Thomas Kuster vereint Beruf, Familie und Traum vom Kranz
Thomas Kuster lebt mit seiner Familie im Gupf oberhalb von Altstätten. Als Schwinger, Zimmermann und Vater von drei Kindern bringt er Alltag, Arbeit und Sport unter einen Hut.

Hoch über Altstätten, nahe der Kantonsgrenze zum Appenzellerland, öffnet sich der Blick weit über das Rheintal. Dort, wo die alte Stossstrasse zwischen der Haltestelle Kreuzstrasse und Warmesberg verläuft, zweigt bei einer Gabelung ein Weg Richtung Gupf ab. Nach rund einem Kilometer endet er beim Zuhause der Familie Kuster. Während die Eltern noch den Milchwirtschaftsbetrieb führen, wohnt ihr jüngster Sohn Thomas Kuster mit seiner Familie im Stöckli rund 200 Meter weiter oben, dort, wo die Strasse endet. Von hier oben reicht die Aussicht über das weite Rheintal bis zu den Bergketten im benachbarten Vorarlberg oder verliert sich in einem wogenden Wolkenmeer, wenn das Unterland im Nebel versinkt.
Mit Gaiserbähnli zur Schule
In dieser idyllischen Landschaft, fernab von Hektik und Strassenlärm, ist Thomas Kuster mit seinen zwei älteren Brüdern aufgewachsen. «Hier oben hatten wir viel Freiheit. Aber wir mussten früh lernen, selbstständig zu sein», erzählt der inzwischen dreifache Vater. «Der Schulweg war lang, aber für uns Kinder ganz normal.» Tatsächlich ist der Weg ins Tal eine Herausforderung – und das bereits für Erstklässler. Denn Elterntaxis gibt es hier nur im Notfall. Zuerst führt ein Fussmarsch von rund 20 bis 30 Minuten zur Haltestelle. Dann gehts mit dem Gaiserbähnli hinunter nach Altstätten und von dort zu Fuss weiter zum Schulhaus. Am Nachmittag das Gleiche zurück. Später durften die älteren Kinder mit dem Velo, im Winter manchmal mit dem Schlitten, die steile Stossstrasse hinunterfahren. «Damals gab es noch einen Kondukteur im Bähnli. Der schaute nicht nur aufs Billett, sondern auch, dass wir keinen Seich machten und dass alle Kinder anwesend waren», erinnert sich Thomas Kuster und schmunzelt. Was daneben an Streichen und Abenteuern auf dem Schulweg geschah, lässt er offen. Doch dass auch seine Kinder, der siebenjährige Kilian, der vierjährige Andrin und die dreijährige Aline, ihre eigenen Schulwegerlebnisse machen werden, steht ausser Frage.

Vom Gupf ins Sägemehl
Das Freizeitangebot auf dem Gupf war überschaubar. Der nächste Ort lag weit entfernt, was ein Vereinsleben nicht einfach machte. Umso willkommener war es, als ein Bekannter der Familie die Kuster-Buben zum Schnuppern in den Schwingklub Gais mitnahm. Thomas war damals elf Jahre alt. «Ich fand schnell Freude am Schwingen, auch wenn ich anfangs oft verloren habe», erinnert er sich. «Ich musste unten durch, aber ich bin drangeblieben.» Der Einsatz zahlte sich aus. 2009 qualifizierte er sich als Jungschwinger für das eidgenössische Nachwuchsschwingfest. Ein grosser Moment. Zwei Jahre später errang er am Zürcher Kantonalschwingfest als Aktiver seinen ersten Kranz. Nur knapp zwei Monate später legte er mit dem zweiten Kranz der Saison am Kantonalen in Heiden nach. Am Schwägalp-Schwinget 2011 lernte Thomas seine spätere Frau Bianca kennen. Die Gastwirtstochter und Arztgehilfin aus Wolfhalden war zufällig mit einer Kollegin dort. «Ich war zum ersten Mal an einem Schwingfest. Schwingen interessierte mich damals eigentlich gar nicht», sagt die heute 35-Jährige und lacht. «Aber das hat sich inzwischen natürlich geändert.»
Heim mit eigener Handschrift
Ein Jahr nachdem sie sich kennengelernt hatten, zog das Paar zusammen in eine Mietwohnung nach Gais. Noch bevor im April 2018 das erste Kind zur Welt kam und ein Jahr später die Hochzeitsglocken läuteten, machte der gelernte Zimmermann aus dem Stöckli seiner Eltern ein heimeliges Zuhause. Im Januar 2017 wurde das Haus komplett ausgehöhlt. In jeder freien Minute arbeitete Thomas Kuster neben seinem Job bei einer Holzbaufirma in Appenzell, dem Training und der wachsenden Familie am Umbau. Von der Planung bis zum neuen Innenausbau, alles selbst gemacht, mit viel Liebe und dem unverkennbaren Fingerabdruck eines guten «Hölzigen». Im März 2018 konnte das Paar ins neue Heim im Gupf einziehen.

