Wie man sich online vor Betrügern schützt
Internetbetrüger, sogenannte Cyberkriminelle, werden immer dreister und gewiefter. Deshalb gilt es, bei ungewohnten Mail-Kontakten und Anrufen zuerst nachzudenken, bevor man fremden Personen Passwörter, intime Fotos oder Geld übermittelt.

Hans K. ist fassungslos, als er abends am Computer in sein Bankkonto schaut. Es ist leer. Der Saldo beträgt null Franken. Am Mittag waren da noch 130 000 Franken. Seine Hände beginnen zu zittern, sein Atem stockt. Das ganze Ersparte ist weg. Dabei hatte doch am Vormittag der nette Bankbeamte am Telefon erklärt, dass er nur das Passwort und die Vertragsnummer von ihm benötige, um eine gravierende Sicherheitslücke bei seinem Online-Banking zu schliessen.
Diese Situation ist zwar frei erfunden, entspricht aber genau dem, was täglich in der ganzen Schweiz geschieht: Betrüger erhalten telefonische Auskunft über streng vertrauliche Bankangaben wie Vertragsnummer und Passwort. Sie geben sich als Kundenberater der jeweiligen Bank aus, scheinen besorgt um die Sicherheit der Kundschaft und wollen möglichst rasch verhindern, dass Geld vom Konto verschwindet. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Alle Generationen betroffen
Urs Bücheler kennt solche Fälle nur allzu gut. Der Leiter Sicherheitsberatung der Kantonspolizei St. Gallen befasst sich seit über 20 Jahren mit Kriminalprävention. Er hält über 70 Vorträge jedes Jahr, um ein breites Publikum zu sensibilisieren auf Themen wie Enkeltricks, Sextortion (Erpressung mittels intimem Bildmaterial), Love Scams (die Vortäuschung von Liebe, verbunden mit der Bitte um Geld) sowie Cyberkriminalität. Themen, die Menschen jeden Alters interessieren, denn längst sind es nicht mehr hauptsächlich Senioren, die auf Betrüger hereinfallen. Nach seinem Vortrag muss Urs Bücheler meist direkt Fragen beantworten, andere schreiben ihm Mails oder rufen an. Für alle nimmt sich der erfahrene Kantonspolizist Zeit. Denn fundierte Informationen sind entscheidend bei der Verhinderung von Betrügereien. «Cyberkriminalität hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Das erlebe ich auch anhand von Mails, die täglich an mich geschickt werden. Darin fragen Personen um Rat, die misstrauisch sind, und solche, die auf einen Betrug hereingefallen sind», erzählt er.
Cyberkriminalität lässt sich ganz einfach umsetzen. Potenzielle Opfer sind all jene, die sich im Internet bewegen. Sie können jederzeit von überall her kontaktiert werden. «Der Tatort befindet sich irgendwo auf der Welt. Spuren sind kaum zu finden, denn die Täter sitzen in der Regel in Ländern, die nicht mit uns zusammenarbeiten. Da können wir keine Polizei kontaktieren, die eine Adresse prüft und einen Verdächtigen befragt», bedauert Urs Bücheler.

Bedürfnisse ausnutzen
Was bei den Betrügereien immer höchst professionell abläuft, ist die soziale Manipulation. «Die Täter wissen um die Bedürfnisse ihrer Opfer, sei es Liebe oder Gier oder der Wunsch nach Sicherheit.» Als Beispiel nennt Urs Bücheler die Ankündigung einer grossen Erbschaft aus dem Ausland. Ein «seriöser» Pariser Anwalt kontaktierte die «Erbin», eine ältere Ostschweizerin, und überzeugte sie davon, dass sie für die Abwicklung der Formalitäten Geld überweisen müsse. Im vermeintlichen Wissen um das enorme Erbe überwies die Frau nach und nach weit über 100 000 Franken an den Anwalt. «Schliesslich gelang es einer Enkelin, diese Frau zu einem Gespräch bei mir zu überreden. Solche Opfer haben aber gewöhnlich einen Tunnelblick, und so dauerte es fast eine Stunde, bis ich sie davon überzeugt hatte, dass dieser Anwalt ein Betrüger ist», erzählt Urs Bücheler. Er erwähnt eine wichtige Vorsichtsmassnahme: «Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein – also ein Gewinn oder eine Erbschaft von mehreren Millionen Franken –, dann ist das in der Regel auch nicht wahr.»

