«Es Buurebüebli» weckt Erinnerungen bei Demenzerkrankten
Im Chorprojekt von Ruth Zahner und Isabelle Iten finden Menschen mit Demenz über das Singen Zugang zu verloren geglaubten Gefühlen. Aus «Es Buurebüebli» wird dabei mehr als nur ein Lied. Es wird zur Brücke in die Vergangenheit.

Ein kleines rotes Auto biegt von der Dorfstrasse ab und kommt auf dem Parkplatz des Kirchgemeindehauses Mörschwil zum Stehen. Auf ihm klebt das Logo eines regionalen Pflegeheims. Im Wagen sitzen zwei Seniorinnen, die mithilfe einer Fachfrau Aktivierung auf die Beine und an die frische Luft kommen. Wenn die Luft heute auch gar nicht so frisch ist. Denn die Sonne brennt vom Himmel. Untergehakt und mit kleinen Schritten bewegt sich das Trio langsam Richtung Gemeinderaum. Es ist Singnachmittag, ein Angebot für Menschen mit Demenz. Normalerweise kommen 20 bis 30 Teilnehmende, um gemeinsam zu singen. Doch heute sind es weniger als sonst. «Für die älteren Menschen ist es einfach zu heiss», sagt Ruth Zahner.
Fünf Jahre ist es her, seit Ruth Zahner den nicht alltäglichen Chor zusammen mit ihrer Tochter Isabelle Iten ins Leben rief. Damals schaute sie spätabends eine deutsche Fernsehsendung, die über einen Chor für Menschen mit Demenz berichtete. Die Idee begeisterte sie aus zwei Gründen: Ihr Mann war an Demenz erkrankt, und in ihrer Familie spielte das Singen von jeher eine grosse Rolle. Am nächsten Tag nahm sie das Telefon zur Hand und fragte ihre Tochter: «Hilfst du mir, einen solchen Chor zu gründen?» Er wurde zur Erfolgsgeschichte.

Singen weckt Erinnerungen
Die Gruppe Senioren sitzt im Kreis zwischen Angehörigen und Begleitpersonen. Isabelle Iten, Lehrerin und Gemeinderätin von Mörschwil, stimmt das erste Lied an: «Es Buurebüebli». Passend zur Tonlage schrummt sie Akkorde auf ihrer Gitarre. Erstaunlich kräftig klingt der Gesang, vor allem der Refrain. Wer Lust hat, macht mit beim «ufe, abe, links und rechts». Inbrünstig und auswendig singen die einen, leise summen die anderen, schauen gebannt aufs Singbuch. «Musik im Kopf» steht darauf.
«Auch wenn Menschen mit Demenz vieles vergessen, an Lieder von früher können sie sich bis ins hohe Alter erinnern», weiss Ruth Zahner aus Erfahrung. Ob Singen oder Musik hören, beides berührt, weckt Erinnerungen und Emotionen. Auch wissenschaftliche Studien bestätigen: Die Musik bleibt ein Leben lang im Gedächtnis. «Viele haben früher mit ihren Familien gesungen», erzählt Zahner. Manche auch in der Schule, so wie Alice*. «Im Internat mussten wir immer den Nonnen vorsingen», erinnert sie sich und lächelt. Heute trägt Alice knallroten Lippenstift. Damit bekommt sie einen Soloauftritt bei «Rote Lippen soll man küssen». Als der Applaus einsetzt, zuckt sie kurz zusammen. Doch dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, und für einen Moment scheint alles wieder ganz nah.
Alt und Jung
Ruth Zahners Mann und Isabelle Itens Vater kann nicht mehr an der Chorprobe teilnehmen. «Er ist nicht mehr gut zu Fuss, und für uns ist es unmöglich, ihn mit unserem Auto zu transportieren.» Deshalb bringen Ruth Zahner und ihre vier musikalischen Töchter die Musik einfach zu ihm ins Heim. Praktisch dabei: Drei von ihnen haben einen pflegerischen Hintergrund. «So ist rasch für Ersatz im Chor gesorgt, wenn eine von uns ausfällt.» Wenn immer möglich, bringen sie auch ihre Kinder und Hund Esso mit zur Probe. Vor allem die Kombination von Jung und Alt bringt Isabelle Iten ins Schwärmen. «Kinder tun älteren Menschen einfach gut.»

