Kuhflüsterer Christian Manser wagt Neustart

Christian Manser, Berater der Fachstelle Rindvieh, Ressortleiter und Mitglied der Geschäftsleitung des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen (LZSG), macht sich auf 1. August 2025 nach 27 Jahren selbstständig. Mit seinem Unternehmen will er seine Beratungstätigkeit über die Kantonsgrenze ausweiten.

Ein Lieblingsplatz von Christian Manser ist sein Garten zu Hause in Gossau. Bild: Rita Bolt
Ein Lieblingsplatz von Christian Manser ist sein Garten zu Hause in Gossau. Bild: Rita Bolt

Christian Manser hat viele Lieblingsplätze, einer ist sein Haus mit Garten in Gossau. An der Wand des Sitzplatzes hängt sogar ein Schild mit dem Aufdruck «Lieblingsplatz». Den Sitzplatz geniesst er im Moment eher selten, denn seine Agenda ist voll. Er ist viel unterwegs, gibt Vorträge und Seminare, berät Landwirte im ganzen Kanton. Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit steht das Rindvieh; sein Lieblingsplatz während der Arbeit ist im Stall zwischen den Kühen. Deshalb gründet er sein Unternehmen kuhsignale.ch. Der Entscheid, nach 27 Jahren zu kündigen, sei ihm nicht leichtgefallen. Manser ist Ingenieur-Agronom ETH, leitet das Ressort Tier und Technik des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen (LZSG) und ist Mitglied der Geschäftsleitung. «Warum kündigst du so einen guten Job?», werde er ab und zu gefragt. Ja, er habe gekündigt, obwohl er extrem glücklich sei in seinem Job. Ein Teilpensum sei leider nicht möglich. «Ich verlasse ein hervorragendes Team, das tut enorm weh», sagt der 56-Jährige. Er sei jetzt aber bereit, sein eigenes kleines Unternehmen zu verwirklichen. Ein Wagnis? «Ja. Gleichzeitig ist die Zusammenarbeit mit motivierten Bauernfamilien rund um ihre Rindviehhaltung meine grosse Leidenschaft und die geografischen Grenzen des Kantons schränken mich ein.» Er hofft, dass es noch weitere Landwirte gibt, die seine Verbesserungsvorschläge für ihren Stall zum Wohle der Kühe umsetzen werden.

Kuhsignale richtig deuten

Kühe sind Mansers Passion, und dies ist bei den Bauern – nicht nur im Kanton St. Gallen – bestens bekannt. Man nennt den quirligen Gossauer zwischenzeitlich sogar «Kuhflüsterer». Er flüstere nicht mit den Kühen, er übersetze ihre Körpersprache, deute ihre Signale, erklärt er. Signale, welche die Kuh über ihre Körperhaltung, das Aussehen, das Fressverhalten, die Klauen oder das Fell aussende. Diese Methode, die Kuhsignale zu deuten, hat nicht Manser erfunden. Er habe dieses System von drei holländischen Tierärzten gelernt und sich so das Basiswissen über Kuhsignale angeeignet. Das ist schon über 15 Jahre her. Heute ist er überzeugt: Happy cows – happy farmer. Glückliche Kühe – glücklicher Bauer. Ist der Bauer glücklich, ist es die Familie ebenfalls. Positive Stimmung auf dem Betrieb wirke sich im Stall aus. Ziel der Arbeit sei immer, die Gesundheit der Tiere zu verbessern. Der Rest komme von allein. «Die Kühe geben dann auch mehr Milch», folgert Manser. Ein gewinnbringender Zustand für alle. Meistens brauche es nur kleine Anpassungen, um eine optimierte Situation herbeizuführen. Beispielsweise ein grösserer Aussenfuttertisch mit mehr Fressplätzen, damit auch die schwächste Kuh ohne Gerangel zu ihrem Futter komme.

Christian Manser ist auch als Kuhflüsterer bekannt. Bild: zVg.
Christian Manser ist auch als Kuhflüsterer bekannt. Bild: zVg.

