Autismus: Wenn Smalltalk zur Hürde wird

Beim Bäuerinnenkino 2026 geht es um Autismus. Zum einen beim gewählten Film, zum anderen beim Referat, das Kathrin Fasnacht halten wird. Der Autistin aus Wolfertswil ist es wichtig, andere über die speziellen Bedürfnisse von Autisten zu informieren.

Erst vor 15 Jahren wurde bei Kathrin Fasnacht Autismus diagnostiziert.
Erst vor 15 Jahren wurde bei Kathrin Fasnacht Autismus diagnostiziert.

Kathrin Fasnacht war 55 Jahre alt, als bei ihr Autismus diagnostiziert wurde. Bis dahin führte sie ein an sich normales Leben. Dass sie vor der einen oder anderen Hürde kapitulieren musste, dass sie sich mit Smalltalk schwertat – das gehörte zum Leben dazu. Erst im Nachhinein erkannte die heute 70-Jährige, dass manche Erfahrungen und Ereignisse direkt mit Autismus in Zusammenhang standen.

Als ersten Beruf lernte die junge Kathrin Textillaborantin, absolvierte aber bald schon die Zweitwegmatura und begann ein Studium in Physik und Mathematik an der ETH in Zürich. Mit dem Stoff hatte sie keine Probleme, aber sie «stand bei gewissen Dingen an», wie sie heute in ihrem Zuhause in Wolfertswil erzählt. «Ich hätte mehr Ruhe gebraucht, mehr Raum für mich. Die hektischen Prüfungen, die Bewerbungen, das ganze Drumherum wurden mir zu viel und ich musste das Studium abbrechen.»

Nach dem Abbruch des Studiums begann sie in einer kleinen Lebensversicherung in Basel zu arbeiten und wurde Mitglied des Kaders. Nach der Heirat und einer kurzen Familienauszeit begann sie in St. Gallen bei einer grossen Versicherung tätig zu sein. Dort bildete sie sich zur eidgenössischen Buchhalterin weiter.

Kathrin Fasnacht hat eine Tochter. Zu dieser Tochter – die als Ärztin in Wil arbeitet – verbindet sie nebst anderem die Liebe zu Pferden und die Buchhaltung, die sie für die Praxis führt.

Eingeschränktes Körpergefühl

«Als Kind bekam ich viel Sozialkompetenz von meiner Mutter mit. Sie beharrte zum Beispiel darauf, dass ich mit anderen Menschen Blickkontakt halte.» Etwas, das nicht alle Autisten können. Kathrin Fasnacht ist als hochfunktionale Autistin diagnostiziert. Auf den ersten Blick erkennt niemand, dass sie «anders» ist. Diese Andersartigkeit äussert sich in verschiedensten Situationen, wie sie erklärt. «Mein Körper zeigt mir beispielsweise nur einen Schmerz. Nach einer Rückeninfiltration, die meine Rückenschmerzen ‚beendete‘, bemerkte ich sofort meine Knieschmerzen, die sich hinter den Rückenschmerzen ‚versteckt‘ hatten.» Auch ganz allgemein sei ihr Körpergefühl «nicht ganz da», wie sie sagt. «Ich fühle keinen Hunger oder Durst, merke kaum, ob ich kalt oder warm habe. Nach solchen Empfindungen muss ich meinen Körper ganz gezielt fragen.»

Fotos in ihrer Küche erinnern Kathrin Fasnacht an Ferien in Afrika.
Fotos in ihrer Küche erinnern Kathrin Fasnacht an Ferien in Afrika.

Smalltalk kaum möglich

Beim Smalltalk ergeht es Kathrin Fasnacht wie zahlreichen anderen Autisten: Sie kann lockeren Gesprächen in kleiner Runde kaum folgen. «Wenn das Gespräch rasch von einem Thema zum nächsten wechselt, ohne klaren Zusammenhang, dann braucht mein Gehirn jeweils einige Zeit, um diese Zusammenhänge zu erkennen.» Als Beispiel nennt sie ein Gespräch über eine schlechte Apfelernte. «Wenn dann jemand plötzlich von Fellenberg spricht und dazu noch eine Meinung äussert, haben Autisten Mühe, diesen Kontext herzustellen. Bis dies geschehen ist, ist das Gespräch schon längst weiter.» Als Autistin fokussiert sie stark auf eine Sache, eine Aufgabe. So beantwortet sie zwar eine Mailanfrage detailliert, denkt aber nicht daran, nach der Befindlichkeit der anderen Person zu fragen. «Auch beim Telefonieren erleben es meine Gesprächspartner, dass ich zwar auf Fragen antworte, aber nicht zurückfrage.» Das habe nichts mit schlechten Manieren zu tun, es komme ihr einfach nicht in den Sinn; der Kontext sei nur auf die Beantwortung von Fragen angelegt. «Autisten sind sehr direkt, haben auch kein Taktgefühl. Aber mein persönliches Umfeld kennt mich und weiss das», sagt Kathrin Fasnacht.

