Martin Richiger rockt als DJ Reserva die Disco 60+
Musik ist die Leidenschaft von Martin Richiger. Der grau-gelockte DJ aus Mogelsberg frönt dieser Leidenschaft an Konzerten und in der eigenen Stube, aber auch mit jenen Seniorinnen und Senioren, die regelmässig zur Disco 60+ nach Lichtensteig kommen.

Aus der Soundanlage verlangen die Rolling Stones nach «Satisfaction», da steht auf der Tanzfläche niemand mehr still. Im dunklen Raum gibts Action. Menschen wiegen ihre Hüften, drehen sich im Kreis, wirbeln mit den Armen, lachen, haben Spass. Der DJ wippt hinter dem Mischpult und checkt mit dem Kopfhörer den nächsten Song. Ein gewöhnlicher Abend im Club. Oder doch nicht so ganz gewöhnlich? Wer genauer hinschaut, entdeckt viel graues und weisses Haar, sieht, dass die Bewegungen nicht immer ganz so geschmeidig sind, und erkennt, dass dieses Publikum die 60 wohl schon ein Weilchen überschritten hat. Denn das hier ist auch kein gewöhnlicher Club: Die Tanzfläche ist in der Bahnhalle Lichtensteig, ehemals Chössi-Theater, und es ist Montagabend. Die Pro Senectute Wil und Toggenburg veranstaltet hier seit Anfang Jahr regelmässig die Disco 60+, ein Event, der von Mal zu Mal mehr Publikum anlockt.
Rockiges für Senioren
60 plus ist auch DJ Reserva alias Martin Richiger. Er ist von Beginn weg für den Sound dieser besonderen Disco verantwortlich. Eine Verantwortung, die er mit einem gewissen Zögern annahm. «Ich wehrte mich lange dagegen, ein ‚Oldie-DJ‘ zu sein», sagt der 67-Jährige in seinem Zuhause mitten in Mogelsberg. Doch dann sei die Anfrage der Pro Senectute gekommen. «Ich finde es super, dass solche Organisationen merken, dass die heutigen Senioren andere Musik mögen, als ich oft in Altersheimen höre.» Martin Richiger spielt dabei auf Ländler und Schlager an, die häufig in Alters- und Pflegeheimen gespielt werden. «Aber die Generation, die jetzt 60, 70 oder 80 ist, die ist doch mit den Stones und den Beatles aufgewachsen. Deshalb spiele ich Musik der 50er-, 60er-, 70er-, 80er- und 90er-Jahre mit Schwergewicht 1960er bis 1980er.»
Gemeinsam mit Linda Schmollinger, Leiterin des Fachbereichs Begegnung und Austausch bei der Pro Senectute Wil und Toggenburg, plante Martin Richiger die erste Disco 60+. «Ursprünglich war die Idee, den Event an einem Nachmittag durchzuführen und keinen Alkohol auszuschenken. Doch das passte mir nicht; schliesslich sind die Leute ja alt genug, um abends auszugehen und selber zu entscheiden, was sie trinken möchten», sagt er und schmunzelt. Jetzt finden die Tanzabende jeweils an einem Montag zwischen 18 und 22 Uhr statt. Mit Barbetrieb.

Gute Mischung
An seine erste Disco 60+ erinnert sich DJ Reserva noch gut. «Ich habe mich so gut vorbereitet wie noch nie und überlegte mir das Programm ziemlich detailliert. Meine Wahl fiel auf Songs und Interpreten der 1970er- und 1980er-Jahre, dazu etwa zehn Prozent neuere Musik.» Eine Mischung, die ankam, wenn auch nicht durchwegs. «Reggae zum Beispiel fand kein Publikum. Auch die Neue Deutsche Welle lockte kaum jemanden auf die Tanzfläche. So habe ich meine Programme nach und nach angepasst.» Das fiel Martin Richiger leicht, denn er liebt Musik, seit er ein Teenager war. Damals verbrachte er mit Kollegen viel Zeit in einem Plattenladen in Wattwil, kaufte Schallplatten, später dann CDs. Die Musik war ihm auch in der Freizeit wichtig. Der gelernte Werkzeugmacher und langjährige Betriebsleiter in der Maschinenindustrie organisierte als Hobby kulturelle Anlässe im Toggenburg. Er war Mitgründer des Kulturvereins Rössli Mogelsberg. In den 1990er-Jahren gründete er zusammen mit Gleichgesinnten den Club Mamut (Manchmal Musik im Toggenburg) in Krummenau, in dem viele Schweizer Bands, aber auch internationale Acts wie Candy Dulfer auftraten. «Nach solchen Konzerten brauchte es immer noch Musik. Für die war immer häufiger ich zuständig, eine Aufgabe, an der ich Freude hatte.»

