der gewonnenen Stabellen. Bei Damian Ott gibt es stets genügend Sitzgelegenheiten. Bild: Cecilia Hess-Lombriser
Einige der gewonnenen Stabellen. Bei Damian Ott gibt es stets genügend Sitzgelegenheiten. Bild: Cecilia Hess-Lombriser

Gute Lebensschule

Motivation ist eine Voraussetzung für den Erfolg. Damian Ott kann sich gut motivieren. «Ich bringe die Stimme, die mich manchmal vom Training abhalten will, zum Schweigen, indem ich die Erfolge sehe. Das hat sich unterdessen sogar automatisiert.» Die Eigeninitiative ist ein weiterer Wert, der beim Schwingen nötig ist. «Ich organisiere mir den Krafttrainer, den Mentalcoach oder den Masseur selber. Es kann auch nach jeder Saison zu einem personellen Wechsel kommen, wenn ich merke, dass etwas anderes nötig ist.» Grundsätzlich tausche er sich mit vielen Menschen in seinem sportlichen Umfeld aus. Der Trainer analysiere laufend seine Technik mit ihm und andere Fachpersonen stellten ihre Erfahrung und ihr Wissen zur Verfügung. «In erster Linie muss ich auf mich selbst hören. Ich kann etwas übernehmen und ausprobieren, aber wenn es nicht passt, dann entscheide ich selbst», verdeutlicht er. Es sei wichtig, den eigenen Körper zu kennen. Das gleiche gilt für die Ernährung. Auch da hat er den eigenen Weg gefunden. Dann ist da noch die Disziplin. «Die habe ich mir aneignen und dafür kämpfen müssen. Irgendwann ergibt sich ein Rhythmus, der fix ist, und dann geht man einfach ins Training, ohne mit sich zu verhandeln. Mein Sport ist eine Lebensschule. Ich muss mich durchbeissen, durchstehen, Zeit hergeben, Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen und mit meinen eigenen Voraussetzungen arbeiten und die eigenen Grenzen kennen», fasst Damian Ott zusammen. Mit diesen Erfahrungen ist der sympathische Schwinger, der sich im Gespräch bescheiden zeigt, auf dem Boden geblieben.

Schwinger im Porträt

Vom 29. bis 31. August findet in Mollis das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF) statt. In einer losen Serie stellt der «St. Galler Bauer» Schwinger aus der Region vor. Sie erzählen ihre Geschichten, über ihre Motivation und von ihrem Weg in den Sägemehlring.

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