Vorfreude aufs Bäuerinnenkino

Trotz alldem hat sich Kathrin Fasnacht bereit erklärt, beim diesjährigen Bäuerinnenkino ein Referat zu halten. Angefragt wurde sie via Fachstelle Autismus Ost. Spontan sagte sie zu, denn schon früher hielt sie Vorträge vor Publikum. «Zudem bin ich Mitglied der Bäuerinnen Degersheim.» Nach dem Kinofilm wird sie gerne Fragen beantworten, denn es ist ihr wichtig, über die speziellen Wünsche und Bedürfnisse autistischer Menschen zu informieren. «Autisten wünschen sich Geduld. Sie schätzen keinen Smalltalk und brauchen klare inhaltliche Zusammenhänge. Ironie und Sarkasmus verstehen sie nicht. Wichtig ist auch eine Routine. Wer mit einer autistischen Person jede Woche zum Kaffee und anschliessend zum Einkaufen geht, sollte diese Reihenfolge nie umstellen.» Wer sich mit einer Autistin, einem Autisten verabrede, solle nicht mehrere Vorschläge fürs Treffen machen, sondern zuerst nur einen einzigen. Und weil sich Autisten ja kaum von sich aus nach der Befindlichkeit des Gegenübers erkundigen, solle man direkt fragen, ob jemand mehr Kontakt wünsche oder mehr Ausflüge machen wolle.

Kathrin Fasnacht bereitet sich gründlich auf ihr Referat beim Bäuerinnenkino vor.
Kathrin Fasnacht bereitet sich gründlich auf ihr Referat beim Bäuerinnenkino vor.

Probleme bereitet häufig auch die sogenannte Kontextblindheit, sagt Kathrin Fasnacht und erzählt vom Erlebnis eines Bekannten. «Er lebte im betreuten Wohnen und wurde zum Einkaufen geschickt. Man erklärte ihm den Weg bis zum Geschäft, erwähnte aber nicht ausdrücklich, dass er danach über den Parkplatz gehen sollte. Da diese Information fehlte, blieb er am Ende des Gehwegs stehen und ging nicht weiter. Er konnte die Situation nicht ableiten, obwohl der Laden vor ihm lag.»

Ihren Alltag im alten Bauernhaus am Ortsrand von Wolfertswil meistert Kathrin Fasnacht, deren Mann vor 23 Jahren verstorben ist, gut allein. Sie geniesst die Gesellschaft ihrer Boxerhündin Taija, strickt auf der Maschine und liebt das Kunsthandwerk Glasfusing. Im Stall stehen die Pferde Zoé und deren Tochter Ziva, um die sie sich gemeinsam mit ihrer Tochter kümmert. Auch das funktioniere bestens. «Wenn dann aber plötzlich beim Stallreinigen etwas anders ist, als ich es gewohnt bin, muss ich gut überlegen, was ich nun genau tun muss», nennt Kathrin Fasnacht eine weitere Herausforderung im Alltag.

Über Autismus informieren

Dass möglichst viele Menschen mehr über Autismus erfahren, ist auch Brigitte Ackermann wichtig. Sie ist die Organisatorin des Bäuerinnenkinos und hat das Thema gewählt. «Bei meiner Tochter im Kindergarten wurde ein Bub mit Autismus diagnostiziert. Er schrie jeweils lauthals, wenn die anderen Kinder laut spielten. Ich riet meiner Tochter daraufhin, sie solle sich, ohne zu sprechen, ruhig neben ihn setzen.» Dieses Erlebnis bestärkte sie in der Wahl des diesjährigen Themas und sie freut sich auf das Referat. Das von Brigitte Ackermann beschriebene Erlebnis ist für Kathrin Fasnacht ebenfalls wichtig; denn auch das gehört für sie zur Aufklärung über autistische Menschen. «Jungen und Mädchen zeigen völlig andere Reaktionen. Während Mädchen still und für sich sind, werden Buben laut und schreien.»

Wer dieses Jahr zum Bäuerinnenkino kommt, erfährt viel über das Thema Autismus. Bild: zVg.
Wer dieses Jahr zum Bäuerinnenkino kommt, erfährt viel über das Thema Autismus. Bild: zVg.

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