Das Christkind kommt um Mitternacht

So unterschiedlich wie seine Länder, so vielfältig sind die Advents- und Weihnachtstraditionen des südamerikanischen Kontinents. Drei Thurgauer mit südamerikanischen Wurzeln geben Einblick in ihre Weihnachtszeit.

Besondere Krippen aus Südamerika: Diese Keramikfigürchen wurden in einen kleinen Kürbis integriert.
Besondere Krippen aus Südamerika: Diese Keramikfigürchen wurden in einen kleinen Kürbis integriert.

Drei Menschen aus Südamerika, die seit Langem im Thurgau leben, öffnen die Türen für ihre Weihnachtsgeschichten und -erinnerungen. Was ist anders? Was vermissen sie? Was haben sie beibehalten? Was neu entdeckt? Eines wird rasch deutlich: Weihnachten in Südamerika zelebriert man in einer riesigen Gemeinschaft aus Familie, Verwandten und Freunden, und genau das ist es, was alle drei am schmerzlichsten vermissen. Weihnachten in Südamerika ist zudem ein buntes Fest, vielmehr eine Party, bei der es weit weniger besinnlich zugeht als hierzulande.

Bolivianisches Maisgetränk

Es ist Anfang Dezember, in Ermatingen liegt Schnee. Alvaro Heredia steht am Herd und schaut zum Fenster hinaus. «Sicher kommen die Kinder gleich vom Schlitteln zurück, dann können sie sich mit dem Api aufwärmen», überlegt er. Der Familienvater zeigt auf die lilafarbene Flüssigkeit im Topf und beginnt zu erzählen: «Das heisse Maisgetränk wird bei uns im Dezember häufig getrunken. In meiner Geburtsstadt, La Paz, reichen wir es den Kindern, die von Haus zu Haus ziehen und Villancicos singen. Das sind folkloristische, spanische Weihnachtslieder.»

Die besinnliche Stimmung einer weissen Weihnacht verzaubert Alvaro Heredia jedes Mal aufs Neue.
Die besinnliche Stimmung einer weissen Weihnacht verzaubert Alvaro Heredia jedes Mal aufs Neue.

Krippe im Fokus

Der 43-jährige Bolivianer erzählt, dass die Krippe an Weihnachten eine besondere Rolle spiele. Sie werde bereits zu Beginn des Monats Dezember aufgestellt, beleuchtet und geschmückt. Allerdings ohne die Hauptfigur, das Jesuskind. «An Heiligabend essen wir gerne Picana Navideña (verschiedene Fleischsorten in Brühe) mit Choclo (weissem Mais). Die Gäste kommen gegen 23 Uhr und dann fiebern wir gemeinsam Mitternacht, der Geburt Jesu, entgegen. «Viene el niño», heisst das bei uns. Erst dann wird die Jesusfigur auch in der Krippe platziert.

Das Ganze ist vergleichbar mit einer Silvesterparty. In Radio und Fernsehen wird der Countdown heruntergezählt und um 24 Uhr liegen wir uns in den Armen, beglückwünschen uns und stossen an. Das Christkind soll Liebe und Frieden für die Welt bringen. Danach werden Geschenke getauscht und im Anschluss wird die ganze Nacht gefeiert. Am 25. Dezember geht man dann mit seiner Jesusfigur in die Kirche, um sein Christkind vom Pfarrer weihen zu lassen», erzählt der Bolivianer mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Er berichtet, dass es mitunter schwierig sei, die Traditionen seiner Jugend in der Schweiz aufrechtzuerhalten. «Ich kann schon verstehen, dass es für meine Frau befremdlich wäre, unsere Kinder mitten in der Nacht zu wecken.»

