Alte Säge Freienbach: Zurück in die Zeit der Wasserkraft
Die Säge Freienbach bei Oberriet ist weit und breit die letzte, die noch mit Wasserkraft betrieben wird. Die stolzen Besitzer, Felix Kühnis und seine Familie, sorgen dafür, dass das Kulturgut nicht in Vergessenheit gerät.

In einer Oktobernacht vor genau einem Jahrhundert fiel die Sägerei im kleinen Weiler Freienbach bei Oberriet den Flammen zum Opfer. Der dichte Nebel und die Dunkelheit hüllten den Ort ein, sodass die Bewohner nichts von der Feuersbrunst mitbekamen und die Dorfsäge nicht mehr zu retten war. Es kursierten viele Vermutungen um die Ursache des Brandes. Man erzählte sich, eine Maus habe an einem Schwefelholz geraspelt und so das Feuer entzündet. Ein weiteres Geheimnis umgab den damaligen Säger, der sein Werkzeug noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, so, als hätte er das Unheil vorausgesehen. Doch eine Schuld konnte man ihm nicht nachweisen, sodass er nach dreiwöchiger Untersuchungshaft wieder freigelassen wurde. Kaum war die letzte Glut erloschen, wurde die Dorfsäge wieder aufgebaut und ihre Geschichte, die bereits im Jahr 1836 begann, schrieb weitere Kapitel. Damals wurde die örtliche Sägerei von der Sägegenossenschaft Freienbach betrieben. Von 1891 bis 1897 war der Grossvater des heutigen Besitzers, Felix Kühnis, der letzte Säger, bevor die Genossenschaft die Sägerei an Gottlieb Stieger verkaufte. Dieser gab sie in den frühen 1930er-Jahren an seinen Schwiegersohn Karl Zäch weiter, der sie bis Anfang der 1970er-Jahre in Betrieb hatte. Dann stand das Wasserrad mit seinen 35 Schaufeln vorerst still.
Zu neuem Leben erweckt
Doch das war nicht das Ende der Geschichte der Säge Freienbach. Felix Kühnis, Inhaber einer Holzbaufirma, sorgte dafür, dass es weiter ging, indem er sie im Jahr 1978 kaufte und stolzer Sägereibesitzer wurde. «Ich bin nicht Säger. Meine Idee war nicht, zu sägen. Weil es in meiner Zimmerei in Kobelwald zu wenig Platz hatte, wollte ich das Gebäude als Holzlager nutzen», erzählt der 81-jährige Sägereibesitzer. Doch dann wurde die historische Sägemühle für den ehemaligen Zimmereiinhaber zur Herzensangelegenheit. Mit grossem Engagement und Liebe zum Detail gelang es ihm, die historische Säge wieder instand zu setzen. So ist das mit Wasserkraft angetriebene Sägewerk im Jahr 2012 aus seinem Dornröschenschlaf zu neuem Leben erwacht. Heute stellt die Säge ein bedeutsames Kulturerbe dar und ist weit und breit die letzte, die noch mit Wasserkraft betrieben wird.
Mechanisches Meisterwerk
Was für eine erwartungsvolle Spannung herrschte, bevor sich der Mechanismus der alten Säge nach fast einem halben Jahrhundert zum ersten Mal wieder in Bewegung setzte? Viele Stunden haben Felix Kühnis, sein Bruder Martin und sein Kollege Oswald Haltiner in das Kleinod aus vergangenen Zeiten investiert. Dabei waren die drei «Hölzigen» weitgehend auf sich selber gestellt, denn die Zeitzeugen, die sich mit der Mechanik ausgekannt hätten, waren alle bereits gestorben. So war es ein historischer Moment, als das fünf Meter grosse Wasserrad mit seinen 35 Schaufeln das Kammrad in Betrieb setzte und der Mechanismus der 20 Transmissionsräder, angetrieben durch 62 Meter Triebriemen, in Gang kam. Kurz darauf bewegte sich das Sägeblatt auf und ab und begann sich langsam durch den dicken Baumstamm zu fressen. Nach etwa fünf Minuten ist das Brett fertig gesägt. «Für die heutige Generation ist es kaum mehr vorstellbar, wie früher ohne Elektrizität oder fossile Brennstoffe Energie erzeugt wurde. Das waren damals Top-Ingenieure, die solche mechanischen Meisterwerke konstruierten», schwärmt Felix Kühnis. Früher, als in der Werkstatt noch ohne Motor gearbeitet wurde, seien an der Mechanik auch eine Hobelmaschine, eine Fräse und ein Schleifstein angeschlossen gewesen.

Auf Wasser angewiesen
Der Bach, der die alte Säge im Weiler Freienbach antreibt, wurde vor 200 bis 300 Jahren künstlich angelegt. Dafür wurde Wasser vom Forstseeli beim Montlinger Schwamm in ein neues Bachbett abgeleitet. «Damals waren am Freienbacher Bach zehn Wasserräder angeschlossen, die acht Mühlen und zwei Sägen angetrieben haben. Die Rechte, Wasser vom Bach abzuzweigen, waren früher genau geregelt. Aus einem Schriftstück geht hervor, dass Gottlieb Stieger für die Wasserkraftnutzung im Jahr 1920 einen Franken pro «Pferdestärke» zahlen musste, total Fr. 2.50 im Jahr», weiss der Besitzer der historischen Säge. Allerdings, wenn kein Wasser fliesst, schnurrt auch keine Säge und in der motorlosen Werkstatt bleibt es still. Wenn der Freienbacher Bach zu wenig Wasser abgab, mussten die Säger und Müller eine Zwangspause einlegen. Dies geschah nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch an den Tagen, an denen Felix Kühnis seine Haussägerei der Öffentlichkeit zugänglich macht. Dann werden unter seinem geschickten Handgriffen aus einem dicken Baumstamm fertige Bretter, solange der Bach kurzfristig streikt und der alten Säge eine Ruhepause gönnt.
Inzwischen ist nicht nur der fünffache Vater und zehnfache Grossvater fasziniert von der stromlosen Vergangenheit und seiner 100-jährigen Oma, wie sie die Säge liebevoll nennen, sondern seine ganze Familie. So erzählen seine Nachkommen der Generation des Digitalzeitalters mit fast gleichem Herzblut allerlei historische Geschichten und Wissenswertes aus der stromlosen Vergangenheit.

