Papa Moll(-Zeichner) geht mit der Zeit

«Papa Moll und das alte Hotel» ist letztes Jahr als Band 37 im Globi Verlag herausgekommen. Illustriert hat das Buch Raphael Bräsecke aus Wil. Zum ersten Mal. Band 38 ist in Arbeit und wird dieses Jahr erscheinen. «Tobias» verrät, wie er etwas Eigenes in die Bilder schmuggelt.

Handzeichnungen und Prozesse am Computer gehören zur Arbeit des Illustrators.
Handzeichnungen und Prozesse am Computer gehören zur Arbeit des Illustrators.

Papa Moll, Mama Moll und die Kinder Willy, Fritz und Evi haben sich etwas gewandelt. Selbst der Dackel Tschips. 1952 sind die ersten Geschichten von der Schöpferin Edith Jonas erschienen. Nach ihr haben verschiedene Illustratoren immer neue Geschichten erfunden und gezeichnet. Seit letztem Jahr ist es Raphael Bräsecke, der in Wil die «Illustrationsagentur» führt. Er wurde vom Verlag angefragt. Im Verlauf der Jahre haben sich die Figuren entwickelt, ihr je typischer Charakter ist jedoch erhalten geblieben. Die Geschichten gehen mit der Zeit, ebenso die Figuren. Papa Moll ist ein bisschen schlanker geworden, aber doch etwas fülliger, als ihn der Wiler Illustrator das erste Mal probehalber gezeichnet hatte; Mama Moll ist sportlicher und überall anpackend und die Kinder wirken, im Vergleich zu den ersten Büchern, grösser, werden jedoch das Haus nie verlassen. «Papa Moll ist zudem nicht mehr so tollpatschig. Es passiert aber doch die eine oder andere Panne und viele Slapsticks. Das ist Programm», weiss Raphael Bräsecke unterdessen. Gewisse Auflagen vom Verlag muss er erfüllen, weil Papa Moll eine Marke ist. Zwischen dem Illustrator, der Verlegerin Gisela Klinkenberg und dem Verseschmied Jürg Lendenmann gibt es vor und während des Entstehungsvorgangs einen regen Austausch.

Mit Bleistift skizzierte Geschichten für das diesjährige Buch zum Thema Unwetter.
Mit Bleistift skizzierte Geschichten für das diesjährige Buch zum Thema Unwetter.

Tobias ist der Zeichner

Seit drei Generationen liegen die Papa-Moll-Bücher in den Kinderzimmern. In den Bibliotheken sind teilweise mehrere Exemplare des gleichen Bandes im Bestand. Papa Moll ist eine sympathische Figur. Aktuell haucht ihm und seiner Familie Raphael Bräsecke Leben ein. «Papa Moll ist zu mir gekommen. Ich habe vom Globi Verlag eine Anfrage erhalten, durfte zwei Wochen darüber nachdenken und habe dann Ja gesagt. Solch eine Chance kommt nur einmal im Leben, auch wenn so ein Werk viel Arbeit bedeutet», ist Tobias überzeugt. Unter diesem Namen illustriert der gebürtige Deutsche seit seiner Jugendzeit, als sein erster Comic erschien. Mit dem Zeichenstift in der Hand ist er durch die Schule gegangen. Seine Schulhefte füllte er jeweils von hinten mit Zeichnungen. «Ich konnte meine Hände nicht stillhalten und kann es auch heute noch nicht», verrät er. Auf Hände schaut er überhaupt überall, wo er ist. «Wissen Sie, was ein Fussballer mit seinen Händen macht, während er Fussball spielt?», fragt er. Wer hinschaue, merke, dass jeder etwas anderes mache. Beobachten gehört zu seiner Arbeit. «Ich kann gar nicht anders.» Während seiner Ausbildung zum Grafikdesigner gehörte das Beobachten an öffentlichen Orten sogar dazu.

Raphael Bräsecke alias Tobias zeichnet für Papa Moll Band 38.
Raphael Bräsecke alias Tobias zeichnet für Papa Moll Band 38.

Alleskönner Papa Moll

Tobias erfindet die Geschichten von Papa Moll gemeinsam mit der Verlegerin. Ideen finden fällt ihm leicht. «Mein Kopf ist voll damit.» Nachdem er Probeskizzen eingereicht und Korrekturen vorgenommen hatte, bekam er den Auftrag. «Das Thema Hotel war für mich ein guter Einstieg, um mich mit den Figuren vertraut zu machen», erzählt er. Er wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Papa Moll unterhalten soll, die Geschichten lustig und niemand lächerlich gemacht werden oder gar zu dummen Ideen angestachelt werden sollte. Sie sollen weder belehrend noch erzieherisch wirken.