Was später mit dem elterlichen Betrieb geschieht, ist noch offen. Die beiden Brüder von Thomas sind beruflich anderweitig engagiert. «Ich habe zwar den Direktzahlungskurs gemacht», sagt der jüngste der drei Bauernsöhne, «aber in welcher Form ich den Betrieb neben dem Beruf als Zimmermann weiterführen werde, steht noch nicht fest. Neben Job, dem vielen Training und dem Familienleben auch noch den Hof zu führen, das kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen.»
Im Appenzeller Gwändli
Im Gegensatz zu seinen Brüdern, die den Schwingsport inzwischen aufgegeben haben, blieb Thomas Kuster dran. Zahlreiche Kränze und Ehrenpreise zieren heute eine ganze Wand in seinem Haus. Nach einer Zwangspause, die er einlegen musste, weil er sich beim Fussballspielen das Wadenbein gebrochen hatte, kehrte er gestärkt in den Ring zurück. Obwohl im Rheintal zu Hause, schwingt er für den Klub Gais. Die Appenzeller Tracht trägt er mit Stolz, wenn er sich an Schwingfesten den Kranz aufs Haupt setzen lässt. «Das hat sich einfach so ergeben. Gais war für mich näher als der Schwingklub Mittelrheintal. Ausserdem ist meine Mutter waschechte Innerrhoderin», verteidigt er sich schmunzelnd. Der Grossvater hätte seinem Enkel liebend gern seine Tracht vermacht. Doch wer sich einen typischen Appenzeller und daneben einen kräftigen Schwinger vorstellt, ahnt schnell, dass selbst die beste Schneiderin nichts hätte ausrichten können.

Erfolg kommt nicht von allein
Im Sägemehl hingegen passte alles: Kraft, Technik und Wille. So qualifizierte er sich viermal in Folge fürs Eidgenössische: 2016 in Estavayer-le-Lac, 2019 in Zug, 2022 in Pratteln und Thomas Kuster wird auch Ende August 2025 in Mollis mit dabei sein. Doch der Erfolg kommt nicht von allein. «Es braucht Disziplin, Ausdauer und einen klaren Rhythmus», sagt der Familienvater. «Im Winter trainiere ich drei Mal pro Woche im Sägemehl. Dazu gehe ich am Mittwochabend und je nachdem am Samstag oder Sonntag in den Kraftraum. So komme ich auf etwa zehn Trainingsstunden pro Woche.» Auch Mentaltraining gehört für ihn dazu. «Etwa einmal im Monat mache ich eine Sitzung. Das hilft mir gegen Nervosität und gibt mir Fokus.» Nicht zuletzt achte er auf die Ernährung: «Ich esse viel Teigwaren und Kartoffeln. Vor einem Wettkampf verzichte ich ganz auf Fleisch und auch auf Alkohol.»

Gänsehaut in der Arena
Wenn Thomas Kuster in die Arena einläuft, ist seine Familie oft unter den Zuschauern. Seine Frau und die Kinder verfolgen jeden Gang aus nächster Nähe. «Sie sind stolz auf mich; das bedeutet mir viel», sagt er. Noch hat der Teilverbandsschwinger einen grossen Traum – einen, den wohl jeder Schwinger in sich trägt: «Ich möchte mit einem Kranz vom Eidgenössischen nach Hause kommen. Das wäre für mich das Grösste.» Mit 32 Jahren rückt das Ende seiner aktiven Karriere langsam näher. Umso mehr zählt jeder einzelne Moment im Sägemehl. Einer der eindrücklichsten war für ihn das Luzerner Kantonalschwingfest in Rothenburg. «Ich war als Gastschwinger dort und durfte am Abend vor die Ehrendamen treten, als Einziger in Appenzeller Tracht. Die Zuschauer haben gejubelt. Das war ein richtig erhabenes Gefühl. Das vergisst man nicht.» Vielleicht, sagt er und lächelt, gibt es Ende August in Mollis nochmals so einen Moment, vielleicht sogar gekrönt mit einem Kranz.
Schwinger im Porträt
Vom 29. bis 31. August findet in Mollis das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF) statt. In einer losen Serie stellt der «St. Galler Bauer» Schwinger aus der Region vor. Sie erzählen ihre Geschichten, über ihre Motivation und von ihrem Weg in den Sägemehlring.
