Alp Flimserstein: Das Vieh mit Leidenschaft betreuen
Auf 650 Hektaren Alpweide grasen über 170 Kühe und 130 Kälber auf der Bündner Alp Flimserstein. Vier junge Männer sorgen mit Herzblut dafür, dass diese Tiere den Alpsommer geniessen können. Ein Besuch.

Hurtig und aufmerksam schreiten sie über die grasgrünen Weiden. Gut 20-jährig sind die Frau und die drei Männer. Es ist Vormittag. Auf dem Flimserstein ist der tägliche Kontrollgang für die dort gealpten 130 Kälber angesagt. Kurze Sätze ruft man einander zu oder gibt ein Handzeichen. Die Tiere müssen genau gezählt werden, um Gewissheit zu haben, dass alle anwesend sind. Mindestens so wichtig wie das Zählen ist aber die Beobachtung der Tiergesundheit. Trotten die Tiere ohne sichtbare Beeinträchtigung über die Weide? Sind ihre Augen ruhig und trocken? Ist das Haarkleid gewohnt glatt und geht der Atem normal? «Ja, für diese Beobachtung muss man genügend Zeit einplanen. Ein früh bemerktes Tierleiden verkürzt die Genesungszeit entscheidend und verhindert eine mögliche Ausbreitung einer Krankheit auf andere Tiere», erklärt Severin Strassmann. Er ist der bestimmende Senn auf der Alp Flimserstein. Da und dort werden die gesundheitsfördernden Futtermittel Salz und Mineralstoffe für die Rinder auf Steinflächen verteilt. So sammeln sich die Kälber und erleichtern für das Alppersonal das Verabreichen eines Medikaments. Vor zwei Wochen traten bei vereinzelten Kälbern die ersten Lungenprobleme auf. Schon bald war eine Kuh ebenfalls davon betroffen und rasches Handeln war angesagt. «Jetzt hat sich das Problem wieder gelegt und die Herde ist gesundheitlich stabil.» Das Kontrollteam begibt sich nun zum Hauptstall. Schnell vereinzelte Gebrauchsgegenstände auf den Geländetransporter laden und los geht es zur oberen Alphütte. Jetzt steht das verdiente Mittagessen auf dem Programm.

Abteilungsplan für Kühe
Die der Gemeinde Flims gehörende Alp beginnt auf 2000 Metern über Meer und steigt mit sanfter Neigung gut 500 Meter an. Der Flimserstein ist ein gigantischer, viereckiger Klotz. Rundherum endet die Weide mit steilen Felswänden. Dort ist kein Zaun vorhanden. Den Tieren wird zugetraut, dass sie selbst merken, wo Absturzgefahr droht. Die Alp ist aber in 18 Weideflächen unterteilt. An diesem Morgen sind die zu melkenden Kühe auf das oberste beweidete Abteil getrieben worden. Voller Eifer und Fresslust haben die Tiere diese Weidefläche erkundet und flugs sind sie zuoberst angelangt. Den Sennen steht somit ein längerer Marsch bevor, wenn die Kühe zum Melken wieder zum Melkstand getrieben werden. Damit deren Milchleistung beständig bleibt, werden die Weideabteile fleissig gewechselt. «Es passt uns, wenn die Kühe geholt werden müssen. Damit zeigen sie Freude am Alpengras und verweilen nach dem Melken nicht lange beim Melkstand», erläutern die Sennen. Zehn Tiere könnten dort gleichzeitig gemolken werden. Die Milch gelangt in eine Kühlwanne und wird später per Pipeline zur unteren Alphütte und zur Bahnstation geleitet. Von dort wird sie mit der neuen Seilbahn in die Milchsammelstelle im Dorf Fidaz transportiert. Heuer mussten schon nach zwei Wochen Alpzeit 40 Tiere galt gestellt werden. «Das ist eigentlich schade, wenn man bedenkt, wie milchfördernd auf dieser herrlichen Alp das Gras ist», lachen die Sennen. Die Galtkühe werden jeweils zum Nachputzen der noch nicht fertig beweideten Abteile benutzt, geniessen aber auch die obersten Weideabteile mit dem saftigen Alpengras. «Unkraut wächst hier oben zum Glück kaum.»
Tagwache um 2.15 Uhr
Fünf Tage haben sich die Sennen auf der Alp vorbereitet, bis am 16. Juni die erste Tranche Kühe eintraf. Der Rest folgte am nächsten Tag und die Kälber zehn Tage später. 17 Milchbauern geniessen das Privileg, ihre Tiere auf dem Flimserstein sömmern zu lassen. Die ersten drei Alpwochen sind die Kühe für den Melkvorgang im Stall anzubinden. Dort ist noch kein Melkstand vorhanden. Dafür benötigt das Alppersonal genug Zeit und beginnt somit um 2.15 Uhr das Tagwerk mit dem Holen der Kühe. Rund anderthalb Stunden später kann das Melken beginnen. Um 5.45 Uhr ist diese Arbeit normalerweise beendet und die Tiere begeben sich wieder auf die Weide. Nach dem ersten Abspritzen des Stalls und der Vorplatzreinigung wird um 6.30 Uhr das Frühstück eingenommen. Stall spülen, Zaunkontrolle und eventuell den Klauenstand benutzen steht danach auf dem Programm. Für zu behandelnde Tiere steht bei beiden Alphütten eine grosszügige «Krankenweide» zur Verfügung. Der Kontrollgang zu den Kälbern folgt als Nächstes, bevor dann um 10.30 Uhr das Mittagessen bereitsteht. «Beim Kochen helfen wir einander und für das Abwaschen des Geschirrs habe ich einen Geschirrspüler mitgenommen», sagt Severin Strassmann schmunzelnd. Er und sein Kamerad Severin Inauen waren schon im vergangenen Jahr Sennen auf dem Flimserstein und haben daraus Konsequenzen gezogen. Um 11 Uhr legt sich das Alppersonal für drei Stunden hin, bevor um 14 Uhr wieder die Kühe geholt werden. «Viele Arbeiten geschehen heuer effizienter als noch im vergangenen Jahr. Da zahlt sich Erfahrung schon aus», stellen die beiden Severins fest.

