Landwirtschafts-EFZ wird ab 2026 neu strukturiert
Die landwirtschaftliche Ausbildung in der Schweiz wird ab 2026 grundlegend neu aufgebaut. Das EFZ Landwirtin oder Landwirt erhält gemeinsame Grundlagenjahre, neue Fachrichtungen und optionale Vertiefungen, um der Vielfalt und den Anforderungen der Branche besser gerecht zu werden.
Die Schweiz modernisiert eines ihrer ältesten Berufsfelder. Ab dem Ausbildungsstart 2026 werden junge Menschen, die das eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) als Landwirtin oder Landwirt anstreben, nicht mehr denselben Weg wie heute einschlagen: Der Lehrgang wird neu zwei gemeinsame Jahre umfassen sowie ein drittes Jahr, in dem eine Fachrichtung gewählt wird. Im Rahmen eines optionalen vierten Jahres kann eine zweite Fachrichtung belegt werden. Ziel dieser Revision ist es, besser auf die Vielfalt des Landes und die rasante Entwicklung der Landwirtschaft eingehen zu können. «Die Schweizer Landwirtschaft ist äusserst vielfältig», heisst es von der Organisation der Arbeitswelt der Berufe des Berufsfelds Landwirtschaft (OdA AgriAliForm). «Zwischen einem Landwirt im Waadtländer Mittelland, der 100 Hektaren Getreide anbaut, und einem Landwirt im Toggenburg, der zehn Kühe in einem Alpental hält, liegen Welten, auch wenn es sich um denselben Beruf handelt. So braucht es eine Ausbildung, die diese Vielfalt widerspiegelt», schreibt die Dachorganisation der landwirtschaftlichen Berufsbildung.
Die Revision, die im Frühjahr 2025 vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) verabschiedet wurde, sieht die sechs Fachrichtungen Ackerbau, Rindviehhaltung, Schweinehaltung, Geflügelhaltung, biologischer Pflanzenbau sowie Alp- und Berglandwirtschaft vor. In den ersten beiden Jahren des gemeinsamen Grundstudiums wird weiterhin eine allgemeine Ausbildung angeboten – Pflanzenbau, Tierhaltung, Mechanisierung, Grundlagen der Betriebswirtschaft, Umwelt –, bevor im dritten Jahr eine Spezialisierung folgt. Ein optionales viertes Jahr ermöglicht es, eine zweite Fachrichtung zu ergänzen. So können beispielsweise die Fachrichtungen Rindviehhaltung und Alp- und Berglandwirtschaft kombiniert werden.
«Wir wollten ein einziges landwirtschaftliches EFZ beibehalten, aber Ausbildungswege anbieten, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind», so die OdA AgriAliForm. Das neue System ermögliche mehr Auswahl und Anpassung, während gleichzeitig eine gemeinsame Grundlage an allgemeinen Kompetenzen für alle Landwirte erhalten bleibe. «Die Spezialisierung ermöglicht es dann, den eigenen Ausbildungsweg zu optimieren, unabhängig davon, ob man bereits ein konkretes Projekt hat oder dieses erst während der Ausbildung entdeckt», heisst es weiter.
Neue Kompetenzen
Über die Struktur hinaus verändert sich auch der Inhalt der Ausbildung grundlegend. Die Revision legt einen stärkeren Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit, Betriebswirtschaft, Kommunikation und digitale Technologien. Die Lernenden sollen nicht nur mit der Mähmaschine umgehen können, sondern ebenso mit Instrumenten des Daten- und Betriebsmanagements.Die Fachbewilligung für Pflanzenschutzmittel (FaBe PSM), die seit dem 1. Januar für den Kauf oder die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln unerlässlich ist, wird ebenfalls in den Lehrplan aufgenommen. «Die Ausbildung zielt nicht mehr nur darauf ab, technisches Know-how zu vermitteln, sondern junge Menschen auf die komplette Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs vorzubereiten», so die OdA AgriAliForm.
Starkes Signal
Eine der wichtigsten Neuerungen ist die neue Fachrichtung «Alp- und Berglandwirtschaft». Die Idee entstand aus einem langen Konsultationsprozess mit Workshops, an denen Schulen, Lehrmeisterinnen und Lehrmeister sowie Berufsverbände beteiligt waren. «Anfangs hatten wir eine Fachrichtung ins Auge gefasst, die sich auf kleine Wiederkäuer konzentriert», heisst es von der OdA AgriAliForm, «aber die Idee entwickelte sich hin zu einem breiteren Ansatz, der die Realität der Berggebiete insgesamt umfasst.» Zu den behandelten Themen gehören die Bewirtschaftung von Alpweiden, Produktverarbeitung, Direktvermarktung oder auch Agrotourismus – Bereiche, die für das wirtschaftliche Überleben der Berggebiete zentral sind.

Begrenztes Angebot
Nicht alle Schulen werden diese Fachrichtung anbieten können, aus Gründen der finanziellen Ressourcen und der Anzahl Lernender. «In der Westschweiz beispielsweise gehen wir davon aus, dass wahrscheinlich nur ein bis zwei Schulen die Fachrichtung anbieten werden: Es wäre nicht sinnvoll, drei Lernende an drei verschiedenen Standorten auszubilden», stellt die Dachorganisation der landwirtschaftlichen Berufsbildung fest. Das Schweizer Bildungssystem bietet jedoch eine grosse Durchlässigkeit: Auszubildende können ihr drittes Lehrjahr bei Bedarf in einem anderen Kanton absolvieren.
Die neue Fachrichtung hat auch eine hohe symbolische Bedeutung, da sie einen Bereich stärkt, der oft als fragil gilt. Diese Anerkennung löst jedoch nicht die Schwierigkeiten der Alp- und Berglandwirtschaft wie geringere Einkommen, härtere Bedingungen oder Anpassung an den Klimawandel. «Die Klimaerwärmung verschärft die Probleme in den Alpen. Sie wirkt sich auf Wasserverfügbarkeit, Vegetation und Sömmerungszeit aus», so die OdA AgriAliForm. Diese Veränderungen erfordern eine ständige Anpassung, sowohl in technischer als auch in sozialer Hinsicht. Auch die Perspektiven am Arbeitsmarkt verändern sich. Alpgenossenschaften suchen Pächter oder Mitarbeitende für die Sommersaison, während einige Familienbetriebe Schwierigkeiten haben, eine Nachfolge zu finden. «Für junge Menschen ohne Familienbetrieb kann dieser Weg Perspektiven für eine Anstellung oder die Übernahme eines Betriebs eröffnen.»
Eine moderne Bergwelt
Die Alpwirtschaft hat jedoch nichts mit der romantisierten Welt von Heidi zu tun. «Das Ziel dieser neu angebotenen Fachrichtung ist es nicht, eine Bergfolklore wiederzubeleben, sondern eine Weiterentwicklung des Berufs widerzuspiegeln», heisst es von der OdA AgriAliForm. «Es ist kein Schritt zurück, sondern eine Anpassung an die heutigen Realitäten in den Bergen, die durch Arbeitskräftemangel, Klimabedingungen, den zunehmenden Druck durch Grossraubtiere und das allmähliche Aufkommen neuer Technologien gekennzeichnet sind», heisst es weiter.