Ruhe bewahren
Nachdenken, innehalten, erst einmal nichts tun. Das sind wichtige Ratschläge zur Verhinderung von Cyberkriminalität. Erscheint zum Beispiel auf dem Handy folgende Whatsapp-Nachricht: «Hallo Paps, ich hatte gerade einen Unfall und habe nun ein anderes Handy. Bitte ruf mich dringend an unter dieser Nummer ….» gilt es, Ruhe zu bewahren und keinesfalls diese Nummer anzurufen, sondern zuerst die Kinder zu kontaktieren. Diese sind höchstwahrscheinlich wohlauf und haben kein solches Whatsapp geschickt.
Im Zweifelsfall auflegen
Zu den fiesen Tricks der Betrüger gehört auch die Masche mit der Vorauszahlung. Will jemand etwas auf einer Onlineplattform verkaufen, kann es sein, dass er von einem potenziellen Käufer kontaktiert wird, der aber aus einem recht plausiblen Grund eine Vorauszahlung verlangt. «Bei solchen Betrügereien gilt ganz klar: Niemals eine Vorschusszahlung leisten für etwas, das Sie verkaufen. Und noch etwas ist bei Verkaufsplattformen wichtig: Bleiben Sie bei den Verhandlungen immer auf der Plattform, wechseln Sie nie zu Whatsapp, sonst bekommt der Betrüger Ihre Handynummer», mahnt Urs Bücheler.
Besonders hinterhältig sind emotionale Betrügereien. Urs Bücheler erzählt von einem tragischen Fall, bei dem ein junger Mann auf einer Dating-Plattform einen Video-Anruf von einer hübschen Frau erhielt. Als sie begann, sich auszuziehen, forderte sie ihn dazu auf, sich ebenfalls nackt auszuziehen. Dann erfuhr der junge Mann, dass er gefilmt worden war. Mit diesem Film wurde er erpresst mit der Drohung, der Film würde ins Internet gestellt. Der Mann wusste sich selbst nicht mehr zu helfen. Urs Bücheler hat bei solchen Erpressungen vor allem einen Rat: Ruhe bewahren und die Polizei kontaktieren.

Noch einmal betont der Präventionsfachmann, wie wichtig es ist, in speziellen Situationen zuerst nachzudenken. «Geben Sie niemals Passwörter, Geld oder intime Fotos an Personen, die Sie noch nie gesehen haben, von denen Sie sich kein Bild machen können.» Ist ein Anruf seltsam oder verdächtig, dann sollte man sofort auflegen. Und danach auch nicht auf diese Nummer zurückrufen, falls es ein Bankbeamter war. Denn heute ist es ein Leichtes, eine Schweizer Telefonnummer oder auch Mail-Adresse vorzutäuschen. «Rufen Sie Ihre Bank unter der Nummer an, die Sie bei sich gespeichert haben, um die Echtheit des Anrufs zu klären», sagt Urs Bücheler.
«Wir alle müssen uns auch bewusst sein, dass wir im Internet immer Spuren hinterlassen», sagt Bücheler. Häufig suchen beispielsweise Rentner im Internet nach Anlagemöglichkeiten für ihr Erspartes. Bei gefälschten Webseiten reagiert daraufhin umgehend jemand und ruft an, verspricht Superrenditen und Gewinne. Zwar könne man Firmen auf der Webseite finma.ch auf ihre Seriosität prüfen, doch, so sagt Urs Bücheler, komme die Finma kaum nach mit der Aktualisierung ihrer Listen. «Aber denken Sie daran: Klingt etwas zu gut, um wahr zu sein, ist es in aller Regel auch nicht wahr.»

Informiert sein
Auf der Webseite der Kantonspolizei St. Gallen kann man im Shop gratis Broschüren zu Enkeltricks, Passwortsicherheit, Cyberkriminalität und vielem mehr bestellen oder herunterladen: www.sg.ch/sicherheit/kantonspolizei
Auf der Seite cybercrimepolice.ch findet man aktuelle Fälle von Betrügereien. Ein gelegentlicher Blick darauf sensibilisiert auf kriminelle Machenschaften.
Wer bei der Seite haveibeenpwned.com seine Mail-Adresse eingibt, erfährt, wann diese allenfalls bei welcher genutzten Seite gehackt worden ist und welche Daten dabei gestohlen wurden. So kann man entsprechende Passwörter ändern.