Melkstand statt Stallung
Nach den ersten drei Wochen Alpzeit wurde auf das Obersäss gezügelt. An einem Tag mit dem Vieh, am anderen mit dem Hausrat. Jetzt liegt auch eine Stunde mehr Schlaf drin, da die Kühe nicht mehr gestallt werden müssen. Im Melkstand wird anhand einer Liste kontrolliert, ob auch alle Tiere anwesend sind. Im Rhythmus von zwei Wochen wird die Milch der Kühe gewogen. «Auch beim unteren Stall ist das Einrichten eines Melkstands geplant, was eine Arbeitserleichterung für das Alppersonal bedeutet», erläutert Severin Strassmann. Sein Schwester Nadja und die Kollegen Daniel und Ben sind momentan ebenfalls als Hilfe auf dem Flimserstein. Solche Besuche bereiten den vier Älplern Freude, bieten Abwechslung und die Arbeiten können effizienter vollbracht werden. Einmal pro Woche steht Einkaufen im Dorf auf dem Plan, an jedem zweiten Tag wird die Waschmaschine in Gang gesetzt. Der heuer neu gebaute Stall für 30 Hühner mit einem Hahn hat sich bewährt und die nicht benötigten Eier können an Wanderleute verkauft werden. «Auch den vier Mastschweinen geht es fast zu gut», wird lachend berichtet.

Guter Sommer
Markus, Josua und die beiden Severins sind zufrieden mit dem Alpsommer. Das Verhältnis untereinander harmoniert, das Wetter ist gut und mit den Tieren gab es nebst einem Beinbruch keine grösseren Probleme. Die arbeitsreichsten Wochen sind geschafft und es kommt oft Besuch auf den Flimserstein. «Ja, manchmal bekommen wir wenig Schlaf. Aber die Gemütlichkeit hebt diesen Mangel wieder auf. Severin Inauen erwähnt, dass hier die Gemeinde Flims für das Wasser, die Strassen und den Strom zuständig sei, was gut klappe. Die Zeit vergeht schnell und die erste Hälfte des Alpsommers ist schon vorbei. Am 19. September findet die Alpabfahrt vom Flimserstein statt. Zahlreiche Treicheln und aufwendig hergestellter Schmuck aus Naturmaterialien werden dann die Alptiere schmücken. Einerseits freuen sich die Älpler auf diesen Festtag, andererseits sind sie mit so viel Freude an ihrer Arbeit, dass es ihnen keinen Moment langweilig wird.

UNO-Jahr der Weiden und Hirten
Die UNO hat 2026 zum Internationalen Jahr der Weiden und Hirten erklärt. Im Fokus stehen die Menschen, die mit ihren Tieren Grasland bewirtschaften und damit Landschaften prägen, die weltweit rund drei Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche ausmachen. Auch in der Schweiz ist die Weidewirtschaft von zentraler Bedeutung: Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche besteht aus Wiesen und Weiden, dazu kommen die ausgedehnten Alpweiden des Sömmerungsgebiets. Seit 2023 gehört die Schweizer Alpsaison zum immateriellen Kulturerbe der Unesco.
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