«Alleine hätten wir das in dieser Zeit nie geschafft»
Zupacken, beziehungsweise Hilfe anfordern im Berggebiet, das ist über die Plattform bergversetzer möglich. Auch im Kanton St. Gallen finden Einsätze statt. So auf dem Betrieb von Andy und Susan Raimann aus Goldingen.

Meter an Meter Stacheldraht säumen die Weiden von Andy und Susan Raimann aus Goldingen. Seit längerem schon ersetzt das Betriebsleiterpaar jährlich einen Teil davon durch Elektrozäune. Doch noch ist kein Ende in Sicht. Gut gibt es die Bergversetzer. Denn diese sind zurzeit auf dem Betrieb der Raimanns am Werk. Beim Näherkommen ist Motorsägenlärm auszumachen, in ruhigeren Momenten gar Stimmen zu erkennen. «Ich brauche die Beisszange. Wo ist die Beisszange?», fragt ein Jugendlicher. Ein anderer sucht eine Drahtschere. Am Ort des Geschehens angekommen, wird auch für Dritte ersichtlich, was hier abgeht. Kaum erscheint eine Drahtschere, wird im Handumdrehen der Draht durchtrennt. Weitere Helfer rollen ihn ein, werfen ihn anschliessend auf die Wagenbrücke für den Abtransport. Es ist die erste Klasse des Kurzzeitgymnasiums der Freien Evangelischen Schule Zürich, die hier wirkt. Die Schüler befinden sich in einer Sozialwoche. Sie werden während dieser Zeit auf verschiedenen Betrieben mitanpacken.
Organisiert wurde das Ganze durch die Plattform Bergversetzer. Rita Kammermann arbeitet bei dieser Organisation und erklärt: «Wir sind eine Plattform, die einsatzwillige Personen und Unterstützungssuchende Betriebe und Organisationen aus dem Berggebiet miteinander vermittelt». Alleine 2022 seien bisher 160 Einsätze vermittelt worden. Was 7013 Arbeitstagen in der Deutschschweiz und 1500 Arbeitstagen in der Romandie entspricht. Gemäss Rita Kammermann sind acht Einsätze davon im Kanton St. Gallen geleistet worden. Das Vorgehen sieht immer ähnlich aus. Betriebe, Gemeinden, Korporationen und Weitere, die Hilfe beanspruchen, geben der Plattform bekannt, was ansteht und wie viele Hilfskräfte gebraucht werden. Einzige Voraussetzung, der Einsatz muss sich zwingend, wie der Name der Plattform erklärt, im Berggebiet befinden. Gleichzeitig melden sich ebenfalls bei der Plattform Menschen, die gerne Hilfe anbieten. Das können, wie im Fall Raimann, Schulklassen sein. Es gibt aber auch Vereine, Firmen, religiöse Gruppen und Einzelpersonen, die sich für Einätze bewerben.

Gratis vermittelt
Finden sich Hilfeleistende und Hilfesuchende, wird von der Plattform ein Einsatzprotokoll erstellt. Darauf ist alles Rechtlich geregelt. So die Unfallversicherung, aber auch wo übernachtet wird und wer was finanziert. Gemäss Kammermann bezahlen die Arbeitseinsatzleistenden im Normalfall die Anreise und die Unterkunft. Das Mittagessen und die Getränke übernimmt der Nutzniesser. Auch ist der Nutzniesser für den Ablauf der Arbeitseinsätze verantwortlich. Die Vermittlung von Bergversetzer erfolgt gratis. Die Plattform ist ein Gemeinschaftsprojekt der Schweizer Berghilfe und Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB). Wichtig: Sämtliche Arbeitseinsätze werden immer unentgeltlich geleistet.
Bei Andy und Susan Raimann fand ebenfalls dieses Vorgehen statt. «Ich hatte eigentlich mit zwei Personen gerechnet. Als sich dann eine ganze Schulklasse meldete, nahm ich die Hilfe gerne an», erzählt der Landwirt. Wobei diese Schulklasse etwas kleiner ausfällt als im Regelfall. Das Kurzzeitgymnasium der Freien Evangelischen Schule besteht derzeit aus acht Schülern. Was gemäss dem anwesenden Lehrer daran liege, dass dieses Angebot erst neu lanciert wurde.

Kritisch hinterfragt
Nichts destotrotz werden die Schüler bis am Abend einiges geleistet haben. Das Ziel ist, weitere 600 Meter Stacheldraht, von Dornen und Stauden umwuchert, zurückzubauen. Die damaligen Zaunerrichter leisteten ganze Arbeit. Führten den Stacheldraht oft dreifach. Somit ergeben sich insgesamt an die 1,8 Kilometer Draht, die von den Jugendlichen entfernt werden müssen. Die Schüler werden langsam müde. «Wir sind heute den zweiten Tag im Einsatz», bedenkt eine Schülerin und merkt an: «Schule haben ist eindeutig einfacher». Ein Schüler hinterfragt den Einsatz gänzlich. Er ärgert sich, dass zum Stromsparen aufgerufen wurde, er nun kalt duschen soll und die Landwirte gleichzeitig dazu aufgefordert werden, auf mechanische Zäune zu verzichten und Elektrozäune zu errichten. Relativierende Argumente folgen, ebenso das Erklären der neu geschaffenen gesetzlichen Grundlage durch die Anpassung des Jagdgesetzes, die den Einsatz von festen Zäunen regelt.
Doch wo ist nun diese verflixte Beisszange? Ratlose Blicke schweifen über das Gelände. Die Beisszange ist offensichtlich beim Agraffen entfernen verloren gegangen. Eine Suchaktion wird gestartet. Wobei immer offensichtlicher wird, dass bei einigen Schülern die Energie verpufft ist. Ein einziger Schüler sputet zurück und sucht die Strecke nochmals ab. Zum Glück ist das Arbeitspensum des heutigen Tages fast erreicht.

Berge versetzt
«Das Ziel von solchen Einsätzen ist, dass jeder nach seinen Möglichkeiten mithilft», erklärt Rita Kammermann. Handwerkliches Geschick sei sicher eine passende Eigenschaft aber nicht vorausgesetzt. «Viel wichtiger ist, dass die Helfer motiviert
sind und offen, Neues zu lernen und manchmal auch über sich hinauszuwachsen». Eine Eigenschaft, die offenbar auf die Schüler der Freien Evangelischen Gemeinde zutrifft. Das beweisen die vielen Stacheldrahtrollen, die sich mittlerweile auf dem Hofplatz der Raimanns türmen. Sie seien sehr froh über die Vermittlung durch die Bergversetzer, betonen Susan und Andy Raimann einvernehmlich. «Alleine hätten wir das in dieser Zeit nie geschafft».