«Papa Moll ist ein Alleskönner, einen bestimmten Beruf hat er nicht und Mama Moll ist in den letzten Jahren bereits moderner geworden, trägt Hosen, so wie Tochter Evi auch, die früher oft ein Röckchen trug», zählt der neue Illustrator einige Veränderungen auf, die er mit übernehmen musste. In seinem ersten Buch kennt sich Evi bereits mit dem Computer aus. 30 einzelne Geschichten auf je zwei gegenüberliegenden Seiten gibt es traditionsgemäss zum jeweiligen Buchthema. Sieben bis neun Bilder muss der Fachmann illustrieren. «Zuerst notiere ich in Stichwörtern die einzelnen Geschichten. Alles, was mir dabei in den Sinn kommt, und alles, was dabei passieren könnte. Es muss ausgewogen sein und deshalb verwerfe ich Gedanken auch und es kommen neue hinzu. Den Ablauf sende ich dann an die Verlegerin, die mir eine Rückmeldung gibt. Möglicherweise gab es eine Idee schon in einem anderen Buch oder es tauchen neue Ideen auf», beschreibt Raphael Bräsecke den Einstieg in ein neues Papa-Moll-Buch.

So sah die Familie Moll im Jahr 1995 noch aus.
So sah die Familie Moll im Jahr 1995 noch aus.

Mimik belebt die Figuren

Wenn die Texte freigegeben werden, zerlegt Tobias die Geschichten in sieben bis neun Bilder. Jetzt beginnt seine Arbeit, die ihn die Zeit vergessen lässt. Er skizziert die einzelnen «bewegten» Szenen in Originalgrösse mit Bleistift. «Ja, den Radiergummi brauche ich auf jeden Fall», antwortet er auf die entsprechende Frage. Bei dieser Arbeit kann er seine ganze Kreativität, seine Ideen, sein handwerkliches Können, seinen Witz und den Spitzbuben in sich ausleben. Beim Skizzieren überlegt er sich, wie er das einzelne Bild aufbauen soll, wie gross die Figuren sein müssen und achtet auf das Grössenverhältnis.

Seine Figuren schauen nie direkt aus dem Bild, sondern dahin, wo etwas läuft. Und dann sind da noch die Emotionen, die Mimik. «Mit 30 bis 40 Gesichtsausdrücken kommt man in der Regel aus, obwohl es viel mehr Varianten gibt», informiert er. Unter die Skizzen beschreibt er die Handlung, notiert seine Gedanken dazu und schickt das Ganze wieder an die Verlegerin Klinkenberg. Diese schickt es dann an den Autor Jürg Lendenmann, der jetzt anfangen kann, die Verse zu schreiben. «Persönlich haben wir uns noch nie gesehen, wir verkehren per E-Mail, aber ich ziehe den Hut vor seinem Können. Es ist anspruchsvoll, in vier Zeilen das Geschehen auf den Punkt zu bringen», lobt Tobias. In dieser Phase könne es sein, dass er auch von Lendenmann Rückmeldungen zu den Zeichnungen bekomme. Andere Augen blicken anders darauf oder machen sich andere Überlegungen. «Ich bin mir diese Art von Zusammenarbeit gewohnt. Ich bin nicht nur Künstler, sondern auch Dienstleister und erfülle die Vorstellungen meiner Kunden», verdeutlicht er.

Pannen passieren Papa Moll auch in den Geschichten von Tobias.
Pannen passieren Papa Moll auch in den Geschichten von Tobias.

Neues Projekt

Wenn die Bleistiftskizzen abgesegnet sind, beginnt die Fleissarbeit, das Tuschen. Dafür vergrössert Tobias das Bild, legt es auf die beleuchtete Zeichnungsplatte und fährt alle Aussenlinien nach, setzt Falten in die Kleider, Striche ins Glas, die Spiegelungen markieren, und anderes mehr mit Tusche. «Wenn ich diese Arbeit mache, vergehen die Stunden im Flug, ich tauche richtig ab», verrät Raphael Bräsecke. Schliesslich scannt er alles ein und koloriert die Bilder am Bildschirm. Und dann verrät er sein Markenzeichen. «Seit Jahren zeichne ich irgendwo in meinen Arbeiten eine Katze rein. Immer die gleiche. Eine Katze passt immer, die sind überall anzutreffen.» Und er verrät noch etwas. Im Buch, das dieses Jahr erscheint, geht es um Unwetter, und da arbeitet das Team mit Meteo Schweiz und anderen Fachleuten zusammen. «Da können Eltern beim Vorlesen erklären, wie ein Unwetter entsteht, was vorgekehrt wird und was danach passiert.» Damit ist für Raphael Bräsecke eine weitere Türe aufgegangen, die anregend und interessant ist.

Anregend sind für ihn immer auch andere Comiczeichner. Er ist ein leidenschaftlicher Comicsammler. Seit seiner Kindheit. Das Gestell in seinem Arbeitszimmer enthält Trouvaillen. Dort stehen auch Biografien über Comiczeichner und Illustratoren. «Wenn ich eine Krise habe, wenn nichts mehr geht, dann gehe ich raus in die Natur und lese zusätzlich, wie andere Comiczeichner mit solchen Situationen umgegangen sind. Das hilft. Leere und schwierige Momente kennen alle.»

Raphael Bräsecke ist ein vielseitiger Illustrator und Comiczeichner.

Raphael Bräsecke ist ein vielseitiger Illustrator und Comiczeichner.

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