Doch Ende der 1990er-Jahre hörte der dreifache Vater mit diesem Hobby auf. Damals erkrankte seine Frau; sie verstarb 1999. Aber die Musik spielte später dann doch wieder eine grössere Rolle in seinem Leben. «Ich wurde immer öfter angefragt, ob ich bei einem Familienfest oder einem Firmenanlass die Musik auflegen könnte.» Martin Richiger nahm jene Aufträge an, die ihm Spass machten und an denen er den Sound spielen konnte, der ihm gefiel. Aus eigenem Interesse, aber auch dank seiner längst erwachsenen Kinder und seiner Kollegen blieb er immer auf dem neusten Stand in Sachen Musik. «Mit meinen Kindern tausche ich mich im Chat jeweils über Neuentdeckungen aus.» Auch seine Partnerin hat Freude an Musik; im vergangenen Sommer verbrachte das Paar mit dem Camper eine Woche am Paléo Festival in Nyon. «Ich will immer wieder Neues entdecken und höre auch gerne World Music. Da war Nyon perfekt.» Festivals dieser Grösse sind trotzdem nicht so seine Sache. Martin Richiger fühlt sich in kleinem Rahmen wohler, mag lieber Konzerte mit weni-ger Publikum. Ein Höhepunkt war Anfang November das Abschiedskonzert der Band Several Minds im Weid-Hof in Oberhelfenschwil.

Weiter Musikhorizont
Was Livekonzerte anbelangt, hat Martin Richiger noch einen grossen Wunsch: Tom Waits würde er gerne mal auf der Bühne erleben. Sein Musikgeschmack ist breit gefächert; er mag Songwriter wie Tom Waits, aber auch schräge Countrybands, Altrocker wie die Rolling Stones oder Hitgaranten wie Texas. Den Sound findet er auch auf einigen Schallplatten, die im Keller gelagert sind, und auf rund 2000 CDs im Wohnzimmer. Während er davon erzählt, zeigt Martin Richiger an die Wand und erzählt: «Meine Tochter hatte mir vor vielen Jahren ein CD-Gestell gemacht. Aber bald schon wurden stufenweise Vergrösserungen fällig. Jetzt hat es den maximalen Platz an der Wand erreicht; mehr CDs darf ich nicht kaufen», sagt der Musikliebhaber und lacht. Das Schwierige sei ja, dass er nichts weggeben könne. Kürzlich haben er und seine Partnerin im Keller je vier Schallplatten ausgesucht und in der Stube abgespielt. «Da gabs auch Enttäuschungen nach vielen Jahren des Wiederhörens. Aber entsorgen konnte ich die Platte dann doch nicht.»

Emotionen wecken
Gut, hat die Musikbranche den Schritt ins Virtuelle gemacht. Heute befindet sich der Grossteil von Martin Richigers Musiksammlung auf seinem PC. Mit diesem geht er auch an die Disco 60+. «Kürzlich musste ich ein neues Notebook kaufen, denn plötzlich befürchtete ich, dass mein altes während einer Disco den Geist aufgeben könnte», sagt er. Also investierte er einiges an Zeit und Aufwand, um jetzt wieder technisch auf dem neusten Stand zu sein. Denn ein reibungsloser Ablauf eines Discoabends ist ihm wichtig. «Es ist für mich richtig schön, dass ich mit Musik so viele Emotionen wecken kann», sagt er mit leuchtenden Augen. «An der Disco 60+ gibts nach gewissen Songs sogar Applaus; das erlebe ich sonst nirgends.» Der Flow sei bei jedem Anlass anders. Martin Richiger, der seinen Künstlernamen vor einigen Jahren in Anlehnung an gehaltvollen spanischen Rotwein wählte, freuts, dass die Seniorendiscos auch im nächsten Jahr durchgeführt werden. Der coole Anlass habe sich herumgesprochen, immer mehr Leute über 60 entdecken den Event und eilen im Chössi-Theater auf die Tanzfläche, wie DJ Reserva mit Freude beobachtet: «Im Gegensatz zu anderen Discos sitzt hier kaum jemand den ganzen Abend bei einem Drink an der Bar. Dieses Publikum will sich bewegen, will seinen Gefühlen beim Tanzen freien Lauf lassen.»