Wer Manser zuhört, wenn er über seine Arbeit mit Kühen spricht, kann sich manchmal ein Schmunzeln nicht verkneifen, und zwar dann, wenn er erzählt, dass er sich die Liegeboxen der Kühe in den Ställen nicht nur ansehe, sondern sich reinlege und teste, ob er gut liege. Oder kürzlich hätten in der Kirche während des Gottesdienstes beim Knien seine Knochen geschmerzt. Wie unangenehm müsse es für eine Kuh mit 700 Kilo Gewicht sein, wenn die Beschaffenheit des Liegeplatzes nicht stimme und die Box nicht genug gross sei, um ungehindert abliegen und wieder aufstehen zu können. «Ein paar Zentimeter längere Boxen oder eine dicke Liegematte können für eine Kuh eine Welt bedeuten», sagt Manser. Eine artgerechte Liegebox sei genauso wichtig für Kühe wie das Klima im Stall. «Viel Licht, frische Luft und angenehme Temperaturen.» In der Region Gossau gebe es viele Vorzeigebetriebe, die diese Kriterien erfüllen. «Hier in Gossau und der Umgebung ist das Epizentrum für Vorzeigebetriebe.» Die ambitionierten Landwirte machen ihm die grösste Freude.

Glockengruss in den Himmel

Christian Manser wäre gerne Landwirt geworden. Er wurde auf einem Pachtbetrieb in Andwil gross, konnte aber in der Folge keinen Hof übernehmen. Da habe er halt Landwirtschaft studiert. Ehefrau Vreni wuchs auf einem Betrieb im Gossauer Niederdorf auf. Das Land und die Stallgebäude waren an eine Betriebsgemeinschaft verpachtet. 2012 konnten Mansers den Betrieb erwerben. Das Haus wurde erneuert und im Jahr 2020 konnten sie es beziehen. Unter dem Giebel hängen Schellen mit einem Glockenzug. Er habe sie zusammen mit einem Jodlerkollegen aufgehängt. Dieser sei schwer krank gewesen und drei Wochen später gestorben. Manser zieht am Glockenzug und die Schellen läuten. «Ab und zu schicke ich meinem Freund mit dem Schellengeläut einen Gruss nach oben», sagt der passionierte Jodler. Er war Gründungs- und Ehrenmitglied des Jodelchörlis Alpsteinblick. Das Chörli gibt es allerdings nicht mehr. Der Vater von drei erwachsenen Kindern öffnet die Türe des angrenzenden ehemaligen Stalls. Keine Kühe, nur Brennholz, das verarbeitet werden muss.

Der Hansdampf in allen Gassen bringt die Ställe von anderen in Schuss. «Die Bauern müssen ihren Kühen Sorge tragen. Der Bauer ist der Chef, die Kühe die Mitarbeitenden», sagt Manser. Wo gebe es das, dass die Mitarbeitenden dem Chef jedes Jahr ein Kalb schenkten oder täglich höchstens eine halbe Stunde schliefen. Kühe seien loyal, fleissig und zuverlässig. Einen Kuhsignal-Vortrag wird er demnächst im Inselspital in Bern halten und dabei natürlich Parallelen zum Personal ziehen. Da gebe es viele Gemeinsamkeiten.

Säulirennen wie gewohnt

Der Kuhflüsterer ist nicht nur für seinen Einsatz für die Kühe prominent, sondern auch für sein lockeres Mundwerk und seine manchmal derben Sprüche als Moderator der Olma-Säulirennen. Er lacht, er weiss, dass er schon mal in der Kritik steht und nicht bei allen auf Gegenliebe stösst. Er sieht aber auch die volle Arena und das klatschende Publikum, wenn er einen sauglatten Spruch raushaut. «Die Säulirennen finden auch dieses Jahr wieder statt», sagt Manser, Präsident des 2022 gegründeten Vereins Säulirennen. Dieser organisiere das Rennen als Kleinlotterie mithilfe von Wetteinnahmen. Der Gewinn des Säulirennens kommt jeweils einer gemeinnützigen Institution zugute. Manser wird die Säuli in der Arena weiterhin zur Höchstform antreiben und Sprüche klopfen. Er bleibt auch wie in den vergangenen Jahren verantwortlich für die Tiere und Stallungen an der Olma.

Christian Manser moderiert seit vielen Jahren die Olma-Säulirennen. Er wird dies auch weiterhin tun. Bild: Michael Huwiler
Christian Manser moderiert seit vielen Jahren die Olma-Säulirennen. Er wird dies auch weiterhin tun. Bild: Michael Huwiler

 

Ein weiteres Interview mit Christian Manser zum Säulirennen ist hier zu finden.

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