Der Klimawandel bedroht die Fichte

Dass auf der Erde ein Klimawandel stattfindet, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. In den Schweizer Wäldern leidet darunter vorallem die stark vertretene Rottanne. Um diese beliebte Baumart einst zu ersetzen, steht unter anderem die aus Amerika importierte Douglasie im Fokus.

Interview zum Schweizer Wald
Regionalförster Christof Gantner. Bild: zVg.

Orkanstürme mit enormem Schadenausmass in den Wäldern gab es schon immer. Von den Nadelhölzern ist dabei vorwiegend die Fichte betroffen. Sie wurzelt im Gegensatz zur Weisstanne flach und breit. Früher wurde die Fichte nach einem Sturm von den Forstverantwortlichen häufig wieder angesetzt. So konnte dieses beim Baugewerbe beliebte Holz andauernd die Nachfrage decken. Mit dem seit über zwei Jahrzehnten deutlich bemerkbaren Klimawandel hat sich das Leben der Fichte negativ verändert. Die Erwärmung und die trockenen Sommermonate begünstigen das Leben des Borkenkäfers. Dieser richtet oft massive Schäden an. Schon vor 40 Jahren hat man begonnen, nach Sturmschäden und in von Käfern dezimierten Beständen, vermehrt Mischwald, also Laubholz und Weisstannen, anzusetzen. Damit soll auch die Übersäuerung des Waldbodens gebremst werden. Als Ersatz für die in die Enge getriebene Fichte wird jetzt vermehrt die Douglasie gepflanzt. Christof Gantner leitet die Waldregion 5 im Toggenburg. Er gibt Auskunft über die Zukunft der Schweizer Wälder.

Christof Gantner, seit wann hat man sich im Schweizer Forst mit dem Borkenkäfer zu befassen?

Christof Gantner: Der wichtigste Borkenkäfer, der Buchdrucker, existiert schon seit einigen Jahrhunderten. Im Wald bildet er ein Element des natürlichen Kreislaufs. Er vermehrt sich zum Beispiel stark nach einem Sturm im liegenden Holz; befällt aber bei Massenvermehrung auch gesunde, stehende Fichten. Seine Population kann durch rasches Entfernen von befallenem Käferholz gebremst werden. Am meisten schadet ihm kaltes, nasses Frühlingswetter, welches aber vom Menschen nicht beeinflusst werden kann. Nicht unwesentlich geschieht die Eindämmung des Borkenkäfers durch seine natürlichen Feinde. Das sind Ameisenbuntkäfer, Spechte und Pilze, welche sich bei einer Borkenkäfer-Überpopulation rasch ausbreiten können.

Genügt der Einsatz von Käferfallen nicht zur Verminderung des Borkenkäfers?

Gantner: Die Fallen dienen vorab dem Monitoring. Das heisst, sie geben den Forstverantwortlichen Bescheid über den Zeitpunkt von Borkenkäfervermehrung. Letztes Jahr wurden in der Schweiz rund 1600 Fallen aufgestellt. Natürlich ist die damit gefangene Menge von 56 Millionen Borkenkäfern beachtlich. Viel eindrücklicher ist aber, dass die über 1500 Brutpaare des Dreizehenspechts in der Schweiz in einem Jahr mehr als zwei Milliarden Borkenkäfer vertilgen.

Welchen Nutzen kann Käferholz der Baubranche bringen?  

Gantner: Käferholz hat sehr wohl seine Nützlichkeit. Die technischen Eigenschaften entsprechen dem von Frischholz. Es gibt zwar eine Verbläuung durch Pilze, welche aber in den folgenden Jahren wieder verschwindet. Zum Beispiel wurde die Markthalle Wattwil mit solchem Holz gebaut, was überhaupt keine sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Der oftmals immense Anfall von Käferholz drückt aber einfach die Marktpreise von frischem Holz nach unten.

Interview zum Schweizer Wald
Die Douglasie eignet sich zur Pflanzung in den Schweizer Wäldern.

Seit wann ist das Verschwinden der Fichte in den Schweizer Wäldern ein ernst zu nehmendes Thema?

