Bio-Suisse-Präsident Brändli: «Bio wird zur Herzensangelegenheit»

Urs Brändli ist seit 2011 Präsident von Bio Suisse, dem Dachverband der Schweizer Biobäuerinnen und Biobauern. Im Interview spricht er über sein Engagement, die Rolle der Frau in der Bio-Landwirtschaft, die Herausforderungen mit PFAS und welche Zukunft er sich für seine Enkel wünscht.

Urs Brändli, Bio-Suisse-Präsident mit Leidenschaft. Bilder: Annette Ziller
Urs Brändli, Bio-Suisse-Präsident mit Leidenschaft. Bilder: Annette Ziller

Herr Brändli, was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich so stark für die Bio-Landwirtschaft einzusetzen?

Urs Brändli: Mein Bezug zur Bio-Landwirtschaft reicht weit zurück: Ich durfte den Gibelhof in Goldingen jung übernehmen. 1989, vier Jahre nach der Übernahme, zeigte mir ein Bio-Berater auf, was nötig wäre, und 1994 wurde auf Bio umgestellt. Auch die hiesige Käserei war früh Teil dieser Entwicklung. Gemeinsam mit vier anderen Landwirten lieferten wir Milch für den ersten Bio-Tilsiter und wurden dafür ausgezeichnet. Für Bio habe ich mich entschieden, weil mich diese Form einer standortgerechten und ressourcenschonenden Landwirtschaft überzeugte. Ausserdem ist es mein Beitrag für die nachkommenden Generationen, für meine Enkelinnen und Enkel.

Bio soll wachsen – unter anderem durch Convenience-Produkte und in der Gemeinschaftsgastronomie. Welche Chancen sehen Sie hier für Einzelbetriebe?

Brändli: Convenience anzubieten ist für einzelne Betriebe eher schwierig. Dazu braucht es Kooperationen in der Lieferkette. Direktvermarkter könnten allenfalls kleinere Verpackungseinheiten in Betracht ziehen, wie Most in kleinen Flaschen statt im Grossgebinde, oder Nüsse in der 50-Gramm-Packung statt der 250-Gramm-Packung. Wenn der Detailhandel mehr Bio-Convenience-Produkte absetzt und mehr Gastrobetriebe Bio anbieten, braucht es mehr Bio-Rohprodukte, so kann der Sektor weiterwachsen.

Viele Betriebe steigen aus wirtschaftlichen Gründen auf Bio um. Ist Bio eine Philosophie oder ein Geschäftsmodell?

Brändli: Es ist eine konsequente Form nachhaltiger Landwirtschaft. In einem Graslandgebiet wie der Schweiz ist es die sinnvollste Nutzung von Grünflächen. Mittels Wiederkäuern, die auch ohne Kraftfutter gut zurechtkommen, wird Gras in Nährstoffe für den Menschen umgewandelt. Im Ackerbau und bei Spezialkulturen sind die Herausforderungen im Anbau grösser, aber die Qualität der Böden und der Schutz der Umwelt belohnt für den Aufwand.

Welche Rolle spielen Konsumentinnen und Konsumenten für den Bio-Markt?

Brändli: Eine grosse. Letztlich entscheiden sie mit ihrem Einkauf, wie Bio sich entwickelt. Je öfter und schneller sich die Regale mit Bio-Produkten leeren, umso mehr muss produziert werden. Es ist der einfachste Weg, einen persönlichen Beitrag für Natur und Umwelt zu leisten.

Welche politischen Rahmenbedingungen braucht es für weiteres Wachstum?

Brändli: Die Agrarpolitik muss die Leistungen der Bio-Landwirtschaft stärker berücksichtigen. Studien zeigen, dass die tatsächlichen Kosten konventioneller Produktion oft unterschätzt werden. Je billiger ein Produkt, desto grösser ist in der Regel die Belastung von Natur und Umwelt und auch die soziale Ungerechtigkeit. Bio belastet deutlich weniger. Daher müssen die Leistungen der Bio-Betriebe mittels Direktzahlungen und noch besseren Rahmenbedingungen honoriert werden. Dafür setzt sich Bio Suisse bei der Agrarpolitik 2030 ein.

Wie fördert Bio Suisse das Engagement von Frauen in der Landwirtschaft (das Jahr 2026 ist das Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft)?

Brändli Frauen spielen im Bio-Landbau seit Beginn eine zentrale Rolle. Denken wir an Pionierinnen wie Mina Hofstetter oder Maria Müller. Seit 2023 hat Bio Suisse ein «Zielpapier Gleichstellung», um definierte Grundsätze umzusetzen. In der Schweiz werden elf Prozent der Bio-Betriebe von Landwirtinnen geführt. «Bioaktuell» widmete die erste Ausgabe 2026 diesem Thema. Im Rahmen der Bio Agri in Moudon gab es runde Tische zum Thema Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen in der Landwirtschaft. Und die Schweizer Bergheimat, eine Mitgliedsorganisation von Bio Suisse, organisiert mehrere Hoftreffen auf Betrieben, die von Frauen geführt werden.

Urs Brändli hilft noch regelmässig seinem Sohn Leon auf dem Betrieb mit.
B: Urs Brändli hilft noch regelmässig seinem Sohn Leon auf dem Betrieb mit.

Wie garantiert Bio Suisse den Konsumenten, dass sie keine Produkte mit Ewigkeitschemikalien (PFAS) kaufen?

Brändli: Hier wissen wir vonseiten Bio Suisse leider noch sehr wenig, verfügen kaum über Daten. Klar ist, dass auch Bio-Flächen betroffen sind. Das müssen aber Altlasten sein, denn chemisch-synthetische Hilfsmittel, die oft PFAS enthalten, sind im Bio-Landbau verboten.

Was macht Bio Suisse zur Unterstützung der Produzenten bezüglich PFAS?

Brändli: Bis jetzt sind uns nur Einzelfälle bekannt. Wer plötzlich mit PFAS-haltigen Böden konfrontiert ist, sieht sich oft in der Existenz gefährdet. Vor allem, wenn erst kürzlich Investitionen getätigt wurden. Hier bieten wir betroffenen Betrieben unsere Unterstützung an.

Welche Entwicklungen machen Ihnen Hoffnung?

Brändli: Die stetige Zunahme im Bio-Anbau. Folgende Entwicklung konnte ich schon oft beobachten: Der Entscheid zur Umstellung fällt aus wirtschaftlicher Sicht (Portemonnaie). Dann folgt die Erkenntnis im Kopf (das funktioniert ja sehr gut), und am Ende wird Bio zur Herzensangelegenheit und ist nicht mehr wegzudenken.

Und Ihr Blick in die Zukunft – was wünschen Sie sich für Ihre Enkelkinder?

Brändli: Dass wir es schaffen, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Die Herausforderungen sind gross, aber wir sollten uns stärker auf das Miteinander konzentrieren, nach dem Motto: Nicht die Unterschiede bewirtschaften, sondern die Gemeinsamkeiten pflegen.

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