Apropos Kinder. Die beiden Chorleiterinnen finden es wichtig, dass Familien mit ihren Kindern so viel wie möglich singen. «Leider geschieht dies immer weniger», sagen sie nachdenklich. «Woran sollen sich denn diese Kinder erinnern, wenn sie einmal alt sind?»
Positive Wirkung des Singens
Von der positiven Wirkung des Singens berichtet auch Judith Ruppanner. Sie ist Aktivierungsfachfrau in einem Pflegeheim und schwärmt von ihrem Beruf: «Meine Arbeit mit Menschen mit Demenz ist unheimlich erfüllend. Klar erlebe ich auch Trauriges, aber das Schöne überwiegt.» Ruppanner singt oft mit ihnen, organisiert Singnachmittage und macht Liederrätsel. «Das Lied, das dabei rauskommt, singen wir zusammen.» Sie, die selbst für ihr Leben gern singt, baut Lieder von früher in den Heimalltag ein. «Sobald ein Stichwort fällt, beginne ich, das passende Lied zu singen. Wer Lust hat, singt mit.»

Bei der Beschallung mit Musik aus dem Radio oder der Musikbox ist die diplomierte Aktivierungsfachfrau vorsichtig. «Menschen mit Demenz reagieren äusserst sensibel auf auditive Einflüsse und sind rasch überfordert. Man sagt, dass eine Musiksequenz aus der Konserve nicht länger als 30 Minuten dauern sollte.» Anders verhält es sich bei Livemusik. «Da können die Bewohnenden eruieren, woher die Musik kommt.»
«Die beste Variante von Musik ist so oder so das Singen», ist Ruppanner überzeugt. «Nach einem Singnachmittag sind alle fröhlich und ausgelassen. Sie erzählen von früher, wie das damals so war.» Sie mahnt jedoch: «Nicht alle Menschen singen gern. Bei uns muss niemand, aber alle dürfen.»
Auch noch mit 100 Jahren
Wieder zurück im Gemeindesaal Mörschwil, beweist Elisabeth*, dass Lieder im Kopf nicht verschwinden. Sie feiert nächstes Jahr ihren 100. Geburtstag. Weil sie fast nichts mehr sieht, nützt ihr das Singbuch wenig. Das braucht sie auch nicht, denn die meisten Lieder kennt sie in- und auswendig. Den Refrain wie auch die Strophen. Beim Singen schliesst die 99-Jährige die Augen, klatscht ihre Hände zusammen oder schwingt sie in der Luft. Auch sie hat heute einen Soloauftritt und jodelt zum Lied «Min Vater isch en Appezeller». Ihre Freude ist ansteckend, und einige der Damen sind zum Scherzen aufgelegt. Beim Stichwort «Hängebusen» aus dem Lied «Aber schön muss sie sein» meint eine von ihnen: «I ha da imfall nöd.» Überhaupt wird oft gelacht, und für einen Moment scheint die Krankheit Demenz vergessen zu sein.

So fröhlich geht der Singnachmittag mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen zu Ende. Wem es möglich ist, hilft mit beim Aufräumen oder Abwasch. In zwei Wochen wird wieder gemeinsam gesungen. Niemand wird sich erinnern, wie es heute war, aber das Singen wird wieder Erinnerungen wecken. «Die Emotionen, die sichtbar werden, sind für mich das Schönste», flüstert Isabelle Iten und umarmt die aus Italien stammende Maria*, die ihr spontan zwei Küsse auf die Wangen drückt.