Buntes Treiben in Kolumbien

Ähnliches berichtet auch Ana Maria Thurnheer aus Triboltingen. Sie kam als 13-jähriges Mädchen aus Kolumbien in die Schweiz. «Meine jüngere Schwester war sieben als wir herzogen. Eine weitere Schwester ist hier geboren. Wir wurden von unserem Umfeld geprägt. Die Werte von hier zählen mehr», sagt die 41-Jährige. «Weihnachten in Kolumbien ist bunt, pompös und kitschig. Wir mussten uns anpassen, sonst hätten wir schiefe Blicke geerntet und die reinste Fasnacht veranstaltet», gibt sie lachend zu. Deshalb wird bei der schweizerisch-kolumbianischen Familie Thurnheer eine Mischung verschiedenster Traditionen gelebt. Während das Festessen in der Regel typisch schweizerisch ausfällt, kommen bei der Dekoration kolumbianische Einflüsse zum Tragen. Die Triboltingerin schmückt bereits im November das Haus. Sie erzählt: «In Kolumbien sind schon im Dezember Ferien. Am 7. und 8. Dezember sind die Lichtertage. Hierzu werden Strassenlaternen abgeschaltet und nur kleine Laternen vor den Häusern angezündet. Zehn Tage vor Weihnachten beginnen die Novenas. An diesen Abenden erzählen wir die Jesusgeschichte und singen gemeinsam Villancicos. Jeden Abend in einem anderen Haus.»

In puncto Kulinarik bevorzugt die kolumbianisch-schweizerische Familie Thurnheer Schweizer Gerichte, wie hier Schinken im Brotteig. Bild: zVg.
In puncto Kulinarik bevorzugt die kolumbianisch-schweizerische Familie Thurnheer Schweizer Gerichte, wie hier Schinken im Brotteig. Bild: zVg.

Das wichtigste Fest

Im Wohnzimmer der Familie thront, wie in Kolumbien üblich, ein kleiner Plastikweihnachtsbaum. Die Mutter von zwei Kindern liefert die Begründung sofort: «Da unsere Weihnachtsdekoration so lange stehen muss, verwenden wir keinen Naturbaum.» Sie berichtet, dass in Kolumbien meistens das Pfannengericht «Arroz con pollo» (Reis mit Poulet) zubereitet werde. Das sei einfach in grosser Menge zu kochen und schmecke allen. «Das Christkind kommt dann in der Nacht, wenn die Kinder schon im Bett sind. Am Morgen des 25. Dezember liegen die Geschenke nicht unter dem Weihnachtsbaum, sondern neben den Betten der Kinder», sagt sie. «Weihnachten steht bei uns an erster Stelle. Der eigene Geburtstag ist nichts dagegen», erklärt die junge Frau schmunzelnd. «Wir bedanken uns für das, was wir haben. Es geht nicht nur um Geschenke, die Kinder kennen den Hintergrund, wissen um Jesus Christus. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das hier immer mehr verloren geht.»

Der Weihnachtsmann kommt

Gefragt zu den Unterschieden, muss die Brasilianerin Maria Tschumper aus Fruthwilen nicht zweimal überlegen: «In Brasilien ist mehr Stimmung. Wir essen um Mitternacht, danach beginnt die grosse Party, die bis zum Morgengrauen andauert. Hier verbringen wir Weihnachten eher ruhig und im kleinen Familienkreis. Deshalb gehe ich in der Vorweihnachtszeit gerne mit meinen Kolleginnen auf Weihnachtsmärkte. Dann geniesse ich die Geselligkeit.» Anders als ihre Vorredner berichtet die Mutter von zwei Kindern nicht, dass das Christkind für die Geschenke verantwortlich ist. «Die Geschenke bringt der Weihnachtsmann am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags.» Den zweiten Feiertag begehe man in Südamerika jedoch nicht. «Auch den Adventskranz und den Adventskalender habe ich erst hier kennen- und lieben gelernt. Überhaupt pflegen wir an Weihnachten Schweizer Traditionen», gibt die Frau eines Schweizers Einblick in ihr Familienleben. Da ihre Familie die brasilianischen Weihnachtsgerichte verschmähe, habe man sich eben auf Fondue chinoise geeinigt.

Am Untersee trinkt Alvaro Heredia mittlerweile eine Tasse Api mit seinen Kindern. Auch wenn die beiden ihm keine Villancicos vorgesungen haben. So lauscht man sie eben gemeinsam aus dem Lautsprecher. Sie sprechen über das Krippenspiel, bei dem die Kinder jedes Jahr mitspielen. Ein weihnachtlicher Höhepunkt, auf den sich der Familienvater freut und der doch so typisch schweizerisch ist.

Festliche Tafel: Familie Tschumper isst an Weihnachten Fondue chinoise. Bild: zVg.
Festliche Tafel: Familie Tschumper isst an Weihnachten Fondue chinoise. Bild: zVg.

Das könnte Sie auch interessieren

stgallerbauer.ch Newsletter
Seien Sie die Ersten, um neueste Updates und exklusive Inhalte direkt in Ihren E-Mail-Posteingang zu erhalten.
Anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link