Gantner: In den letzten 15 Jahren hat sich das Thema akzentuiert. Der Temperaturanstieg und die Trockenheit setzen der Fichte zu. So sind zum Beispiel in den unteren Lagen im Thüringer Wald (Deutschland) seit 2018 schon mehr als die Hälfte der Fichten abgegangen. In der Schweiz, vorab in den Bergregionen, wird die Fichte nicht so rasant verschwinden. Stark vom Klimawandel betroffen sind aber auch die Arvenwälder und im Jura die Buchen. Die geeigneten Standorte der verschiedenen Baumarten verschieben sich in der Zukunft bis 700 Meter in die Höhe. Auch darum wird noch mehr auf Mischwälder gesetzt. Dies geschieht möglichst mit Naturverjüngung und ergänzenden Pflanzungen.

Wie hat sich das Aufforsten von Wäldern nach einem Sturmschaden in den letzten 50 Jahren entwickelt?

Gantner: Früher wurde extrem viel gepflanzt. Der Aufwand für erfolgreiches Setzen war aber gross. Die Jungbäume mussten vor Wildverbiss geschützt und regelmässig ausgemäht werden. Seit den letzten 30 Jahren wird immer mehr auf Naturverjüngung gesetzt, was zu vielfältigen Mischwäldern führt. Auf sonnigen und trockenen Standorten um rund 1500 Metern über Meer werden im Toggenburg, ergänzend zur Naturverjüngung, anstelle der Fichte Lärche gepflanzt.

Hat das Laubholz zu wenig Eignung, um das Nadelholz in der Baubranche zu ersetzen?

Gantner: Nein. Es wurde aber lange Zeit zu wenig beachtet. Im jurassischen Les Breuleux hat sich eine Sägerei (Fagus Suisse SA) auf Baubuchen spezialisiert und entwickelt sich erfreulich. Das Buchenholz weist eine enorme Festigkeit aus und ist der Fichte in gar manchen Teilen überlegen. Eschenholz ist ebenfalls sehr gut anwendbar. Diese beiden Laubhölzer sollten aber nicht der Witterung ausgesetzt sein. Bereits beim Bau der Fachwerkhäuser wurde im Bodenseeraum die dort wachsende Eiche verwendet.

Als mögliche Alternative zur Fichte steht neben Lärche, Weisstanne und Föhre auch die Douglasie zur Auswahl. Woher kommt dieses Nadelholz ursprünglich?

Gantner: Die Douglasie ist in Nordamerika heimisch und wurde um 1900 in die Schweiz importiert. Auf tiefgründigen und gut durchlüfteten Böden entwickelt sie ein dichtes Herzwurzelsystem. Sie stellt relativ geringe Anforderungen an die Nährstoffversorgung und den Wasserhaushalt und mag es mässig trocken. Ihre Produktionsleistung ist auch auf schlechteren und mittleren Standorten ausserordentlich positiv. Als Bauholz ist sie sehr gut geeignet. Festigkeit, Witterungsbeständigkeit und gute Verarbeitungseigenschaften zeichnen die Douglasie aus. Natürlich hat auch diese Waldpflanze ihre Schwächen. In Jungbeständen weist sie Nadelschäden aus und gilt bei Rehböcken als sehr beliebtes Fegematerial. Mitunter kann sie auch von Wurzelfäulepilzen befallen sein. Die Douglasie, gelegentlich in lockeren Gruppen angepflanzt, ist aber sicher eine begrüssenswerte Alternative zur Fichte.

Infolge des Klimawandels steigt die Waldgrenze langsam nach oben. Betrifft dies alle Baumarten?

Gantner: Ja, leider ist dies nicht nur bei den Fichten der Fall. Alle Baumarten sind davon betroffen. Arven, die nur an der Waldgrenze vorkommen, gehören zu den grossen Verlierern. Im Toggenburg ist die Niederschlagsmenge, zum Glück für den Wald, recht hoch, was das Aussterben der bedrohten Arten verlangsamt. Allgemein wird aber der Laubholzanteil in der ganzen Schweiz stark zunehmen.

Interview zum Schweizer Wald
Douglasienzapfen und Nadeln.

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